Energie
Interview mit Soler: Warum Windkraft für Luxemburg immer wichtiger wird
Spricht man über Windenergie in Luxemburg, kommt man nicht an Soler vorbei. Im Gespräch erklären Managing Director Paul Zeimet und Head of Renewables Guy Uhres, wo das Unternehmen heute steht, welche Rolle Windenergie für die nationale Energieversorgung spielt und wie man mit Kritik umgeht.
So sieht eine Turbine an der Spitze des Windrads aus Foto: Soler
Tageblatt: Wie groß ist Soler heute im Bereich Windkraft?
Paul Zeimet: Aktuell betreiben wir 15 Gesellschaften mit insgesamt 52 Windkraftanlagen im ganzen Land.
Wie viel Windenergie produziert Luxemburg derzeit – und wie weit reicht das?
Guy Uhres: Wenn man sich die Entwicklung anschaut, wird der technische Fortschritt sehr deutlich. Eine moderne Anlage liefert heute die 20- bis 26-fache Produktion der Anlagen von 1996. Das Ziel ist, bis 2030 etwa 1.000 Gigawattstunden mit Windkraft zu erzeugen. Luxemburg verbraucht aber pro Jahr etwa 6.700 Gigawattstunden Strom. Vollständige Autarkie mit erneuerbaren Energien wäre ein sehr langer Weg und aus meiner Sicht auch nicht realistisch.
Kritiker sprechen häufig von einer „Verspargelung“ der Landschaft. Ist diese Sorge berechtigt?
P.Z.: Wenn wir die PNEC-Ziele erreichen wollen, müssen wir die Windkraft vorantreiben. Aber man darf nicht vergessen, dass sich die Technologie stark weiterentwickelt hat. Mit den alten Anlagen von 1996 hätten wir 2086 gebraucht, um die Ziele zu erreichen. Mit den neuesten Anlagen sind es rechnerisch nur noch 52. Gerade dieser technologische Fortschritt hilft uns, eine übermäßige Verdichtung zu vermeiden.
G.U.: Langfristig kann ich mir vorstellen, dass sich Luxemburg bei etwa 100 bis 120 Anlagen einpendelt, verteilt über das ganze Land.
Wie viele weitere Projekte stehen derzeit in Aussicht?
P.Z.: Das kann ich nicht seriös beziffern. Einerseits fallen erfahrungsgemäß viele potenzielle Standorte nach weiteren Studien weg. Andererseits sind vom Energietisch neue Impulse ausgegangen. Etwa näher an Gewerbezonen oder Straßen zu bauen. Das eröffnet neue Potenziale. Im Moment schauen wir uns vor allem im Süden des Landes weitere Gebiete an.
Im Inneren der Anlage ist es ziemlich laut. Draußen hört man davon kaum etwas. Doch Bürger sorgen sich um Schall und Infraschall. Was sagen Sie dazu?
G.U.: Wenn man überhaupt Geräusche hört, dann meist von den Rotorblättern, wenn sie den Wind schneiden. Solche Werte werden sehr genau berechnet. Luxemburg hat strengere Vorgaben als die Nachbarländer. Häuser, die im PAG liegen, dürfen nachts mit nicht mehr als 37 dB(A) belastet werden. Das entspricht ungefähr der Geräuschkulisse einer Wärmepumpe.
Ein weiterer zentraler Kritikpunkt betrifft den Artenschutz. Wie gehen Sie damit um?
P.Z.: Die Umweltstudie gehört zu den aufwendigsten Arbeiten überhaupt, noch bevor ein Projekt gebaut werden kann. Es gibt keinen Freifahrtschein, nur weil wir erneuerbare Energie produzieren. Im Durchschnitt fällt ein Drittel bis die Hälfte aller untersuchten Standorte aus Umweltgründen weg. Und selbst wenn alle Studien abgeschlossen und Genehmigungen erteilt sind – was zwei bis drei Jahre dauern kann –, sind diese mit klaren Auflagen verbunden, wann die Anlagen zum Tierschutz abzuschalten sind.
Gibt es auch technische Lösungen?
G.U.: Ja. Zwei Anlagen verfügen inzwischen über Kamerasysteme, die in einem Radius von 300 Metern rund um die Anlage die Umgebung überwachen und Vogelarten erkennen. Wenn gefährdete große Vogelarten registriert werden, schalten sich die Anlagen automatisch ab. Natürlich kann man nie jedes Risiko vollständig ausschließen. Aber wir tun sehr viel.
Warum sollten Bürger Ihnen glauben?
G.U.: Weil wir seit über 20 Jahren in Luxemburg tätig sind und die Erfahrung zeigt, dass dort, wo Anlagen bereits stehen, nur sehr selten Kritik von Bürgern kommt. Kontroversen entstehen fast immer an neuen Standorten, wenn Menschen zunächst Bedenken haben.
P.Z.: Große Gegenwehr ist eher die Ausnahme. Die lokale Akzeptanz ist hoch, das kann man nicht oft genug sagen. Wichtig ist, dass ein Gemeinderat hinter einem Projekt steht und die Öffentlichkeit gut informiert wird. Das war früher nicht immer selbstverständlich.
Die Windanlage von „Südwand“ nahe Bergem wurde 2024 gebaut Foto: Editpress/Julien Garroy
Woher kommen eigentlich die Windräder?
