Im Kino

Sechs Jahre nach der Enthauptung: Der Regisseur Vincent Garenq erinnert an den Mordanschlag auf Samuel Paty

Vincent Garenq widmet sich in seinem neuen Spielfilm „L’Abandon“ den letzten Tagen des Lehrers Samuel Paty: Er wurde 2020 ermordet und enthauptet, nachdem er im Unterricht Mohammed-Karikaturen thematisiert hatte.

Spielt den Lehrer in L’Abandon: Antoine Reinartz

Spielt den Lehrer in „L’Abandon“: Antoine Reinartz Quelle: imdb.com

Vincent Garenq hat sich mit politisch und juristisch aufgeladenen Stoffen wie „Présumé coupable“ (2011) oder „La Fille de Brest“ (2016) einen Namen gemacht und setzt seine Arbeit mit „L’Abandon“ fort: Der Film versteht sich dabei als minutiöse Rekonstruktion eines gesellschaftlichen und institutionellen Zerfalls – einer Kette aus Feigheit, Überforderung und Verantwortungslosigkeit.

Fatale Lüge

Zu Beginn sehen wir Samuel Patys Unterricht zur Meinungsfreiheit, in dem er im Rahmen eines Ethik- und Staatsbürgerkundeunterrichts auch die Mohammed-Karikaturen aus Charlie Hebdo bespricht. Paty kündigt die Bilder vorher an und bietet muslimischen Schülern an, kurz wegzusehen oder den Raum zu verlassen. Auslöser der späteren Eskalation ist die Lüge einer Schülerin, die behauptet, Paty habe muslimische Schüler aus dem Klassenzimmer geschickt, bevor er die Karikaturen zeigte – obwohl sie an diesem Tag gar nicht im Unterricht war.

Ihre Darstellung verbreitet sich über den empörten Vater in sozialen Netzwerken und setzt jene Dynamik aus öffentlicher Erregung, Einschüchterung und institutioneller Unsicherheit in Gang, die der Film Schritt für Schritt nachzeichnet.

Der Mensch im Mittelpunkt

Garenq interessiert sich weniger für den Terrorakt selbst als für die Vorgeschichte: die schrittweise Isolation eines Lehrers, der nach einer Unterrichtseinheit über Meinungsfreiheit zum Ziel einer eskalierenden Kampagne wird. Der Film verfolgt beinahe dokumentarisch, wie Elternproteste, soziale Netzwerke, administrative Unsicherheit und politische Nervosität ineinandergreifen. Im Zentrum steht die Darstellung von Samuel Paty durch Antoine Reinartz. Reinartz spielt ihn nicht als Heldenfigur, sondern als ruhigen, gewissenhaften Pädagogen, der zunehmend spürt, dass die Institutionen um ihn herum zurückweichen. Der Film argumentiert implizit, dass Paty nicht nur Opfer eines islamistischen Attentäters wurde, sondern zuvor bereits Opfer eines kollektiven Rückzugs gewesen sei.

Der Mensch im Mittelpunkt

Garenq interessiert sich weniger für den Terrorakt selbst als für die Vorgeschichte: die schrittweise Isolation eines Lehrers, der nach einer Unterrichtseinheit über Meinungsfreiheit zum Ziel einer eskalierenden Kampagne wird. Der Film verfolgt beinahe dokumentarisch, wie Elternproteste, soziale Netzwerke, administrative Unsicherheit und politische Nervosität ineinandergreifen. Im Zentrum steht die Darstellung von Samuel Paty durch Antoine Reinartz. Reinartz spielt ihn nicht als Heldenfigur, sondern als ruhigen, gewissenhaften Pädagogen, der zunehmend spürt, dass die Institutionen um ihn herum zurückweichen. Der Film argumentiert implizit, dass Paty nicht nur Opfer eines islamistischen Attentäters wurde, sondern zuvor bereits Opfer eines kollektiven Rückzugs gewesen sei.

Kann ein Film über einen Mordanschlag überhaupt Spannung erzeugen, ohne vom Schrecken selbst zu profitieren?

Formal bleibt Garenq seiner bekannten Methode treu. Die Kamera beobachtet sachlich, fast kühl; Musik wird sparsam eingesetzt; Dialoge dominieren. Dadurch vermeidet der Film weitgehend Pathos. Gleichzeitig entsteht daraus ein eigentümlicher Spannungsmodus: Das Publikum kennt den Ausgang bereits, und genau dieses Wissen lädt jede Szene beklemmend auf. Jede Entscheidung der Schuldirektorin, jedes zögerliche Gespräch, jede Facebook-Nachricht und die endlos scheinenden Wirren der Verwaltung wirken wie weitere Schritte in eine Katastrophe, die niemand mehr stoppen wird.

Kritik an der Inszenierung

Gerade hier beginnt jedoch auch die kritische Debatte um den Film. Denn „L’Abandon“ arbeitet bewusst mit der Unausweichlichkeit des kommenden Verbrechens. Die Radikalisierung bildet den Motor der Spannung. Obwohl Garenq den eigentlichen Mord nicht sensationalistisch inszeniert, erzeugt der Film Suspense aus der Annäherung an das reale Trauma. Vereinzelte Kritiken werfen ihm deshalb vor, die historische Gewalt dramaturgisch zu kapitalisieren. Die Frage lautet: Kann ein Film über einen Mordanschlag überhaupt Spannung erzeugen, ohne vom Schrecken selbst zu profitieren?

Azize Kabouche (l.) spielt Tahar Amara: einen extremistischen Islamisten, der zum Kampf gegen Paty aufruft

Azize Kabouche (l.) spielt Tahar Amara: einen extremistischen Islamisten, der zum Kampf gegen Paty aufruft Quelle: imdb.com

Garenq versucht, diese Falle zu umgehen, indem er den Fokus auf Strukturen statt auf Täter legt. Der Attentäter bleibt eher Randfigur; wichtiger sind die Mechanismen sozialer Hysterie und institutioneller Selbstlähmung. Dennoch bleibt ein ambivalentes Gefühl. Denn die präzise Zuspitzung – das Wissen um den unausweichlichen Tod – verleiht dem Film eine fast thrillerartige Dynamik. Ob man den Film als notwendige Aufarbeitung oder als problematische Dramatisierung empfindet, hängt letztlich davon ab, wie man das Verhältnis von Kino, Realität und kollektiver Erinnerung versteht.

Rating: 2,5/5

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