Gemeindeporträt

Winseler: Eine Landgemeinde, die bleiben will, was sie ist

In Winseler geht das Leben einen gemächlichen und harmonischen Gang. Die kleine Nordgemeinde mit den vielen Einfamilienhäusern, die sich wie Perlen an den Hängen der Ardennen aneinanderreihen, lebt von der Natur rundherum. Die Gemeinde ist schuldenfrei und will es bleiben.

Die Bevölkerungszahl von Winseler hat sich von 2001 bis 2025 nahezu verdoppelt; laut Gemeinde leben dort heute Menschen aus über 40 Nationen harmonisch zusammen

Die Bevölkerungszahl von Winseler hat sich von 2001 bis 2025 nahezu verdoppelt; laut Gemeinde leben dort heute Menschen aus über 40 Nationen harmonisch zusammen Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante

Romain Schroeder (60) ist einer der dienstältesten Bürgermeister im Land. Seit einem Vierteljahrhundert steuert der gelernte und noch aktive Finanzbeamte die 1.500-Einwohner-Gemeinde durch alles, was kommt. Seit 1989 sitzt das CSV-Mitglied im Gemeinderat. 2001 sammelt er so viele Stimmen, dass er gar nicht anders kann, als das Amt als Gemeindechef anzunehmen.

Damit gerechnet hat er damals nicht. Gab es irgendwann einmal Gegenkandidaten? „Ja“, sagt er. 2017 und 2023 muss in der Majorzgemeinde nicht gewählt werden, es gibt neun Kandidaten und neun Sitze. „Ich hätte lieber Wahlen gehabt“, sagt Schroeder. Das wäre in seinen Augen eine Bestätigung dafür, dass es gut läuft oder eben nicht.

Wie es seiner Generation entspricht, regelt Schroeder alles über einen Anruf. Dann ist Winseler nicht so abgeschieden, wie es für Außenstehende scheint. Die Nummern in seinem Handy sind die kürzeste Verbindung ins Regierungsviertel der Hauptstadt. „Die Strecke von oben nach unten ist kürzer als die von unten nach oben“, zitiert er einen geläufigen „Running Gag“ zur verkehrstechnischen Anbindung der Gemeinde an die Hauptstadt.

Immer im Einsatz

Der kurze Dienstweg über einen Anruf klappt nicht nur mit den Parteikollegen der aktuellen Koalition. „Wenn man so lange dabei ist, kennt jeder jeden“, sagt Schroeder. Als Bürgermeister einer kleinen Landgemeinde pflegt er Kontakte in alle Richtungen, wenn es um das Wohl der Gemeinde geht. Intern ist er ein 24/24h-Bürgermeister. Seine Rolle definiert er als „Ombudsmann“.

Romain Schroeder, seit 25 Jahren Bürgermeister der Gemeinde, kündigt Rücktritt bei der Wahl 2029 an.

Romain Schroeder ist seit 25 Jahren Bürgermeister der Gemeinde, tritt aber 2029 nicht mehr an. Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante

„Wenn die Leute mein Auto vor der Tür sehen, wissen sie, dass ich da bin und klingeln“, sagt er. „Egal wann.“ Deshalb hat er kein Büro im Rathaus. Er lebt seit jeher in Winseler und kennt jeden und alles in der Majorzgemeinde mit den insgesamt acht Ortschaften und den rund 1.500 Einwohnern.

Administrativ oder privat, er ist eine Anlaufstelle, die sich herumgesprochen hat. Der „Congé politique“ von 16 Stunden spielt keine Rolle, er ist immer im Einsatz. „Ich bin ein Vereinsmensch“, sagt er. Wenn er seine politische Karriere irgendwo anfangen lassen sollte, dann ist das als Präsident des Jugendklubs, in dem er sich vor Jahrzehnten engagiert.

