Info-Handicap
Wie man respektvoll mit Menschen mit einer Beeinträchtigung umgeht
Eine Begegnung im Bus, an der Rezeption oder im Wartezimmer – oft reichen wenige Sekunden, um zu merken, wie unsicher viele im Umgang mit Menschen mit einer Beeinträchtigung sind. Eine neue Broschüre von Info-Handicap will genau hier ansetzen – und mehr Sensibilität im Umgang miteinander schaffen.
Christine Zimmer, Direktorin von Info-Handicap Foto: Sophie Margue/Info-Handicap
„Die Angst vor dem Unbekannten, die Angst, einen Fehler zu machen – sie hält manche Menschen überhaupt davon ab, mit Menschen mit einer Beeinträchtigung in Kontakt zu treten. Aber wenn man einmal damit in Berührung gekommen ist, verschwindet diese Angst“, sagt Christine Zimmer, Direktorin von Info-Handicap, in einem Zoom-Gespräch mit dem Tageblatt. Anlass für das Interview ist die neue Broschüre „Menschen mit Beeinträchtigungen begegnen, mit ihnen interagieren und kommunizieren“, die der Informations- und Beratungsdienst veröffentlicht hat.
Der Guide ist in Zusammenarbeit mit vielen Betroffenen entstanden und enthält eine Vielzahl an Tipps, Tricks und Verhaltensvorschlägen, um die Kommunikation zu erleichtern. Denn beim Thema besteht in Luxemburg weiterhin Aufklärungsbedarf: „In den Köpfen der Menschen herrschen immer noch starke Barrieren.“
„Wenn wir alle ein bisschen empathischer und respektvoller miteinander umgehen, dann haben wir auf allen Ebenen etwas dazugewonnen und etwas sehr Menschliches erreicht – egal, ob man mit einer Beeinträchtigung lebt oder nicht“, betont Zimmer. Drei wichtige Grundregeln sollte man bei jeder Begegnung beachten.
Erstens: Mit der Person selbst sprechen. „Jeder soll und darf für sich selbst sprechen.“
Zweitens kann man Menschen mit einer Beeinträchtigung zwar Hilfe anbieten – das heißt aber nicht, dass sie diese auch annehmen möchten. „Wenn sie abgelehnt wird, dann akzeptieren Sie, dass die Person das selbst machen kann oder will.“ Wird Hilfe angenommen, kann die betroffene Person selbst am besten erklären, welche Unterstützung sie benötigt.
Und drittens: „Nur weil man etwas nicht sieht, heißt das nicht, dass es nicht da ist.“ 80 Prozent aller Beeinträchtigungen sind auf den ersten Blick nicht sichtbar. Dazu gehören neurodivergente Ausprägungen wie Autismus, psychische Erkrankungen wie Angststörungen, aber auch körperliche Einschränkungen wie Hör- oder Sehprobleme. Zu oft müssen sich Menschen mit unsichtbaren Beeinträchtigungen noch rechtfertigen. „Wir müssen damit aufhören, dass sie sich immer wieder verteidigen und etwas beweisen müssen.“
In den Köpfen der Menschen herrschen immer noch starke Barrieren
Christine Zimmer
Direktorin von Info-Handicap
Einige Beispiele für Wörter in der deutschen Gebärdensprache Grafik: Info-Handicap
Weiterbildungen sind grundlegend
Die neue Broschüre bietet einen guten Überblick, geht jedoch Hand in Hand mit Sensibilisierungsweiterbildungen, die Info-Handicap anbietet. „Da gibt es eine ganze Bandbreite – von zwei Stunden bis zu einem ganzen Tag“, sagt Zimmer. Viele der Kurse werden sektorspezifisch angeboten und beinhalten Erfahrungsberichte von Betroffenen. Wie die Broschüre sind sie in mehreren Sprachen verfügbar.
Laut der Direktorin ist die Nachfrage nach solchen Fortbildungen groß: Im vergangenen Jahr nahmen rund 500 Personen daran teil. Bis Ende Januar 2026 hat Info-Handicap bereits mehr als 600 Registrierungen für das Jahr 2026 verzeichnet. „Ich würde mir wünschen, dass jeder hier in Luxemburg – egal, ob er hier wohnt oder nur einen Tag hier arbeitet – einmal eine Sensibilisierung zum Thema Beeinträchtigung durchlaufen würde“, sagt Zimmer.
Neben Sensibilisierung spielt auch Aufklärung für Info-Handicap eine große Rolle – unter anderem über die beiden Barrierefreiheitsgesetze, die Luxemburg 2022 (barrierefreie öffentliche Orte) und 2023 (European Accessibility Act, Barrierefreiheit bei Produkten und Dienstleistungen) verabschiedet hat. Sie seien wichtige Meilensteine, über die noch zu viele Menschen nicht informiert seien.
„Wir müssen dafür sorgen, dass Menschen, die sich daran halten müssen, die Bestimmungen kennen und diese einhalten. Und dass Menschen mit Beeinträchtigungen über ihre Rechte informiert sind und diese auch einfordern können.“
Insgesamt gebe es bei den Rechten von Menschen mit Behinderung noch einiges an Verbesserungspotenzial. „Wir haben einen guten Weg gemacht und bereits einiges erreicht. Aber es liegt noch viel Strecke vor uns“, lautet das Fazit von Zimmer.
Grundregeln für einen inklusiven Austausch
– Stellen Sie sich immer vor.
– Sprechen Sie die betroffene Person direkt an, nicht ihre Begleitperson.
– Seien Sie respektvoll und vorurteilsfrei.
– Bieten Sie Ihre Hilfe an, bevor Sie handeln, ohne sich aufzudrängen.
– Fragen Sie, was die Person braucht. Treffen Sie keine Entscheidungen für sie.
– Berühren Sie die Person nicht ohne ihre Zustimmung.
– Berühren Sie die Hilfsmittel oder den Assistenzhund nicht, ohne zu fragen.
– Kommunizieren Sie ruhig, klar und freundlich: Verwenden Sie kurze Sätze.
– Geben Sie der Person genügend Zeit, sich auszudrücken.
– Vergewissern Sie sich, dass Ihre Informationen richtig verstanden wurden.
(Auszug aus der Broschüre von Info-Handicap)

Eine versteckte Sonnenblume
Nicht jede Beeinträchtigung ist sichtbar – oder ständig präsent. Das Projekt „Hidden Disabilities Sunflower“ will aufklären und mehr Verständnis für solche Lebensrealitäten schaffen. Sie haben die Sonnenblume zu ihrem Zeichen auserkoren. Wer ein Schlüsselband mit einem solchen Motiv trägt, kann so ein subtiles Zeichen setzen, dass er zusätzliche Unterstützung, Hilfe oder einfach ein wenig mehr Zeit braucht. Es handelt sich dabei nicht um einen offiziellen „Behindertenausweis“ mit strengen Kriterien, sondern um ein inklusives Symbol, das mehr Verständnis fördern soll.