Touring Sofa Experience

Zwanzig Stühle reichen – wie ein Düdelinger Paar regelmäßig internationale Künstler empfängt

Die „Touring Sofa Experience“ schickt unabhängige Musiker nicht in Clubs, sondern in Privathäuser. Anny und Sam in Düdelingen haben rund 30 solcher Abende veranstaltet – Übernachtung inbegriffen.

Nur wenige Schritte trennen Aurora Ray von ihrem Publikum – eine klassische Bühne gibt es nicht

Nur wenige Schritte trennen Aurora Ray von ihrem Publikum – eine klassische Bühne gibt es nicht Foto: Carole Theisen

„Die Idee ist, für einen Abend aus jedem Ort einen Konzertsaal zu machen.“ Bei Anny und Sam in Düdelingen braucht Farid dafür weder Bühne noch Garderobe. Ein Wohnzimmer, einige Stühle und ein paar Steckdosen genügen. 19 Menschen sitzen nur wenige Schritte von der Musikerin Aurora Rays entfernt.

Die Musikerin ist bereits zum dritten Mal mit der „Touring Sofa Experience“ unterwegs. Die europaweite Konzertreihe bringt unabhängige Singer-Songwriter nicht in klassische Säle, sondern in Privathäuser, Wohnungen und Gärten. Die Zahl der Gäste bleibt mit meist 15 bis höchstens 50 Personen überschaubar. „Der Fokus liegt auf dem Künstler und auf der Musik“, sagt Rays. „Man hat wirklich die Möglichkeit, mit dem Publikum in Kontakt zu kommen.“

Mit dem letzten Song ist der Abend nicht vorbei. Anny und Sam stellen Getränke und Knabbereien bereit, die Gäste bringen häufig selbst etwas zu essen mit. Anschließend schlafen die Musikerin und ihr Tourmanager im Haus. Am nächsten Morgen wird die Technik wieder im Wagen verstaut und die Tour führt weiter zum nächsten Wohnzimmer.

Aus jedem Ort einen Konzertsaal machen

Hinter dem Projekt steht Farid, ein belgischer Tourmanager und Konzertfotograf. Er kutschiert die Technik durch Europa, plant Routen und Termine, übernimmt Aufbau und Ton und hinterlässt das Wohnzimmer anschließend so, wie er es vorgefunden hat. Von den Gastgebern verlangt er zunächst nicht viel: „Ich brauche nur Steckdosen. Um den Rest kümmere ich mich.“

Anny und Sam haben an verschiedenen Wohnadressen bereits rund 30 Konzerte veranstaltet

Anny und Sam haben an verschiedenen Wohnadressen bereits rund 30 Konzerte veranstaltet Foto: Carole Theisen

Die Gastgeber schaffen Platz, laden ihren eigenen Gästekreis ein und stellen mindestens zwei Schlafmöglichkeiten bereit. Rund 20 Menschen finden sitzend in ihrem Wohnzimmer Platz. Mehr ließen sich unterbringen, doch darum gehe es nicht, sagt Sam: „Wir wollen keinen Konzertsaal daraus machen. Es ist einfach ein kleines Konzert zu Hause, für Familie und Freunde.“

Was nach einer charmanten Nischenidee klingt, ist Farids Antwort auf ein uncharmantes Problem: Unbekanntere Künstler, die noch kein größeres Publikum aufgebaut haben, verlieren auf Tour schnell Geld und landen häufig in Bars, in denen die Musik kaum mehr als Begleitprogramm ist. Unter der Woche spielten die Künstler dort mitunter „vor den vier Stammgästen, die jeden Tag dasselbe Bier trinken“, erzählt Farid. Am Wochenende sei der Raum zwar voll, „aber niemand hört zu, weil die Leute dort sind, um zu feiern“.

Auch bei regulären Konzerten bleibe das finanzielle Risiko oft am Künstler hängen, während Saal, Bookingagentur, Begleitmusiker und Management bezahlt werden wollten. Wer gerade erst anfängt, verfüge jedoch weder über das Publikum noch über das Budget, um einen Saal zu füllen. Die Sofa-Touren funktionieren deshalb auch als Teststrecke: Die Künstler sammeln Auftrittserfahrung, probieren neue Songs aus und bauen in verschiedenen Regionen ein erstes Publikum auf. Einige von ihnen will Farid später mit kompletter Band in reguläre Konzertsäle zurückbringen.

