Essai

Wir müssen die Lyrik befreien: Warum die Dichtung trotz ihrer Präsenz in den Medien ein Image-Problem hat – und wie sich das ändern kann

Die Lyrik lebt, zum Stift griff vor kurzem sogar das ukrainische Staatsoberhaupt. Das ist erfreulich, doch es stellt sich die Frage, warum wir der Lyrik so viel Macht zusprechen und sie gleichzeitig so geringschätzen.

„Ein Orakel, aus dem sich das Unerschaffene in die Welt spricht“: Dichter*innen werden auf gesellschaftlicher Ebene manchmal übernatürliche Kräfte angedichtet – und trotzdem bleibt die Lyrik das Stiefkind der Literatur. 

„Ein Orakel, aus dem sich das Unerschaffene in die Welt spricht“: Dichter*innen werden auf gesellschaftlicher Ebene manchmal übernatürliche Kräfte angedichtet – und trotzdem bleibt die Lyrik das Stiefkind der Literatur. 

Diese Zeiten machen mürbe. Mit dem Einfall der russischen Armee in die Ukraine haben wir die vermeintliche Gewissheit, in Europa würde kein Krieg mehr ausgefochten, gemeinsam zu Grabe getragen. Zuvor trugen wir schon andere Gewissheiten gemeinsam zu Grabe, denn entgegen unserer Annahme, dass Diversität nun einmal der Toleranz bedürfe und mit Toleranz der gesellschaftliche Zusammenhalt auf jeden Fall gesichert sei, zeigte uns die Pandemie, wie schnell tiefe Risse unsere Gesellschaft durchfahren können und wie heftig Freiheitsgrundrechte mit Vorstellungen von kollektiver Verantwortung und Solidarität kollidieren können. Von diesem Schock haben wir uns noch nicht erholt; und nun folgt gleich der nächste, mit all seinen noch nicht absehbaren ökonomischen und sozialen Folgen.

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