Bayreuther Festspiele 2024 (2/2)
Von missbrauchten und traumatisierten Kindern: Der „Ring des Nibelungen“ und „Der Fliegende Holländer“
Was ist ein Mythos? Diese Frage muss man sich unweigerlich stellen, wenn man sich mit dem Werk Richard Wagners, insbesondere dem Ring des Nibelungen, auseinandersetzt. Ein Mythos ist eine Erzählung, bei dem es um das Handeln von Göttern und Helden geht. Also ein Stoff aus einer vorgeschichtlichen Zeit, in dem sich die Weltdeutung der Menschen ausdrückt. Zudem erhebt der Mythos einen Anspruch auf Geltung für die von ihm behauptete Wahrheit und ist demnach in allen Zeiten gültig.
Der Ring des Nibelungen – Götterdämmerung Foto: Enrico Nawrath
Natürlich glaubt heute keiner mehr an Zaubertränke, Zwerge, Götter und Drachen. Alle diese Symbole, die im Mythos auftreten, müssen von den Regisseuren unserer Zeit neu gedeutet und in eine uns verständliche Gegenwart transportiert werden. Es gibt natürlich sehr viele verschiedene Möglichkeiten, Valentin Schwarz hat sich für die Form der Familien-Saga entschieden. Wotan und sein Clan gehören der Upper Class an und sind demnach selbsternannte Götter. Schwarz bezieht sich auf Film- und Fernsehserien und knüpft mit seiner Inszenierung direkt an den Paten, an Dallas oder Denver-Clan an. Der Ring, und das ist Schwarz’ ganz persönliche Deutung, sind die Kinder. Und diese Kinder werden missbraucht, traumatisiert und manipuliert, um das Familienerbe weiterzugeben. Bei Schwarz sind Alberich und Wotan Zwillingsbrüder, die sich im Mutterleib bereits gegenseitig schwere Verletzungen zufügen. Wotan verliert sein Auge, Alberich wird impotent.