Editorial

Die luxemburgischen Dörfer sind urbanistisch nicht mehr zeitgemäß

Straßen wie diese in Steinbrücken findet man in ganz Luxemburg

Straßen wie diese in Steinbrücken findet man in ganz Luxemburg Foto: Editpress/Alain Rischard

Wie oft gehen Sie zu Fuß aus der Wohnung, um ein paar Stunden im lokalen Café oder auf dem Dorfplatz zu verbringen? Für viele ist die Antwort wohl: nie. Das ist nicht verwunderlich, denn in vielen luxemburgischen Dörfern steht nicht der Mensch im Mittelpunkt, sondern das Auto.

Das am Sonntag abgehaltene Referendum in Leudelingen zeigt, wie sensibel das Thema Verkehrsberuhigung in den Gemeinden ist. Zwar lehnte eine knappe Mehrheit der Bürger eine flächendeckende Tempo-30-Regelung auf allen Hauptstraßen ab, doch das bedeutet nicht, dass der Wunsch nach weniger Verkehrslärm und lebenswerten öffentlichen Räumen verschwunden ist.

Die typische Dorfstraße ist so konzipiert, dass möglichst viele Fahrzeuge schnell durch eine Ortschaft geleitet werden können. Die Konsequenz: Der öffentliche Raum wird fast vollständig vom motorisierten Verkehr dominiert – mit schmalen Gehsteigen, wenig Platz für Begegnung und einer Atmosphäre, die eher zum Durchfahren als zum Verweilen einlädt.

Die gute Nachricht ist, dass viele Gemeinden dieses Problem erkannt haben – und nun angehen. Unter anderem mit Shared Spaces, die eine klare Trennung zwischen Fahrbahn und Gehweg aufheben und so alle Verkehrsteilnehmer zu mehr Aufmerksamkeit und Rücksichtnahme zwingen. Durchgangsverkehr wird eliminiert, Bewohner fühlen sich sicherer und vor allem wohler. Solche Begegnungsbereiche fördern soziale Interaktion, beleben Innenstädte und schaffen Orte, an denen Menschen sich begegnen, statt einander auszuweichen.

In Gemeinden wie Bartringen, Düdelingen oder auch Beles gibt es schon seit Längerem einen Shared Space. Und viele weitere Kommunen denken ebenfalls über einen stark verkehrsberuhigten Dorfkern nach: Käerjeng, Schifflingen, Strassen. Sogar Esch hat im lokalen Mobilitätsplan (PLM) einen Shared Space vorgesehen.

Doch es reicht nicht aus, den Verkehr zu beruhigen, um aus Straßen und Plätzen einen Treffpunkt zu gestalten. In Bergem soll bis 2029 ein Shared Space entstehen, der das Dorf wiederbeleben soll. Die Verkehrsberuhigung in der rue de Schifflange soll zwar dafür sorgen, dass Autos langsamer fahren und mehr Rücksicht auf Fußgänger nehmen, doch erst durch zusätzliche Projekte entsteht ein echter Dorfmittelpunkt. Mit dem geplanten Café, der „Épicerie“ und dem neu gestalteten „Haff Witry“ schafft die Gemeinde Monnerich Orte, an denen Menschen sich treffen und austauschen können. Auch in Leudelingen soll – unabhängig vom Referendum – der geplante Shared Space durch Einrichtungen, die für alltägliche Begegnungen sorgen, ergänzt werden: ein medizinisches Zentrum mit Praxen, eine Apotheke, ein kleiner Supermarkt und eine Brasserie.

Viele Gemeinderäte scheinen also verstanden zu haben, dass die urbanistischen Entscheidungen der Vergangenheit nicht mehr zeitgemäß sind. Doch damit aus Verkehrsberuhigungen auch lebendige Orte entstehen, braucht es mehr als neue Straßenführungen. Es braucht Räume, die zum Bleiben einladen.

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