Editorial
Das todgeweihte Regime: Kommt es zu einem Machtwechsel im Iran?
Zwar wurde die jüngste Protestwelle im Iran blutig niedergeschlagen. Aber die Luft für die Mullahs ist dünn geworden. Fragt sich nur, wie es zum Wechsel der Macht kommen kann und wer sie übernimmt.
Wiesn-Zeit im Februar? Anhänger des Schah-Sohns Reza Pahlavi auf der Münchner Theresienwiese am 14. Februar. Michaela Stache / AFP
Im Iran ist Ruhe eingekehrt. Friedhofsruhe. Einmal mehr hat das despotische islamistische Regime einen Aufstand niedergeschlagen. Wieder hat es auf die Proteste der Iraner mit brutaler Repression reagiert, mit einem Massaker an der eigenen Bevölkerung. Während der Schock und die Trauer tief sitzen, zeigen die Machthaber demonstrativ und zynisch ihre Macht. „Das Regime verhöhnt die Toten“, schrieb unlängst Der Spiegel.
Doch die Mullahs sind geschwächt. Zum einen hat sich die ökonomische Krise im Iran verschärft. Die wochenlangen Internetsperren während der Proteste haben der Wirtschaft noch weiter zugesetzt. Bereits nach dem Zwölftagekrieg mit Israel im letzten Sommer war die Arbeitslosenzahl nach offiziellen Angaben um 650.000 gestiegen. Hinzu kam die Währungskrise, ein Auslöser für die Proteste ab Ende Dezember, als Händler des Teheraner Basars zum Streik aufriefen, nachdem der iranische Rial auf ein historisches Tief gefallen war und die Preise für Lebensmittel explodiert waren. Soziale Not, politische Unterdrückung und Perspektivlosigkeit bildeten den Zündstoff für den Aufstand. Wie bei den Protestwellen 2019 und 2022 antwortete das Regime auch diesmal mit grausamer Gewalt.
Der Hass und die Wut über die Mullahs um den Obersten Führer Ali Khamenei sind geblieben. Das war vor einer Woche zu spüren, als rund 250.000 Menschen auf die Münchner Theresienwiese gekommen waren, um das Ende der theokratischen Diktatur zu fordern. Im Vergleich zu früheren Aufständen sind einige Unterschiede festzustellen. Etwa, dass das Regime so geschwächt wie noch nie zuvor ist. Außenpolitisch sind ihm einige Verbündete wie Hamas und Hisbollah aus der „Achse des Widerstands“ abhandengekommen, ebenso der syrische Diktator Baschar al-Assad. Außerdem zeigten die israelischen Bombenangriffe im Juni 2025, wie verwundbar der Iran militärisch ist.
Einen weiteren entscheidenden Unterschied stellt die Person Reza Pahlavi als mögliche Integrationsfigur der Opposition dar. Der Sohn des letzten Schahs von Persien, Mohammad Reza Pahlavi, der 1979 durch die „Islamische Revolution“ gestürzt wurde, soll auf Wunsch vieler Iraner nach einem Sturz des theokratischen Regimes die Führung im Land übernehmen – auch wenn ihm vor allem Angehörige ethnischer Minderheiten wie die der Kurden misstrauen. Zwar sind sich viele Iraner darin einig, dass die Mullah-Diktatur fallen muss, doch ist die Opposition nach wie vor tief gespalten. Obwohl Reza Pahlavi ein Hoffnungsträger ist, gibt es etliche Gründe, die aktuelle Schah-Nostalgie zu hinterfragen. Schließlich wird Pahlavi von rechtsgerichteten Kräften unterstützt. Nicht zuletzt fehlt es an einer kritischen Aufarbeitung des alten Schah-Regimes. Nicht jeder, der das aktuelle Mullah-Regime ablehnt, ist zugleich ein Demokrat. Auf den monarchistisch geprägten Demonstrationen wurde unter anderem „Tod den Linken“ gerufen.
Bleibt noch die Frage nach dem Wie des Regime-Wechsels: Die Europäer haben sich in ihren Beziehungen zum Mullah-Regime vor allem in Leisetreterei geübt, nachdem sie lange Zeit gute Geschäfte mit diesem gemacht hatten. Zwar riefen Bundeskanzler Friedrich Merz, der britische Premierminister Keir Starmer und der französische Staatspräsident Emmanuel Macron im Januar Teheran dazu auf, „die Grundrechte der iranischen Bürger zu wahren“. Nicht wenige aus der iranischen Opposition fühlen sich jedoch von Europa im Stich gelassen.
Nun ruhen die Hoffnungen vieler Exil-Iraner auf einer US-Militäraktion. US-Präsident Donald Trump warnte vor erheblichen Konsequenzen, sollte der Iran bei den Atomverhandlungen nicht einem „Deal“ zustimmen, und sprach von einer Frist von zehn bis 15 Tagen. Die USA zogen massiv Streitkräfte im Nahen Osten zusammen, darunter zwei Flugzeugträger. Aber geht es Trump wirklich um einen „Regime Change“? Die Militärinterventionen in Ländern wie Irak und Afghanistan hatten bekanntlich katastrophale Folgen. Das weiß man nicht nur in Washington, sondern auch in Teheran.