Feste Ticketpreise gibt es bei den meisten Wohnzimmerkonzerten nicht. Nach dem Auftritt werden Spenden gesammelt, manchmal per QR-Code; hinzu kommen Einnahmen aus dem Verkauf von Merch. „Die Leute geben, was sie können“, sagt Farid. Studierende hätten vielleicht fünf Euro übrig, andere mehr. „Wir versuchen nicht, um jeden Preis Geld zu verdienen. Es geht darum, diese Verbindung herzustellen.“

Dass er einmal Wohnzimmer statt Clubs buchen würde, war nicht geplant. Farid arbeitete zehn Jahre lang in der Informatik. Nebenbei fotografierte er Konzerte. 2015 nahm ihn eine Band für zwei Wochen mit auf Tour. Dort übernahm er zunehmend organisatorische Aufgaben – und kündigte anderthalb Monate nach seiner Rückkehr seinen Bürojob, um als Tourmanager zu arbeiten.

Die Idee zur „Touring Sofa Experience“ entstand später in einem lauten Irish Pub in Karlsruhe. Farid beobachtete Gäste, die dem Konzert zuhören wollten, zwischen Gesprächen und Feierlärm jedoch kaum etwas verstanden. Fünf Monate lang arbeitete er an einem anderen Modell. 2019 testete er es in einer Wohnung in Österreich, und „es war finanziell der beste Abend der Tour.“

Als während der Pandemie Konzertsäle geschlossen blieben, erwies sich das bereits erprobte Wohnzimmerformat als besonders flexibel. Viele Menschen fühlten sich bei kleinen Veranstaltungen im vertrauten Kreis wohler als in öffentlichen Räumen. Nach der Pandemie fehlte zahlreichen Bands und Agenturen das Budget für klassische Tourneen. Aus Farids Nebenprojekt wurde ein dauerhaftes Tourneemodell.

Zwischen leerem Wohnzimmer und Hochzeitsgesellschaft

Anny lernte ihn über den finnischen Musiker Erik Sjoholm kennen. Das erste Wohnzimmerkonzert ergab sich anschließend „von Freunden zu Freunden“. Seither haben Anny und Sam an verschiedenen Wohnadressen und in ihrem heutigen Haus rund 30 Auftritte veranstaltet. Verläuft eine Tour durch Luxemburg, gehört ihr Wohnzimmer meist zu den festen Stationen.

Wie unterschiedlich solche Abende ausfallen können, zeigte ausgerechnet Sjoholm. Einmal spielte er nur für Anny, Sam und Farid, weil kein weiterer Gast erschien. Später trat er bei der Hochzeit des Paares vor rund 100 Menschen auf. „Wir haben beide Seiten erlebt“, sagt Sam. Manche Musiker kehren inzwischen regelmäßig zurück.

Privat bedeutet dabei nicht ungeprüft. Die Künstler erhalten Zugang zu den Häusern ihrer Gastgeber und übernachten dort. Farid wählt sie deshalb nicht nach Followerzahlen aus, sondern berücksichtigt ebenso ihre Persönlichkeit und ihr Verhalten. „Die Leute empfangen uns bei sich zu Hause. Das Mindeste ist, sie und ihr Zuhause zu respektieren.“ Eine geplante Tour sagte er ab, nachdem er schwerwiegende Vorwürfe gegen einen Künstler überprüft hatte. Eine andere beendete er wegen wiederholten respektlosen Verhaltens vorzeitig. Während der gesamten Reise bleibt er der feste Ansprechpartner für die Hosts.

Auch für die Musiker ist die Tour kein Urlaub in fremden Wohnzimmern. Vier Wochen unterwegs zu sein, täglich weiterzureisen und immer wieder in einem anderen Zuhause zu schlafen, sei intensiv, sagt Rays. Empfehlen würde sie das Format anderen unabhängigen Künstlern trotzdem. Anny wiederum schätzt, dass die Konzerte Freunde und Verwandte zusammenbringen, die sich sonst seltener sehen. „Man hört gute Musik und kann den Kopf abschalten.“ Mit Gesprächen aus der hinteren Ecke einer vollen Bar muss die Musik an diesem Abend jedenfalls nicht konkurrieren.

Farid bringt die gesamte Technik mit und verwandelt private Räume für einen Abend in kleine Konzertsäle

Farid bringt die gesamte Technik mit und verwandelt private Räume für einen Abend in kleine Konzertsäle Foto: Carole Theisen

Keine offene Gästeliste

Die Konzerte bei Anny und Sam sind private Veranstaltungen. Dieser Artikel ist daher keine Einladung, das Paar um einen Platz im Wohnzimmer zu bitten – auch nicht über gemeinsame Bekannte. Die Hosts entscheiden selbst, wen sie einladen; häufig besteht das Publikum aus einem festen Kreis wiederkehrender Gäste. Wer das Konzept selbst ausprobieren möchte, kann stattdessen die „Touring Sofa Experience“ kontaktieren und das eigene Zuhause als Konzertort anbieten.

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