Lokalpolitik
Steinsel hat seit vier Monaten eine neue Bürgermeisterin: Manon Kolber im Porträt
Wenn Manon Kolber (41) hinter ihrem Schreibtisch aus dem Fenster schaut, blickt sie auf eine riesige Baustelle. Es ist ein Erbe ihrer Vorgänger im Amt des Bürgermeisters. Bis zu ihrer Vereidigung im November 2025 hat die „Newcomerin“ in der Politik eine steile Karriere hingelegt.
Manon Kolber lacht gerne und ist eine sympathische „Newcomerin“ in der Gemeinschaft der Bürgermeister des Landes Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante
Steinsel baut seinen Ortskern um. Mangels anderer Gelegenheiten sollen sich, wenn das Projekt dieses Jahr abgeschlossen ist, die Bürger der inzwischen rund 6.200 Einwohner zählenden Gemeinde treffen und „schnëssen“ oder an Veranstaltungen teilnehmen. Ähnlich wie in Leudelingen will die ländliche Gemeinde damit dem Trend einer „Schlafgemeinde“ im Speckgürtel der Hauptstadt entgegenwirken.
Wie es aussehen wird, zeigen große Banner an einem der Bauzäune. Grün in Form eines „Tiny Forest“ ist zu sehen, ein Spielplatz und die neue Annexe für das Rathaus, in der bislang rund 80 Mitarbeiter arbeiten. Auf einer der Anmutungen ragen Tische ins Bild, an denen man sich bei einem Getränk in geselliger Runde niederlassen kann.
„Die Nähe zur Hauptstadt ist Fluch und Segen zugleich“, sagt Manon Kolber. In 15 Minuten ist man per Bus in der Stadt. „Deswegen nutzen viele Einwohner diese Nähe“, sagt sie. Steinsel ist acht Kilometer von der Hauptstadt entfernt und der letzte Vorposten einer ländlichen Gemeinde rund um den Arbeitsplatzmagnet Luxembourg-Stadt.
Ländlich und trotzdem nah an der Hauptstadt
Eingebettet zwischen Alzettetal und mehreren Waldgebieten profitiert die Gemeinde mit noch fünf aktiven Landwirten vom Programm der „ländlichen Entwicklung“. Steinsel ist „Naherholungsgebiet“, womit sich der Freizeitwert erklärt. Manon Kolber spricht selbstbewusst und kenntnisreich über „ihre“ Gemeinde.
Sie hat sich schnell in die verschiedenen Dossiers eingearbeitet und verströmt die Ausstrahlung eines Menschen, der an der richtigen Stelle im Leben angekommen ist. Das Amt der Bürgermeisterin macht ihr Spaß. Kein Dossier, kein Anruf ist ihr zu viel, ebenso wenig ein unangemeldet hereinschneiender Bürger oder Mitarbeiter mit einer Frage.
Sie hat Elan. „Ich bin immer erreichbar und arbeite 7/7“, sagt sie. Sie gilt als forsch und entscheidungsfreudig. Das ehemalige Büro des „Service technique“, in dem sie jetzt residiert, hat sie mit einem Flachbildschirm ausgestattet. Auf dem kann sie sowohl Power-Point-Präsentationen zu Sachthemen zeigen als auch anstelle eines echten Werkes eine Dekoration für das Büro herzaubern.
Steile Karriere in der Lokalpolitik
Sie hat eine Auswahl von digitalen Kunstwerken im Web abonniert. Gerade hat sie sich ein Werk des US-Amerikaners Jen Stark in ihr Büro geholt. Die Kunst verrät viel über ihre künstlerisch-kreative Neigung. Vor allem Kreativität braucht sie im Rathaus. „Hier ist jeder Tag anders, immer etwas Neues“, sagt sie.
Die politische Ochsentour ihres Vorgängers Fernand Marchetti hat sie nicht gemacht. Er war zunächst „Receveur“, später Gemeindesekretär und seit 2011 Zweiter Schöffe im Gemeinderat – eine lange Karriere in der Gemeindepolitik. Bei ihr läuft es anders. Gerne hätte sie einen eher kreativen Beruf wie Innenarchitektin ergriffen, aber die Eltern raten zu einer „sicheren“ Berufswahl.
