Kommentar
Die Empörung über sexualisierte Gewalt als Kriegswaffe muss wachsen
Spätestens seit 1474 wissen wir: Vergewaltigungen gehören auch im Krieg bestraft. Trotzdem werden sie weiter als Waffe benutzt. Das muss aufhören.
Protest gegen Vergewaltigung als Kriegswaffe bei der „Marche féministe“ 2026 in Luxemburg-Stadt Foto: Editpress/Alain Rischard
1474 wurde der Ritter Peter von Hagenbach verurteilt, nachdem er mit seinen Truppen die Zivilbevölkerung terrorisiert und vergewaltigt hatte. Er wurde hingerichtet. „Der Fall ist von großer Bedeutung (…), weil es der erste dokumentierte Prozess ist, bei dem ein internationales Gericht ein Urteil gegen einen verantwortlichen Anführer verhängte wegen der sexualisierten Gewalt, die seine Truppen ausgeübt hatten“, schreibt Sofi Oksanen in dem Buch „Putins Krieg gegen die Frauen“. Das Urteil markiert einen Meilenstein. Die ersten Urteile wegen Vergewaltigung als Kriegsverbrechen in der Moderne wurden 1998 beim Ruanda-Tribunal gefällt, so Oksanen. Die Prozesse zu den Völkermorden auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens und in Darfur (Sudan) hätten derweil dazu beigetragen, „juristische Instrumente“ zu entwickeln und das Wissen über die „Folgen sexualisierter Gewalt“ zu steigern. Und trotzdem scheitert die Weltgemeinschaft daran, an all das anzuknüpfen. Das bestätigt der neue Bericht „There is something I need to tell you“ von „Médecins sans frontières“ (MSF) über die fortbestehende sexualisierte Gewalt im Darfur-Konflikt. Soldaten nutzen Vergewaltigungen weiter und systematisch als Kriegswaffe – und richten sie sogar gegen Kinder unter fünf Jahren.
Was für ein Armutszeugnis! MSF bedauert: Die internationale Gemeinschaft schaut weg. Niemand zeigt klare Kante. Vor Ort fehle es an Unterstützung. Im öffentlichen Diskurs drohen andauernde Konflikte wie der in Darfur, der 2003 ausbrach, in den Hintergrund zu rücken. Eine Krise jagt die nächste. Die Betroffenheit lässt nach. Die Überforderung wächst. Das ist menschlich, aber: Das Leid der Zivilbevölkerung in den Krisenregionen verschwindet nicht, weil die News dazu ausbleiben.
Es ist Zeit, entsetzt zu sein. Über den Krieg, über sexualisierte Gewalt als chronisches Gesellschaftsproblem – und über die Menschheit, die über 500 Jahre nach der Hinrichtung des Ritters von Hagenbach immer noch nicht aus ihren Fehlern gelernt hat.