Pferde
Vom Problemtier zum Stunthelden: Der mutige Lusitano, der die Flammen bezwingt
Vom unberechenbaren Problemfall zum furchtlosen Stunthelden und treuesten Begleiter: Manchmal braucht es nur einen Menschen, der das Potenzial sieht, wo alle anderen bereits aufgegeben haben. So war es auch bei Jamie Poncin und ihrem Carbono. Die Pferdetrainerin erzählt dem Tageblatt die bewegende Geschichte des Lusitano und wie aus tiefem Misstrauen eine unzertrennliche Freundschaft fürs Leben wurde.
Mit purer Eleganz und absolutem Vertrauen meistern Jamie und der 18-jährige Lusitano Carbono das brennende Hindernis bei den „Réiser Päerdsdeeg“ Foto: Lucien Poncin
Tageblatt: Zusammen wirkt ihr wie eine Einheit. Wie würdest du eure tiefe Verbindung definieren?
Jamie Poncin: Über die Jahre ist zwischen uns ein tiefes Vertrauen entstanden. Ich sehe meine Rolle nicht nur als Reiterin, sondern als Teamkollegin, die versucht, ihm Sicherheit zu geben. Unsere Verbindung basiert auf Respekt und echter Partnerschaft.
Als du Carbono vor 13 Jahren übernommen hast, galt er als „Problemtier“. Wie hast du sein Vertrauen gewonnen?
Der Start war eine echte Herausforderung. Carbono war voller Misstrauen, er galt als unberechenbar. Der Schlüssel war, dass ich aufgehört habe, Perfektion von ihm zu verlangen, und ihm Zeit gegeben habe. Ich habe monatelang nichts erzwungen, sondern einfach nur Zeit mit ihm verbracht. Vertrauen gewinnt man nicht durch Druck, sondern durch Beständigkeit. Als er verstanden hatte, dass er bei mir sicher ist, hat er sein Herz geöffnet.
Welche Meilensteine habt ihr im Training über die positive Verstärkung schon erreicht?
Carbono ist ein absolutes Energiebündel, das die Abwechslung liebt. Für ihn ist das Training keine Arbeit, sondern pure Lebensfreude. Er liebt es, sich spielerisch auszuprobieren: Da gehören Zirkuslektionen wie der Spanische Schritt, das Steigen, Ablegen und das Kompliment genauso zu unserem Alltag wie die hohe Schule der Dressur mit Piaffen und Pirouetten. Nichts davon ist erzwungen – jede seiner Höchstleistungen basiert auf reinem Vertrauen, Freiwilligkeit und dem gemeinsamen Spaß an der Sache.
Das absolute Highlight ist das Training mit offenem Feuer. Wie nimmst du einem Fluchttier diese Angst?
Ich habe Carbono ganz behutsam und Schritt für Schritt an das Feuer herangeführt, immer in seinem eigenen Tempo. Durch diese sanfte Gewöhnung hat er gelernt, sich vollkommen auf mich zu verlassen und seinen natürlichen Fluchtinstinkt zu überwinden. Dass er heute so gelassen im Umgang mit den Flammen ist, ist das Ergebnis vieler Jahre geduldiger und tiergerechter Arbeit.
Jamie schwenkt stolz die luxemburgische Flagge, während Carbono mutig durch die Flammen galoppiert Foto: Lucien Poncin
Ihr habt unzählige gemeinsame Auftritte hinter euch. Welches Erlebnis hat dich am tiefsten berührt?
Die besondere Atmosphäre in der Frankfurter Festhalle, das große Publikum und das Band, das ich in diesem Moment mit Carbono gespürt habe, waren einzigartig. Schon als wir in die Arena eingeritten sind, war das ein zutiefst bewegender Augenblick. Ein weiterer Höhepunkt waren die „Réiser Päerdsdeeg“: Als er dort im Galopp völlig furchtlos und gelassen durch eine brennende Barriere sprang, war das ein Moment puren Vertrauens. Diese Erlebnisse haben mir gezeigt, wie viel Leidenschaft in unserer Partnerschaft steckt.
Carbono stand auch schon für luxemburgische Filmproduktionen vor der Kamera. Wie meistert er die Aufregung am Set?
Er durfte bereits im historischen Dokumentarfilm „1.000 Joer Buerg Clierf – Land a Leit“ mitwirken. Dort musste er mich inmitten von turbulenten Schlachtszenen in voller Rüstung tragen. Am Set wirken viele Menschen, Kameras und technische Geräte auf das Pferd ein. Carbono meistert diese Situationen jedoch sehr gelassen. Durch seine Erfahrung und unser gegenseitiges Vertrauen bleibt er auch in ungewohnten Situationen voll fokussiert.
Welchen Rat gibst du Besitzern von vermeintlich „schwierigen“ Pferden?
Viele Pferde, die als problematisch gelten, sind oft eigentlich nur missverstanden. Kein Pferd widersetzt sich aus Bosheit – dahinter steckt immer eine Ursache wie Schmerz, Stress oder Überforderung. Wenn ihr feststeckt, nehmt den Druck raus, checkt die Gesundheit und hinterfragt eure eigene Energie. Fortschritt misst man hier nicht in Lektionen, sondern in Entspannung. Niemals aufgeben bedeutet nicht, stur weiterzugehen, sondern den Weg fürs Pferd anzupassen. Genau daraus entstehen oft die tiefsten Bindungen.