Literatur
Schreiben, wie man denkt, weil viele reden, wie man gar nicht denkt
Um was geht es? Es geht um die Schweinereien im späten Kapitalismus und um die verpasste Chance einer besseren Zukunft, es geht um den Sozialismus und um Science-Fiction als Denkmaschine, es geht um die möglichen Welten der Fiktion und unsere Wissensorganisation, es geht um den Tod des Feuilleton und um mathematische Beweisführung, es geht um Rassismus, um die Nazis und um ermordete Genies. Wem der Kopf jetzt schon dreht, sollte besser etwas anderes lesen: Das Kopfzerbrechen, das Dath das Schreiben dieses wundersamen, mutigen Avantgarde-Romans bereitete, kann man beim Lesen durchaus nachempfinden. Trotzdem lohnt es sich, am Ball zu bleiben.
Autor, Journalist und Übersetzer Dietmar Dath (C) Hanke Wilsmann
Anfang August, 1945: Der deutsche Mathematiker Gerhard Gentzen verhungert im Kreisgefängnis am Karlsplatz in Prag. Durch seine Arbeit an der Grundlagentheorie und der Widerspruchsfreiheit der Mathematik gehört er zu den Menschen, die uns „leichteres, wahreres, schöneres und schlimmeres Handeln, besseres Forschen, andere Kunst und Politik ermöglicht haben“. Dank Menschen wie Gentzen können wir verifizieren, ob die Computerprogramme, die unseren Alltag steuern und ermöglichen, das, was sie tun sollen, auch gut tun. Um an seinen Theorien weiterarbeiten zu dürfen, hat Gentzen einige Grenzen überschritten: „Er trat sogar in einen Verein von Arschlöchern namens Sturmabteilung ein, abgekürzt SA, weil er sich selbst einredete, dass man in ‚Deutschlands Größe‘ wohl gar nicht mehr zum Rechnen, Denken, Arbeiten kommen würde, wenn man nicht einem Arschlochverein angehörte, der die genannten Wahnideen mit Gewalt gegen zusehends Wehrlose propagierte und umsetzte.“