Musik-Rezensionen
„Snowdrop“ von Mono und „Mercurial Silence“ von David Eugene Edwards
Traumwelten und schwebende Klangflächen: Mit dem Postrock von Mono und dem Alternative-Country von David Eugene Edwards steht uns ein melancholischer Sommer bevor.
Montage: Tageblatt/Kim Kieffer
Mono – „Snowdrop“ (9 Punkte)

Quelle: Temporary Residence
Für die japanischen Postrocker Mono waren die Aufnahmen zu ihrem 13. Studioalbum „Snowdrop“ (9 Punkte) besondere. Denn ein Mensch fehlte erstmals seit unzähligen Jahren im Studio: Steve Albini. Nachdem sie mit ihm im Februar 2023 noch das famose Vorgängeralbum „Oath“ aufgenommen hatten, verstarb er im Mai 2024. Mono standen vor der unliebsamen Frage, welchem Produzenten sie sich anvertrauen würden, nachdem Bandkopf Takaakira „Taka“ Goto die zwischenzeitlich veröffentlichten Minialben „Heaven Vol. 3“ und „Heaven Vol. 4“ zusammen mit Jeremy deVine produziert hatte. Die Wahl fiel auf Brad Wood, einen jahrzehntelangen Freund Albinis, der schon mit The Jesus Lizard, Liz Phair, Placebo und The Smashing Pumpkins gearbeitet hat. Wood hatte auch schon Monos jüngste EP abgemischt und blieb wohl in bester Erinnerung. So wie Albini bei Mono in bester Erinnerung geblieben ist.
In dessen Studio in Chicago nahmen sie mit Wood im September 2025 „Snowdrop“ auf, ein weiteres Postrock-Schmuckstück der Japaner. So voller Liebe, Leidenschaft, Elegie und Schönheit. Perfekte, traumwandlerische Musik, um sich gedanklich treiben zu lassen oder die Welt um sich herum vorübergehend auszuschalten – mal laut, mal leise. Hatten sie auf „Oath“ den Übersong „Run On“, haben sie diesmal einen Song namens „Gerbera“ aus dem Hut gezaubert, dessen Intensität einen überwältigt.
„Snowdrop“ ist – wie eigentlich all ihre Alben – sehr emotional. Die Band erklärte hierzu: „Ohne Ausnahme wird jeder Mensch diese Welt eines Tages verlassen und sich von seinen Liebsten trennen müssen. Mit diesem Album wollten wir unsere ewige Dankbarkeit gegenüber all jenen kostbaren Menschen ausdrücken, die uns auf unserem Lebensweg begleitet haben. Wir glauben, dass dieses Empfinden das Einzige ist, das die Leere in unseren Herzen füllen und den tiefen Schmerz und die Trauer des Verlustes lindern kann.“
David Eugene Edwards – „Mercurial Silence“ (7 Punkte)

Quelle: Sargent House
Mitte Mai wurde ein langgehegter Wunsch wahr: 16 Horsepower, die Alternative-/Gothic-Country-Musiker, die sich 2005 aufgelöst hatten, standen erstmals seit 21 Jahren wieder in Originalbesetzung auf der Bühne. Diese setzt sich aus den beiden Franzosen Pascal Humbert (Bass) und Jean-Yves Tola (Schlagzeug) sowie dem US-Amerikaner David Eugene Edwards (Gesang, Gitarre, Banjo) zusammen. Zwischen 1996 und 2002 veröffentlichten sie vier von der Kritik gelobte Alben. Musikalisch verbinden ihre Songs Country, Rock, Hillbilly, Folk und die Cajun-Musik der 1920er und 1930er Jahre. Ein wichtiges Merkmal ihrer Kompositionen ist Edwards pastoral-getragener Gesang. Funfact: Sein Großvater war tatsächlich ein Wanderprediger.
Nach dem damaligen Aus von 16 Horsepower wandte sich Edwards einem musikalisch ähnlich gearteten Projekt zu: Woven Hand (auch Wovenhand geschrieben). Mit diesem veröffentlichte er seit 2002 zahlreiche Alben. Zudem nahm er ein gemeinsames Album mit dem früheren Einstürzende-Neubauten-Bassisten Alexander Hacke auf („Risha“, 2018). Nachdem er vor drei Jahren relativ spät sein erstes Soloalbum „Hyacinth“ veröffentlicht hatte, ist mit „Mercurial Silence“ gerade sein zweites erschienen.
Im Vergleich zu seiner musikalischen Alternative-Country/Folk-Vergangenheit schlägt Edwards auf „Mercurial Silence“ einen modernen Weg ein. Drumcomputer und mit Synthesizer erzeugte elektronische Klänge und schwebende Klangflächen haben Einzug in seine Lieder erhalten, selbst vor dem Autotune-Effekt schreckt er nicht zurück („Mithudrsa“). Für Puristen vielleicht ein Schritt zu weit, allerdings erschafft er abermals spannende Lieder, die mit nichts vergleichbar sind. Und das liegt nicht nur an seiner einzigartigen Stimme.