Editorial
Der wichtigste Schluss aus dem Epstein-Skandal? Wir müssen unsere Reichen besser im Griff haben
Sensationslust und Verschwörungserzählungen dürfen nicht den Blick auf den politischen Kern der Epstein-Enthüllungen vernebeln: Macht und Reichtum korrumpieren, deshalb brauchen sie Grenzen.
Der Epstein-Skandal zeigt: Wir müssen unsere Reichen besser im Blick und im Griff haben. Foto: AFP/US Department of Justice
Die Epstein-Akten sind in den vergangenen Wochen zu einer globalen Obsession geworden. In Zeiten von Filterblasen, Atomisierung und gesellschaftlicher Spaltung ist das ziemlich beachtlich. Die Datenpakete, die das US-Justizministerium zuletzt Ende Januar der Weltöffentlichkeit zugänglich gemacht hat, haben sich für Menschen unterschiedlicher politischer Couleur zur Projektionsfläche entwickelt. Die einen hoffen, darin den entscheidenden Beweis zu finden, um König Donald J. Trump endlich vom Thron stürzen zu können. Die anderen sehen in ihnen den finalen Beleg für ihre antisemitischen Eliten-Verschwörungstheorien. Und alle dazwischen suchen nach neuen Indizien, Skandalen und Storys.
Die Epstein-Akten haben längst eine Dynamik entwickelt, die sich nicht mehr kontrollieren lässt. Neue juristische Konsequenzen haben sich daraus zwar bislang noch nicht ergeben, doch die Erschütterungen sind um den ganzen Globus zu spüren. Einige Männer und Frauen in einflussreichen Positionen haben über ihre in den Akten dokumentierten Verbindungen zu Jeffrey Epstein bereits ihre Jobs verloren bzw. aufgegeben: der britische US-Botschafter Peter Mandelson, der ehemalige französische Kulturminister Jack Lang, die Chefjuristin von Goldman Sachs, der Erbe des Hotelkonzerns Hyatt, der Chef des Logistikkonzerns DP World in Dubai. Die Liste lässt sich fortsetzen.
Die Sache ist also mal wieder kompliziert und es ist leicht, den Fokus zu verlieren. Vor allem weil schon von Beginn an von den US-Behörden schwere Fehler begangen wurden. Zum Beispiel beim Opferschutz: Während die Täter in den veröffentlichten Akten aufwendig unkenntlich gemacht wurden, sind Epsteins Opfer in vielen Fällen leicht zu identifizieren, die Gefahr einer Retraumatisierung hoch. Überhaupt stand die Perspektive der Opfer bzw. eine Debatte über sexuellen Missbrauch nie im Zentrum der Epstein-Enthüllungen. Dabei wäre diese bitter notwendig. Es braucht keine Privatinsel und kein globales Netzwerk für Missbrauch. Er ist brutal-banaler Alltag. Ein strukturelles Problem unserer Gesellschaft. Aber das ist aufmerksamkeitsökonomisch nicht so ergiebig.
Was zum nächsten Problem führt: der Instrumentalisierung. Die Epstein-Akten lassen viel Raum für Spekulationen. Sie sind damit – vor allem auf Social Media – ein Nährboden geworden für alte antisemitische Verschwörungserzählungen von den Kinderblut trinkenden jüdischen Kosmopoliten. Vieles, was in den letzten Monaten und Jahren im Fall Epstein enthüllt wurde, klingt tatsächlich wie eine Verschwörungstheorie. Deshalb ist es umso wichtiger, auf weitere juristische Aufklärung zu drängen – auch außerhalb der USA, um Epsteins Zubringer-Netzwerk zur Rechenschaft zu ziehen.
Bei den meisten Fällen, die nun im Rahmen der Epstein-Akten an die Öffentlichkeit gebracht werden, geht es jedoch nicht um Mittäterschaft, sondern vor allem um finanziell-freundschaftliche Verknüpfungen einer globalen Elite aus Politik, Kultur und Wirtschaft. Die Vorwürfe: Steuerbetrug, Geldwäsche, Korruption. Die Betroffenen sind wohlgemerkt auch hier wieder jedweder politischer Couleur, wie der Fall von Thorbjörn Jagland, dem ehemaligen sozialdemokratischen Ministerpräsidenten von Norwegen, zeigt.
Sensationslust und Verschwörungserzählungen dürfen also nicht den Blick auf den politischen Kern der Epstein-Enthüllungen vernebeln: Macht und Reichtum korrumpieren, deshalb brauchen sie Grenzen. Wir müssen unsere Reichen besser im Blick und im Griff haben. Wenn Macht und Geld moralisch so verderben, egal, aus welcher politischen Richtung man kommt, vielleicht darf die Gesellschaft sie dann nur in homöopathischen Dosen verteilen? Mit Vermögenssteuern, Erbschaftssteuern belegen, Steueroasen trockenlegen? Vielleicht sind das die Fragen, die wir uns stellen sollten, während wir auf den nächsten Skandal-Namen aus den Epstein-Akten warten.