Meine Gemeinderatskollegen und ich sehen nicht ein, warum wir etwas ändern sollen, was momentan exzellent läuft

Romain Schroeder

Bürgermeister von Winseler

Nein zur Fusion

Vereine wie Feuerwehr, die Harmonie und „Syndicat d’initiative“ folgen und überall übernimmt er Verantwortung mit einem Posten. Die Gemeinde ist sich selbst genug. Deshalb sagt der Gemeinderat am 25. April 2025 einstimmig „Nein“ zur Fusion mit der Stausseegemeinde. „Es hat für uns keine Vorteile“, sagt Schroeder. „Meine Gemeinderatskollegen und ich sehen nicht ein, warum wir etwas ändern sollen, was momentan exzellent läuft.“

Dazu gehört die interregionale Schule samt „Maison relais“ in Harlingen, die Winseler, Bauschleiden und die Stauseegemeinde gemeinsam betreiben. 527 Schüler besuchen sie, 300 Kinder werden in der „Maison relais“ betreut, die zukünftig auf 350 Plätze erweitert werden soll. Die beiden privat betriebenen „Crèches“ in Pommerloch haben insgesamt bis zu 270 Plätze, was bis jetzt reicht.

Modernes Feuerwehrgebäude am 1. Februar 2026 eröffnet, neue Rettungswache mit moderner Architektur und Einsatzfahrzeugen

Das neue Feuerwehrgebäude, das am 1. Februar 2026 bezogen wurde Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante

In der Ortschaft Donkols ist ein neues „Centre culturel“ im Bau, weswegen das ehemalige Feuerwehrgebäude an gleichem Platz weichen muss. Beides war längst fällig. Die „Pompjeeën“ haben am 1. Februar 2026 ein neues Domizil in der Ortschaft Schleif bezogen. Kostenpunkt für beides: rund fünf Millionen Euro. Kredite braucht es dafür nicht. „Wir sind seit vier Monaten schuldenfrei“, ist ein Satz, den wenige Gemeinden über sich sagen können.

Vorsichtige Ausgabenpolitik

Als Finanzmensch befürwortet Schroeder schon immer eine vorsichtige Ausgabenpolitik, weswegen ihn das staatliche „Bonbon“ bei einer Fusion kalt lässt. Die einzelnen Ortschaften, die die Gemeinde bilden, sind dünn besiedelt, was zu so mancher Absurdität führt. „In Bohey, einem Teil der Ortschaft Donkols, wohnen etwa 15 Menschen, aber 300 arbeiten dort“, sagt er.

Winseler Familie beim Einkaufen in Pommerloch, Alltagsszene im ländlichen Luxemburg

Zum Einkaufen gehen die Winseler nach Pommerloch Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante

An dem Ort sitzt eine große Steuerberatungsgesellschaft sowie der Betreiber einer Tankstelle. Arbeitsplätze hat die Gemeinde nach eigenen Angaben mehr als Einwohner. Zahlen oder Statistiken dazu gibt es nicht. Bei drei Mitarbeitern in der Verwaltung und noch einmal sieben im „Service tchnique“ ist es schwierig, jemanden dafür abzustellen.

Natur, Wander- und Radwege als „Plus value“

Die Einwohnerzahl Winselers hat sich zwischen 2001 und 2025 fast verdoppelt und mehr als 40 Nationalitäten leben nach Gemeindeangaben in friedlichem Miteinander. Ressentiments, Vorbehalte oder gar Überforderung angesichts der „Bäigepeschten“ wie andernorts sind in Winseler Fehlanzeige.

„Mein Nachbar ist Portugiese, weiter oben in der Straße wohnt ein Niederländer und gegenüber ein Belgier“, sagt Schroeder. „Wir sind hier eine große Familie.“ Sowieso ist der Nachbar Belgien nahe und die Straßen nutzen viele Pkws mit belgischen Kennzeichen. „Ich sage immer, Französisch habe ich nicht in der Schule, sondern in Bastogne gelernt“, sagt der Rathauschef.

Die Frage nach der „Plus value“ der Gemeinde beantwortet er mit „Natur, Wander- und Radwege.“ Da wundert es nicht, was er sich für seine Gemeinde in der Zukunft wünscht. „Wir wollen bleiben, was wir sind“, sagt er. Der Stausee ist nur zehn Kilometer entfernt und wer in die hauptstädtische Philharmonie zu einem Konzert will, braucht eine Stunde. Danach geht es zurück zu Ruhe und Natur. Was will man mehr ...

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