Kommentar
Eine Stadt wird ausgelöscht – Theorien reichen nicht mehr
Wenn eine Stadt systematisch ausgelöscht wird, hilft kein Philosophieren von Westeuropäern über konkurrierende Großmächte oder Putins „Verteidigungsrecht“.
Auch in den USA, in Berlin und den Niederlanden finden Demos statt, die auf die katastrophale humanitäre Lage in Oleschky und allgemein in der Ukraine aufmerksam machen Foto: AFP/Wojtek Radwanski
Die Solidarität in Luxemburg mit ukrainischen Geflüchteten infolge der russischen Invasion im Februar 2022 war bemerkenswert. Ob finanzielle oder materielle Hilfe, Kundgebungen oder zivilgesellschaftliches Engagement: Selten hat es eine derart umfangreiche Mobilisierung in Luxemburg gegeben. Das ist absolut löblich. Mittlerweile steuert der Krieg auf das fünfte Jahr zu – und die Zahl der getöteten Zivilisten ist noch nie so hoch gewesen. Die Menschenrechts-Beobachtungs-Mission der Vereinten Nationen berichtete im Juli dieses Jahres von mindestens 437 Opfern – das ist die schwerste Bilanz seit Mai 2022.
Kritik an der NATO ist legitim – aber Russland bleibt ein Aggressor
Mittlerweile sind die russischen Bomben in der Ukraine in Luxemburg aber auch zu einem Hintergrundgeräusch geworden. Eine Statistik; Negativschlagzeilen, die etwas stören, aber bei denen wir nicht zu genau hinschauen möchten. Wenn noch über den Invasionskrieg gesprochen wird, dann häufig in Form von Analysen über Geopolitik und konkurrierende Weltmächte. Das ist alles legitim: Kritik an der NATO, an der ukrainischen Regierung, an antirussischen Ressentiments in Westeuropa ist berechtigt. Doch das ändert nichts daran, dass die humanitäre Lage in der Ukraine dramatisch ist – und Russland der Aggressor.
Insbesondere in Oleschky. Die Bevölkerung – rund 2.000 von einst mehr als 24.000 Einwohnern – hungert. Seit Monaten gelangen kaum mehr Lebensmittel in die seit 2022 von Russland besetzte Stadt. Michael O’Flaherty, Menschenrechtskommissar des Europarats, warnte erst vor wenigen Tagen, dass Zivilisten keinen ausreichenden Zugang zu Nahrung, Medikamenten und sauberem Wasser mehr haben. Berichten zufolge sollen hauptsächlich ältere Personen und rund 180 Kinder dort gefangen sein, umgeben von Minen und russischen Drohnen, was eine Flucht schier unmöglich macht. Das örtliche Krankenhaus steht vor einem Kollaps; Leichen stapeln sich in den Straßen. Dem von der EU geforderten sicheren Durchgang für Zivilisten hat Russland nicht zugestimmt.
Westeuropäische Politiker schweigen
Wenn Kinder, ältere und kranke Menschen in den Hungertod getrieben werden und eine ganze Stadt von der Landkarte radiert werden soll, ist das keine „Selbstverteidigung“. Dann dürfen unsere Politiker nicht schweigen und wir, die Ungebombten, die das Glück haben, nicht zu wissen, wie ein Alltag aussieht, wenn einem russische Drohnen um die Ohren fliegen, können uns nicht mehr nur mit philosophischem Geplänkel zufriedengeben oder mit pseudo-intellektueller Resignation darüber, dass einfach die ganze Welt dem Untergang zusteuert und eben jeder ignorant oder unmoralisch ist, außer wir selbst.
Ob in Gaza, Sudan, Kongo, den unzähligen weiteren betroffenen Gebieten oder eben einem europäischen Land wie der Ukraine, Antiimperialismus muss für alle Opfer gelten – auch, aber eben nicht nur, wenn der Aggressor die USA oder Israel ist. Oleschky braucht einen humanitären Korridor – jetzt!