Editorial
Avocados: Gesund, aber umweltschädlich
Avocados werden hauptsächlich in Mittel- und Südamerika angebaut Foto: AP/Nick Wagner
Wasser ist Leben – eine Botschaft, die man nicht oft genug wiederholen kann. Das Tageblatt widmete zwar erst am vorigen Freitag seinen Leitartikel „Das kostbare Nass“ der zunehmenden Wasserknappheit, doch neben dem Klimawandel fördern andere Aspekte den Mangel, wie z.B. der hohe Wasserverbrauch in der Produktion einiger landwirtschaftlicher Erzeugnisse. Nehmen wir als Beispiel das „Superfood“ Avocado: Man kann die Frucht getrost als Symbol für einige der Widersprüche der westlichen Wohlstandsgesellschaft nehmen.
Es fehlt hier der Platz, um alles zur Avocado zu sagen, doch einige Fakten sind vielsagend. Die Produktion eines Kilos Avocados verbraucht z.B. mehr als 1.000 Liter Wasser. Sicher, Rind und andere Fleischsorten benötigen Unmengen mehr – ein Problem, auf das schon öfters aufmerksam gemacht wurde. Veganer begründen ihren Fleischverzicht u.a. mit dem hohen Wasserverbrauch bei der Fleischproduktion. Zudem wird die Frucht aber oft dort angebaut, wo ohnehin schon wegen des Klimawandels Wassermangel herrscht. In Chile z.B. müssen in einigen Gebieten Menschen Einschränkungen ihres Trinkwassers hinnehmen, weil Großgrundbesitzer ihre Avocados mit dem verfügbaren Wasser bewässern. Wie der deutsche Fernsehsender „das Erste“ einmal berichtete, müssen Anwohner dort deswegen mit Wasser aus Tanklastwagen versorgt werden.
Und ein Großteil der Produktion geht nach Europa. Viele Menschen mit einem ökologischen Bewusstsein wollen z.B. vegan leben (u.a. wird Avocado gerne als Butterersatz verwendet), und da die Frucht dazu noch sehr gesund ist, ist sie sehr gefragt. 2020 wurden etwa 373.000 Tonnen, hauptsächlich aus Südamerika, in die EU importiert. In klimatisierten Hallen reifen sie dann hier, bis sie „mundtauglich“ sind. Zu der Wasserproblematik kommt also mit dem Import noch die desaströse CO2-Bilanz hinzu.
Irrsinnig ist die Situation im südspanischen Andalusien und in Südportugal: In den Regionen, die sowieso schon regelmäßig von Dürreperioden heimgesucht werden und an chronischem Wassermangel leiden, werden mittlerweile auch Avocados angebaut. Um Avocado-Plantagen Platz zu machen, werden, vor allem in Mexiko, dem wichtigsten Produzenten, illegal Wälder abgeholzt, was sich wiederum negativ auf das Klima und damit auf den Wasserkreislauf auswirkt. An dem guten Geschäft verdingt sich übrigens in dem Land auch das organisierte Verbrechen. Anfang dieses Jahres verboten die USA deshalb zeitweilig den Import der „mexikanischen Blutdiamanten“, wie die Frucht noch genannt wird.
Die Avocado versinnbildlicht gut einen der Widersprüche, in denen unsere auf Gesundheit und Nachhaltigkeit bedachte westliche Luxusgesellschaft steckt: Wir wollen uns selbst etwas Gutes tun, doch mit diesem „Guten“ richten wir allgemeinen Schaden an. Jeder von uns trägt Verantwortung, und die beginnt beim täglichen Essen. Allzu oft ist aber die Überlegung: Was macht schon eine Avocado auf meinem Teller aus? – Viel. Um es mit Neil Armstrong zu sagen: Es ist ein kleiner Schritt für den Einzelnen, und damit aber ein großer Schritt für die Allgemeinheit.