Leserforum
„Ein Moment der Schande“
Der Ausschluss des ukrainischen Skeleton-Piloten Wladyslaw Heraskewytsch von den Olympischen Winterspielen ist mehr als eine sportrechtliche Entscheidung – er ist ein moralischer Offenbarungseid des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Der Ausschluss markiert den moralischen Tiefpunkt dieser Spiele in Mailand und Cortina. Heraskewytsch wollte mit einem Helm starten, auf dem rund 20 ukrainische Athletinnen und Athleten abgebildet sind, die infolge des russischen Angriffskriegs ihr Leben verloren haben. Es sollte eine Hommage sein, ein stilles Gedenken und ein Zeichen der Verbundenheit mit der „olympischen Familie“, wie er sagte. Keine Parole, kein politischer Slogan, sondern Gesichter. Menschen. Opfer eines Krieges, der auch vor Sportplätzen nicht haltmacht. „Sport bedeutet nicht Erinnerungslosigkeit. Die olympische Bewegung sollte den Krieg stoppen“, erklärte Präsident Selenskyj.
Das IOC beruft sich auf das Neutralitätsgebot und die „Unantastbarkeit des Spielfelds“. Doch kann Erinnerung wirklich als politische Provokation gelten? Wenn das Gedenken an getötete Sportler untersagt wird, während Athleten des Aggressors unter neutraler Flagge antreten dürfen, dann ist das Neutralitätsargument nichts als eine Fassade. Neutralität darf nicht zur Gleichgültigkeit verkommen. IOC-Präsidentin Kirsty Coventry erklärte unter Tränen, dass niemand der Botschaft widerspreche. Man verstehe das Anliegen. Und doch wurde der Sportler ausgeschlossen. Wenn Mitgefühl bekundet, aber Konsequenz verweigert wird, entsteht der Eindruck moralischer Inkonsistenz. Tränen ersetzen keine Haltung.
Der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha brachte es auf den Punkt: Nicht die Athleten haben dem Ansehen des IOC geschadet, sondern die Entscheidung an sich. Auch rund 40 EU-Abgeordnete forderten ein Umdenken. Zu Recht warnen sie davor, dass die Sanktionierung eines Gedenkens als politische Handlung wahrgenommen wird. Heraskewytsch betonte, dass eine Medaille im Vergleich zu Menschenleben wertlos sei. Diese Aussage trifft den Kern. Der olympische Gedanke beruft sich schließlich auf Frieden, Respekt und Menschlichkeit. Wenn der Ruf nach Erinnerung jedoch zum Regelverstoß erklärt wird, stellt sich die Frage: Disqualifiziert sich das IOC hier nicht selbst?
Wenn Olympia wirklich nicht politisch sein will, warum dürfen russische Sportler dann nicht für ihr Land starten? Das ist doch lächerlich! Die olympische Idee entstand als Friedensprojekt. Wenn ein Athlet heute, mitten in einem andauernden Krieg, an getötete Kollegen erinnern will, dann verteidigt er genau die Werte, auf die sich das IOC so gern beruft. Der Helm war kein Affront gegen den Sport. Er war ein Appell an das Gewissen. Wer diesen Appell aus dem Eiskanal verbannt, sendet das fatale Signal, dass Form wichtiger ist als Mitgefühl. Dass Regeln schwerer wiegen als Erinnerung. Der wahre Schaden entsteht nicht durch ein Bild auf einem Helm, sondern durch den Eindruck, dass moralische Klarheit im olympischen System keinen Platz mehr hat.