G.U.: Die Anlagen werden öffentlich ausgeschrieben, aber bislang haben wir ausschließlich Enercon-Anlagen im Portfolio. Das ist ein deutscher Hersteller mit Ursprung in Aurich. Man kommt nicht daran vorbei: Ein Teil der Materialien wird in China produziert. Aber der Großteil der Elemente stammt aus europäischer Produktion. Die Betonturmelemente kommen beispielsweise von Max Bögl in Bayern. Rotorblätter werden teilweise in Portugal oder in der Türkei gefertigt. Gondel und Technik werden in Aurich montiert.
Windkraftanlagen halten etwa 25 Jahre. Ist Bau und Rückbau energetisch überhaupt sinnvoll?
P.Z.: Die Energiebilanz ist klar: In weniger als einem Jahr hat eine Anlage so viel Energie erzeugt, wie für Bau, Betrieb, Rückbau und Recycling erforderlich ist. Danach liefert sie rund 24 Jahre sauberen Strom.
G.U.: Beim Rückbau kann Beton etwa im Straßenbau weiterverwendet werden, Stahl wird eingeschmolzen und recycelt. Schwieriger sind die Rotorblätter aus glasfaserverstärktem Epoxidharz. Sie werden derzeit geschreddert und energetisch verwertet, teilweise auch in der Zementindustrie genutzt. Wir gehen davon aus, dass es in 20 oder 25 Jahren deutlich bessere Lösungen geben wird als heute.
Was haben Bürger konkret davon, wenn ihre Gemeinde ein Windprojekt mitträgt?
P.Z.: Bei jedem Projekt sehen wir eine Bürger- und Gemeindebeteiligung vor – aber so, dass die Menschen kein Risiko eingehen müssen. Wir selbst entwickeln, finanzieren und bauen das Projekt gemeinsam mit unseren Partnern. Nach einem Jahr Betrieb werden dann Anteile freigegeben, sodass Bürger und Gemeinden sich beteiligen können. Wenn sich Energiegemeinschaften weiterentwickeln, wollen wir auch diesen Weg mitgehen. Dann könnte lokal produzierter Strom direkt an lokale Gemeinschaften und Bürger verkauft werden. Das ist aus unserer Sicht ein sehr spannender Weg.
Könnte Windenergie also auch helfen, Strompreise stabiler zu halten?
P.Z.: Zumindest perspektivisch. Wenn wir Strom über Energiegemeinschaften zu einem festen Preis X an Bürger verkaufen könnten, gäbe uns das Planungssicherheit und den Bürgern die Gewissheit, einen Teil ihres Stroms direkt aus dem lokalen Windpark zu beziehen. Ein entsprechendes Gesetzesprojekt ist auf dem Instanzenweg. Heute ist es allerdings so, dass wir unseren Strom über Vermarkter verkaufen müssen. Er wird an der Börse gehandelt, darauf haben wir keinen direkten Einfluss.
Apropos Markt: Hat die Iran-Krise direkte Auswirkungen auf Soler?
G.U.: Noch nicht unmittelbar, aber das kann sich ändern. Schon während der Coronazeit haben wir gesehen, wie stark Strompreise von Gaspreisen beeinflusst werden. Deshalb hoffen wir, dass sich geopolitische Krisen nicht weiter zuspitzen. Was wir sehr konkret spüren, sind die Rohstoffpreise. In den vergangenen Jahren sind Anlagen dadurch etwa 30 Prozent teurer geworden.
Paul Zeimet und Guy Uhres von Soler Foto: Editpress/Miguel Moutinho De Sousa
Wer ist Soler?
Soler feiert am 27. Juni 2026 sein 25-jähriges Bestehen. Das Unternehmen wurde 2001 nach der Liberalisierung des Strommarktes gegründet und gehört je zur Hälfte der „Société électrique de l’Our S.A.“ (SEO) und Enovos Luxembourg S.A. Neben dem Betrieb der Wasserkraftwerke in Esch/Sauer, Rosport und Ettelbrück treibt Soler seit 2011 gezielt den Ausbau der Windkraft voran.
Das Innenlebens eines Windrads: Bis ganz nach oben sieht man nicht Foto: Editpress/Julien Garroy
„Plan national intégré énergie et climat“
Um die Ziele des Pariser Abkommens zu erreichen, besteht das nationale Klimaziel für Luxemburg darin, die Treibhausgasemissionen bis 2030 um 55 Prozent zu senken. In Bezug auf den Anteil erneuerbarer Energien am Bruttoendenergieverbrauch wird angestrebt, bis dahin 25 Prozent zu erreichen, indem Wind- und Solarenergie sowie Wärmepumpen in Luxemburg stetig ausgebaut werden. Konkret sollen 1.043 Gigawattstunden (GWh) aus Windenergie gewonnen werden.
„Achtung, Strom!“ heißt es im Inneren Foto: Editpress/Julien Garroy
Das Innenleben eines Windrads
Wer ein Windrad besichtigt, mag erstaunt sein, wie es innen aussieht. Die Betonaußenringe erstrecken sich 90 Meter in die Höhe. Schwarze, dünne Säulen entpuppen sich als Kabel, die den Beton sichern. Dann gibt es noch einen Lift, eine lange Leiter und eine Innenkonstruktion mit vier Metallcontainern. Hier wird der Strom, der per Kabel von der Turbine heruntergeleitet wird, gesäubert, ehe er ins Netz eingespeist wird.
Die Spitze des Turms, weit außerhalb des Sichtbaren, bilden Stahlzylinder von 20 bis 25 Metern Höhe. Das Eigengewicht von Turm und Fundament ist so groß, dass die vertikale Gewalteinwirkung des Windes vernachlässigbar ist, erklären die Experten.