Editorial

Einstiegsdroge Antifeminismus: Über die gesellschaftlichen Konsequenzen von Gérard Schockmels Äußerungen

DP-Präsidentin Carole Hartmann (r.) war ganz und gar nicht amüsiert über die Äußerungen ihres Kollegen Gérard Schockmel (l.)

DP-Präsidentin Carole Hartmann (r.) war ganz und gar nicht amüsiert über die Äußerungen ihres Kollegen Gérard Schockmel (l.) Foto: Editpress/Julien Garroy

Es gibt keinen Zweifel. Die Aussagen, die der DP-Abgeordnete Gérard Schockmel in seinem Wort-Gastbeitrag zum Thema Abtreibungsrecht niedergeschrieben hat, sind dezidiert antifeministisch – und stellen eine grobe Verzerrung feministischer Ideen und Ideale dar. Nicht ohne Grund haben sie schnelle und harte Reaktionen aus einem breiten Spektrum hervorgerufen. Von Chamber-Kollegen über Politikerinnen seiner eigenen Partei (darunter die Diversitätsministerin und die DP-Chefin) bis zur Zivilgesellschaft.

Es gibt in diesem Fall eine persönliche und gesellschaftliche Ebene. Die persönliche Ebene hat mit der Person Schockmel zu tun und dreht sich um die Frage: Ist ein Abgeordneter mit solchen Vorstellungen von politischen Freiheitsbewegungen tragbar für die liberale Fraktion im luxemburgischen Parlament? Diese Frage muss die DP selbst in den kommenden Tagen beantworten. Die gesellschaftliche Ebene reicht jedoch weit über die Person Schockmel hinaus – und geht uns alle an. Denn hier zeigt sich ein Muster, das historisch zwar altbekannt ist, aber nichtsdestotrotz in jüngster Zeit neue Brisanz entwickelt hat: antifeministische Ideen als Vorhut autoritärer, freiheitsfeindlicher und am Ende oft extrem rechter Ideologien. Es beginnt mit dem angeblichen „Maulkorb“ für Männer, mit Sprechverboten, einem Abtreibungsrecht, das zu weit gehe, und endet beim Feminismus als Untergang des Abendlandes. Antifeministische Argumente sind das Einfallstor für Gedankengut vom extremen politischen Rand ins bürgerliche Milieu der Mitte. Sie können sozusagen eine Einstiegsdroge sein. Man kann das heute ganz deutlich an den Social-Media-Beiträgen der extremen Rechten beobachten. Dort locken zum Beispiel AfD-Politiker ihr junges Publikum sehr erfolgreich mit antifeministischen Botschaften, sehen in der Emanzipation die Mutter aller Probleme und versprechen Linderung durch die Rückkehr zu tradierten Rollenbildern.

Diese Verbindung ist keinesfalls neu, sie ist historisch und reicht zurück bis ins frühe 20. Jahrhundert. Im Jahr 1902 veröffentlichte die deutsche Frauenrechtspionierin Hedwig Dohm eine Aufsatzsammlung mit dem Titel „Die Antifeministen“, wohl das erste Mal, dass dieser Begriff einer breiteren Öffentlichkeit präsentiert wurde. Dohm schreibt darin: „Die Frauenfrage in der Gegenwart ist eine akute geworden. Auf der einen Seite werden die Ansprüche immer radikaler, auf der anderen die Abwehr immer energischer.“ Auch damals schon war ein vermeintlicher Geburtenrückgang als Emanzipationsfolge (neben dem Wahlrecht für Frauen) die größte Sorge der Antifeministen. Weshalb sich 1912 der „Deutsche Bund zur Bekämpfung der Frauenemanzipation“ gründete – ein Zusammenschluss, in dem antifeministische Ideen auf Deutschnationalismus, Rassismus und Antisemitismus trafen.

Seitdem ist der Antifeminismus in vielen Spielarten ausgetreten – immer in Begleitung anderer reaktionärer Ideologien. Der ihm zugrunde liegende Gedanke hat sich jedoch nie geändert: Die Emanzipation (und Selbstbestimmung) von Frauen und Minderheiten stellen eine Gefahr für den Status quo dar, sprich: für die uneingeschränkte Machtposition (meist weißer) Männer. Mit seiner Kritik an sich wandelnden Geschlechterrollen, seinem Beharren auf patriarchalen Strukturen sowie dem Mythos vom Mann als Verlierer der Emanzipation hat der Antifeminismus Sympathisanten und Unterstützer bis weit in die Mitte der Gesellschaft – und bringt seine Bettgenossen mit. Im Sinne der Freiheit muss es also auch beim Schockmel-Schock heißen: Wehret den Anfängen!

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