Gespräch mit Radaktivist Ingwar Perowanowitsch
„Von einer autozentrierten Stadt profitiert am Ende niemand“
Wie sieht die Stadt der Zukunft aus? Der deutsche Radaktivist Ingwar Perowanowitsch plädiert für eine Neuverteilung des Straßenraums mit sicheren Radwegen und weniger Autoverkehr.
Der deutsche Radaktivist Ingwar Perowanowitsch war am Montag zu Besuch in Luxemburg Fotos: Editpress/Leslie Schmit, Matti Blume
Eigentlich sollte Ingwar Perowanowitsch bei seinem Besuch in Luxemburg am 4. Mai eine Radtour durch die Hauptstadt machen – zum ersten Mal seit 14 Jahren. Weil sein Zug sich jedoch verspätet hatte, musste der Einblick in die Fahrradinfrastruktur des Zentrums ausfallen. Für ein Gespräch mit dem Tageblatt nahm sich der deutsche Radaktivist dennoch Zeit – und beschrieb unter anderem, was eine fahrradgerechte Stadt ausmacht.
„In einer fahrradgerechten Stadt sind Radwege das Herzstück“, so Perowanowitsch. Ein einzelner Radweg führe jedoch keine Veränderung herbei. Dafür brauche es eine größere Strategie in Form eines Radverkehrsnetzes, das konsequent ausgebaut werde. Zudem sei es wichtig, die Wege konsequent baulich vom Autoverkehr zu trennen. Auch Kreuzungen – „Unfallschwerpunkte für den Radverkehr“ – seien von hoher Bedeutung und müssten sicher umgestaltet werden. Als Beispiel nannte Perowanowitsch die Niederlande. Dort gebe es separate Ampelphasen – einmal Grün für den Radverkehr und einmal Grün für den Autoverkehr. „So kommen sie sich nie in die Quere“, sagte der Aktivist.
Zur Person
Ingwar Perowanowitsch beschäftigt sich mit der Verkehrswende Foto: Matti Blume
Ingwar Perowanowitsch ist ein deutscher Journalist, Filmemacher, Autor – und Radaktivist. Mehr als 80.000 Menschen folgen ihm auf Instagram. Er beschäftigt sich in seinen Arbeiten vor allem mit der Frage, wie Städte lebenswerter, sicherer und nachhaltiger gestaltet werden können. Sein Fokus liegt dabei auf dem Radverkehr und der sogenannten Verkehrswende.
Sicherheit gilt in einer fahrradgerechten Stadt jedoch nicht nur während der Fahrt. Auch gesicherte Abstellmöglichkeiten an zentralen Punkten sind laut Perowanowitsch ein Muss. „Oft würden die Leute gerne Rad fahren, aber sie trauen sich nicht, das Fahrrad irgendwo über mehrere Stunden abzustellen – auch wenn es abgeschlossen ist.“ Daher sei es wichtig, viele Abstellmöglichkeiten in der Stadt zu verteilen. Als Beispiel nannte er erneut die Niederlande. Hier gebe es bewachte Parkhäuser für Räder. „Die Leute brauchen sich keine Gedanken zu machen.“
Gewohnheiten prägen Verkehrssysteme
Dass eine Neuverteilung des bestehenden Straßenraums so schwer ist, liegt laut Perowanowitsch unter anderem an den Gewohnheiten der Menschen. „Der öffentliche Straßenraum ist in den letzten Jahrzehnten standardmäßig für das Auto verteilt worden“, so der Aktivist. Die Menschen hätten sich mit dem System arrangiert und ihre Mobilität dementsprechend angepasst. Dadurch sei der Anteil an Autofahrern hoch. Wird der Raum neu verteilt, erscheine das auf den ersten Blick, als ob ihnen etwas weggenommen wird. Mittelfristig sei das jedoch nicht der Fall.
„Wenn der Raum gerechter aufgeteilt ist, dann gewinnst du die Menschen, die lieber Rad fahren würden – und die machen dann Platz für Autofahrer“, sagt Perowanowitsch. Stau sei ein Phänomen in Autostädten, existiere in Fahrradstädten jedoch kaum. „Dem Auto stehen viele Privilegien zu. Auf Privilegien verzichten fällt immer schwer, deswegen entsteht Widerstand.“ Das führe auch dazu, dass Parteien gewählt würden, die versprechen, den Straßenraum nicht umzugestalten.
Dabei könnten bereits kleine Anpassungen große Veränderungen mit sich bringen. Dazu gehört laut Perowanowitsch zum Beispiel Tempo 30 als Standard innerhalb von geschlossenen Ortschaften. „Das tut Autofahrern nicht weh, aber wenn ein Rad mit Tempo 30 anstatt Tempo 50 überholt wird, ist das ein großer Unterschied“, sagte der Aktivist. Auch Einbahnstraßen könnten helfen, ohne den Autofahrern etwas wegzunehmen. „Man muss nur besser navigieren und wissen, wo eine Einbahnstraße ist, aber damit schafft man sichere Straßen für Radfahrer.“
Mehr Raum für alle
Die belgische Stadt Gent hatte laut Perowanowitsch noch eine andere Idee – und verbannte 2017 kurzerhand den Durchgangsverkehr aus der Innenstadt. „Wer nur durchfahren will und kein Anliegen in der Stadt hat, wird umgeleitet“. Unter anderem mit dieser Maßnahme konnte Gent für 2030 angesetzte Ziele der Verkehrswende bereits 2019 erreichen – und das kostengünstig. Fünf Millionen Euro kostete die Maßnahme laut Perowanowitsch – „nichts im Vergleich mit neuen Straßen“. In Berlin etwa koste ein Meter neue Autobahn 220.000 Euro. „Man kann sich ja ausrechnen, wie viele Meter Autobahn man für diese fünf Millionen bekommt.“
„Von einer autozentrierten Stadt profitiert am Ende niemand“, sagte Perowanowitsch weiter. Im Umkehrschluss bedeute dies: In einer Stadt, in der der öffentliche Raum gerechter verteilt ist, profitieren alle – auch die Autofahrer. Das sei das Versprechen der Verkehrswende.