Stau und Verwirrung
Warum Esch den Verkehr absichtlich verlangsamt
Am Boulevard Pierre Dupong in Lallingen staut sich der Verkehr regelmäßig, die Verkehrsführung wirkt stellenweise unübersichtlich. Für Mobilitätsschöffe Meris Sehovic („déi gréng“) ist das kein Planungsfehler, sondern Absicht.
Straßenverengungen und Rechtsvorfahrten sollen den Verkehr am Boulevard Pierre Dupong beruhigen Foto: Editpress/Alain Rischard
Am Boulevard Pierre Dupong in Lallingen kommt es vor allem morgens und am frühen Abend regelmäßig zu stockendem Verkehr. Die Straße beherbergt die Lallingener Grundschule und mehrere Besonderheiten was die Verkehrsordnung betrifft. Straßenverengungen und Rechtsvorfahrten verdichten den Verkehr täglich, laut Escher Mobilitätsschöffe Meris Sehovic („déi gréng“) sind das gezielte Maßnahmen zur Verkehrsberuhigung: „Es geht darum, Geschwindigkeit herauszunehmen und den Verkehr zu beruhigen – insbesondere im Umfeld der Schule.“
Mobilitätsschöffe Meris Sehovic legt den Fokus auf die vulnerabelsten Verkehrsteilnehmer Foto: Editpress/Julien Garroy
Dass darüber nicht jeder Verkehrsteilnehmer glücklich ist, kann Sehovic nachvollziehen: „Der Mobilitätsplan ist auf die vulnerabelsten Verkehrsteilnehmer ausgelegt, also die Fußgänger, vor allem aber die Schulkinder“, sagt der Schöffe. Die Maßnahmen am Boulevard Pierre Dupong seien Teil eines umfassenderen Ansatzes für sichere Schulwege, der bereits vor mehreren Jahren umgesetzt wurde.
Der Mobilitätsplan ist auf die vulnerabelsten Verkehrsteilnehmer ausgelegt, also die Fußgänger, vor allem aber die Schulkinder
Meris Sehovic
Mobilitätsschöffe
Schon damals habe man festgestellt, dass die Straße durch ihre Länge und Geradlinigkeit zum Beschleunigen einlade – ein Risiko, insbesondere zu Schulbeginn und -ende. Die Eingriffe sollten diesem Verhalten entgegenwirken.
Sicherheit durch Verlangsamung
An den Straßenverengungen stehen keine zusätzlichen Schilder, die anzeigen, wer Vorfahrt hat. Dadurch bleiben in den meisten Fällen beide Fahrzeuge stehen und verursachen somit Stau. Sehovic verweist darauf, dass die Abwesenheit der Straßenschilder den geltenden nationalen Empfehlungen entspricht. Für solche Verkehrsberuhigungen sei demnach keine besondere Beschilderung vorgesehen, vielmehr gälten die allgemeinen Vorfahrtsregeln des „Code de la route“. Die Reduktion von Eindeutigkeit sei Sehovic zufolge Teil des Konzepts: Wer langsamer fahre und sich vorsichtiger verhalte, erhöhe die Sicherheit insgesamt.
Der Boulevard Pierre Dupong dient als Modell für weitere Straßen rund um Schulen in Esch Foto: Editpress/Alain Rischard
Dennoch räumt der Schöffe ein, dass einzelne Stellen als problematisch wahrgenommen werden. Gemeinsam mit dem Interessenverein Lallingen werde derzeit geprüft, ob bestimmte Verengungen leicht angepasst werden können, um die Übersichtlichkeit etwa beim Einbiegen aus Nebenstraßen zu verbessern. „Anpassungen sind möglich“, sagt Sehovic. „Aber den grundsätzlichen Charakter der Straße stellen wir nicht infrage.“
Auch vonseiten der Fahrradfahrer gab es anfangs Kritik. Vor rund zwei Jahren seien Rückmeldungen eingegangen, dass es am Boulevard Pierre Dupong wiederholt zu Konfliktsituationen gekommen sei. Demnach hätten einzelne Autofahrer aus Frust über den stockenden Verkehr Absperrpfosten ignoriert und seien teilweise über den Radweg oder sogar über den Gehweg ausgewichen. Sehovic zufolge bestätigt das weniger ein Sicherheitsproblem für den Radverkehr als vielmehr die Notwendigkeit, das Prinzip der Verkehrsberuhigung konsequent durchzuhalten und regelwidriges Verhalten nicht durch eine Rücknahme der Maßnahmen zu belohnen.
Aufmerksamkeit erzwingen
Wie viele Parkplätze durch das Installieren der Verengungen damals wegfielen, kann Sehovic nicht exakt beziffern. Da es entlang des betroffenen Abschnitts keine direkten Wohnhäuser gebe, sei der Einfluss auf Anrainer jedoch begrenzt. Insgesamt sei das Thema Parkraum in den Rückmeldungen weniger präsent gewesen als die Verkehrsführung selbst. „Es handelt sich um ein Quartier mit viel Parkmöglichkeit – etwa der COHS, der Parkplatz beim Friedhof oder auch die place de l’Exposition“, so Sehovic. Die Stadt plant Letztere in nächster Zukunft zu renovieren und gleichzeitig zu entsiegeln, die Baustelle soll zum gegebenen Zeitpunkt phasenweise voranschreiten.
Rückendeckung erhält die Stadt Esch durch die Leitlinien des Mobilitätsministeriums zur Verkehrsberuhigung. In der Publikation „Apaisement de la circulation sur la voie existante“ wird ausdrücklich empfohlen, den Autoverkehr auf bestehenden Straßen durch bauliche Maßnahmen zu verlangsamen und weniger vorhersehbar zu machen – insbesondere dort, wo sich viele vulnerable Verkehrsteilnehmer aufhalten. Ziel sei es nicht, den Verkehrsfluss zu optimieren, sondern Aufmerksamkeit zu erzwingen und Sicherheit zu erhöhen. Verkehrsberuhigung, so die Linie des Ministeriums, sei dann am wirkungsvollsten, wenn sie nicht allein über Tempolimits, sondern über die Gestaltung des Straßenraums umgesetzt werde.
Auf die Frage, ob das Konzept mit Straßenverengungen und Rechtsvorfahrten auch als Vorbild für andere Straßen in Esch dienen könne – insbesondere im Umfeld von Schulen –, antwortet Sehovic klar mit Ja. Ähnliche Maßnahmen seien bereits geplant oder würden derzeit umgesetzt. Ein konkretes Beispiel sei der Bereich rund um die „Wobrécken“-Schule, so Sehovic. In der rue Winston Churchill habe vor der Schule ein Jahr lang eine provisorische Straßenverengung mit Blumenkübeln bestanden. Nach dieser Testphase werde die Maßnahme nun im Rahmen von aktuell laufenden Bauarbeiten dauerhaft umgesetzt.