An der Universität Luxemburg studiert sie schließlich „Gestion des entreprises“ und geht als Finanzcontrollerin und Einkäuferin in die Privatwirtschaft. Erfüllen tut sie das nicht. Nach der Heirat mit einem Landwirt in der Gemeinde und der Geburt ihrer zwei Töchter reift der Wunsch, sich zu engagieren, etwas zu bewegen in der Politik. Bei den einen ist es der Zufall, bei anderen ist es die Präsenz zur richtigen Zeit am richtigen Ort.
Ein Jahr im Gemeinderat und gleich Bürgermeisterin
Bei ihr ist es Letzteres. Ihr Vorvorgänger Jean-Pierre Klein (LSAP) fragt sie beim Bürgermeistertag auf der „Schueberfouer“, ob sie nicht Mitglied der LSAP werden will. Er kellnert und sie will in die Politik. „Nur meckern, reicht nicht“, sagt Manon Kolber. „Außerdem wollen immer weniger Menschen aus unterschiedlichen Gründen in die Politik.“ Es ist ihre Chance und sie nutzt sie.
Mit der Parteikarte in der Tasche engagiert sie sich in gleich fünf Kommissionen der Gemeinde, ist im Vorstand der LSAP-Sektion Steinsel und in der Elternvertretung. 2023 geht sie bei den Gemeindewahlen mit und rückt schon 2024 für Monique Feltgen im Gemeinderat nach. Als der damalige Bürgermeister Fernand Marchetti 2025 im Alter von 76 Jahren ankündigt, den Weg für Jüngere freimachen zu wollen, fällt die Wahl auf sie.
Wenn man sich für etwas interessiert, kann man sich überall einarbeiten
Es beginnt für sie ein Parcours mit vielen Sachen, die sie zum ersten Mal macht. Ablegen des Eides, die vorherige Wahl im Gemeinderat, die erste Sitzung unter ihrer Leitung und das Sprechen vor Leuten: Sie meistert es und lernt schnell. Menschen zu verheiraten, gehört ebenfalls zu ihren Aufgaben. Die ersten sieben Hochzeiten hat sie schon hinter sich.
Frauenanteil in der Politik
Nach Angaben des Nationalrats der Frauen in Luxembourg (CNFL) saßen 2025 in 19 Rathäusern Frauen. Auf nationaler Ebene sind 33 Prozent der Ministerämter in Frauenhand, 35 Prozent der Abgeordneten sind Frauen. Im Europaparlament machen Frauen die Hälfte aller Abgeordneten aus.
In loser Reihenfolge präsentieren wir hier Frauen, die sich in der Lokalpolitik engagieren.
„Wenn man sich für etwas interessiert, kann man sich überall einarbeiten“, sagt sie. Sie kann auf eine komfortable Mehrheit der LSAP-DP-Koalition (9:2 Stimmen) im Gemeinderat zurückgreifen und ihre Auffassung von Politik im Sinne der Bürger durchsetzen. Modern soll die Gemeinde sein und sich trotzdem den ländlichen Charme bewahren.
Steinsel soll, wenn es nach ihr geht, moderat wachsen. Bürgerbeteiligung und Transparenz sind für sie keine Phrasen, um Stimmen zu sammeln, sondern Verpflichtung. Im April 2026 wird sie den „Steeseler Dialog“ wieder aufleben lassen. „Man muss die Bürger informieren“, sagt sie zu einer für sie gefühlten Selbstverständlichkeit. „Ich arbeite für das Wohl der Steinseler und ohne Information schürt man nur Gerüchte.“ Klingt nicht nur, sondern ist sympathisch.
Steckbrief Gemeinde Steinsel
Geografie: Die Gemeinde besteht aus den Ortschaften Müllendorf, Heisorf und Steinsel und grenzt an Walferdingen.
Einwohner: rund 6.200.
Politik: LSAP-DP-Koalition, elf Gemeinderäte insgesamt.