Editorial

Ein bisschen Niederlande, bitte! Die Straße gehört nicht dem Auto

An dieser Stelle in Huldingen wurden Ende Januar zwei Fußgänger von einem Auto angestoßen – einer von ihnen starb am nächsten Tag

An dieser Stelle in Huldingen wurden Ende Januar zwei Fußgänger von einem Auto angestoßen – einer von ihnen starb am nächsten Tag Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante

Luxemburg beginnt, sich aus dem Würgegriff der autogerechten Stadtplanung zu befreien. Endlich rückt der Mensch wieder in den Mittelpunkt urbaner Infrastruktur – nicht das Auto. Immer mehr Städte setzen auf fußgängerfreundliche Straßen, Verkehrsberuhigung und lebenswertere Quartiere. Zu spät und zu langsam, aber immerhin.

Die politischen Entscheidungsträger haben Luxemburg in den vergangenen Jahrzehnten urbanistisch in eine Sackgasse gesteuert. Diesen Fehler hat allerdings nicht nur das Großherzogtum gemacht. In ganz Europa wuchs nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Kommerzialisierung des Automobils und dem Wirtschaftswachstum der Wunsch nach individueller Freiheit – und das in Form einer vierrädrigen Blechkiste. Sogar der Musterschüler des Straßenbaus, die Niederlande, setzte beim Wiederaufbau zuerst verstärkt auf asphaltierte Straßen und Parkplätze, bevor er in den 1970ern realisierte, dass dieses Modell nicht nachhaltig und vor allem nicht sicher ist. Der Ursprung dieser politischen Kehrtwende stammte unter anderem aus der Protestbewegung „Stop de Kindermoord“ (Stoppt den Kindermord), die 1972 – nachdem im Vorjahr mehr als 400 Kinder bei Autounfällen gestorben waren – für weniger Autoverkehr protestierte.

Mittlerweile gelten die Niederlande als die sicherste Nation für Fußgänger in der EU. Zwischen 2021 und 2023 war das Risiko, als Fußgänger im Straßenverkehr ums Leben zu kommen, in Luxemburg mehr als doppelt so hoch wie in den Niederlanden. Während dort jährlich durchschnittlich 3,3 Fußgänger pro Million bei einem Verkehrsunfall starben, waren es in Luxemburg etwa 7,2. Der Grund dafür dürfte klar sein: Die Niederlande designen ihre Straßeninfrastruktur vorwiegend für Verkehrsteilnehmer, die zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs sind.

Die vergangene Luxemburger Regierung hat sich beim Ausarbeiten des nationalen Mobilitätsplans (PNM2035), der nationalen Parkraumstrategie und dem Verkehrsberuhigungsplan an den urbanistischen Lehren der Fahrradnation inspiriert. Zu Recht. Diese Maßnahmen werden nun allmählich in den Gemeinden umgesetzt.

Luxemburg-Stadt beginnt nach und nach, sich bei der Verkehrsplanung an Vorbildern wie den Niederlanden zu orientieren. Mit dem Pilotprojekt in Limpertsberg, Merl und Hollerich testet die Hauptstadt seit dem heutigen Montag flächendeckend Tempo 30, Einbahnstraßenregelungen und bauliche Maßnahmen wie Berliner Kissen. Ziel ist eine lebenswertere Umgebung für Menschen zu Fuß und weniger Durchgangsverkehr in Wohnvierteln. Prinzipien, die in niederländischen Städten längst Standard sind – und viel konsequenter umgesetzt werden.

Auch Petingen orientiert sich zunehmend an modernen Mobilitätsprinzipien und plant, die rue Guillaume in eine Wohnzone mit Tempo 20 und gemeinsamer Nutzung durch Fußgänger und Radfahrer umzuwandeln. Statt Asphalt besteht der Straßenbelag aus Pflastersteinen – einem Material, das in niederländischen Wohnstraßen längst Standard ist. Sie beruhigen den Verkehr, beugen Hochwasser vor, lassen sich einfacher reparieren und sehen obendrein besser aus. Der Belag wirkt weniger „autogerecht“ und vermittelt optisch, dass hier nicht das Auto dominiert, sondern der Mensch.

Auch in anderen Städten wie Esch und Düdelingen wird immer öfter auf fußgängerfreundliche Infrastruktur gesetzt. Politiker und Bevölkerung realisieren langsam, aber sicher, dass die urbanistischen Entscheidungen der Vergangenheit falsch waren. Auch wenn der Wandel schleppend verläuft, wird doch immer offensichtlicher: Die Straßen gehören nicht dem Auto – sie gehören allen Verkehrsteilnehmern.

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