Anschlag beim CSD in Berlin
Luxemburger Jeff Mannes: „Wir lassen uns die queere Lebensfreude nicht nehmen“
Jeff Mannes arbeitet als Stadtführer in Berlin. Er berichtet, wie die queere Community nach dem Anschlag beim Christopher Street Day zusammensteht.
Menschen demonstrieren unter dem Motto „Haltung ist hot“ beim Christopher Street Day Foto: Fabian Sommer/dpa
Tageblatt: Herr Mannes, Sie waren gestern beim CSD in Berlin, wie haben Sie den Anschlag erlebt?
Jeff Mannes: Ich war zwar nicht mehr vor Ort, als der Anschlag passiert ist, aber ich war vorher dort. Tatsächlich hat mich eine Freundin aus Luxemburg angerufen und gefragt, ob alles in Ordnung sei. Erst dadurch habe ich die Nachricht vom Anschlag gesehen. Danach habe ich ein paar Stunden lang aufmerksam die Nachrichten verfolgt und geschaut, was los war und was vorgefallen ist. Es war ein Schock. Wir leben zwar relativ oft mit Angriffen auf die Community, auch in Berlin werden das immer mehr, aber so ein richtiger Anschlag mit einem Auto – das ist wirklich noch einmal etwas anderes. Das macht schon nachdenklich.
Der Luxemburger Jeff Mannes arbeitet als Stadtführer in Berlin. Die Touren drehen sich um Berlins ausgefallenes Nachtleben und die queere Kultur in der deutschen Hauptstadt. Foto: Tessy Steffen
Wie hat das die queere Community in Berlin getroffen?
Ich denke, dass heute ein Tag ist, an dem die Leute zusammenkommen. Nachher haben wir eine Mahnwache hinter dem Brandenburger Tor. Dort trifft sich die Community wieder. Ich bin auch gerade dorthin unterwegs. Es gibt viele, die unter Schock stehen. Aber wir sind stark vernetzt und es gibt viele Organisationen, die Hilfe anbieten. Aber so, wie ich uns kenne, werden wir morgen auch wieder in den Kampfmodus schalten.
Der Täter soll einen islamistischen Hintergrund haben.
Wir sind besorgt, dass das jetzt ausgeschlachtet wird. Schnell wird dann nicht mehr über die Opfer gesprochen, sondern nur noch politisch instrumentalisiert, um eine Ausweisung von Leuten aus islamischen Ländern zu fordern. Mein Partner ist auch Moslem. Seine Community hat nichts damit zu tun. Und diese Menschen werden natürlich auch von dem Faschismus getroffen, von dem wir befürchten, dass er jetzt durch das Schüren von Ängsten stärker wird. Das trifft sehr viele muslimische Menschen, die in der Stadt Berlin immens weltoffen sind, entweder selbst queer sind oder Allies sind. Die sind natürlich auch besorgt. Wir versuchen als Pride-Community, mit muslimischen Menschen und mit allen Opfern, die gestern attackiert wurden, zusammenzustehen und uns nicht spalten zu lassen.
Die Parade quer durch die Innenstadt und das Areal am Tiergarten sind schwer zu sichern. Denken Sie, dass der CSD wieder so stattfinden kann?
Das ist zu früh zu sagen. Ich kann mir im Moment aber schlecht vorstellen, dass das künftig nicht mehr erlaubt werden würde. Denn das wäre meiner Meinung nach ein Nachgeben gegenüber dem Hass. Seitens der Community kann ich mir im Moment kaum vorstellen, dass gar keine CSDs mehr in Berlin stattfinden oder keine großen Prides mehr abgehalten werden. Das wäre schon ein schwerer Schlag für die Demokratie.
Was will die Community jetzt machen?
Ich habe schon mit sehr vielen Leuten gesprochen oder von vielen gelesen, die ganz klar sagen: Wir machen weiter, wir lassen uns nicht unterkriegen. Das ist genau der Grund, warum wir Prides benötigen. Das ist genau der Grund, warum wir weitermachen. Einerseits ist das natürlich eine ernste Veranstaltung, aber es ist auch ein Event von queerer Lebensfreude. Und diese queere Lebensfreude ist an sich schon politisch. Das sieht man an solchen Angriffen. Es ist kein Wunder, dass genau so ein Fest angegriffen wird, das einerseits einen politischen Ausdruck hat, andererseits aber auch zeigt, wie viele Leute mit Freude feiern – die genau das feiern, was von solchen Extremisten zutiefst gehasst wird. Wir lassen uns die queere Lebensfreude nicht nehmen. Wir hatten in der Vergangenheit immer wieder Angriffe auf die queere Community – ich denke zum Beispiel an die Attacke auf den Klub in Orlando in den USA 2016. Diese Freude hat ein immenses politisches Potenzial, und die lassen wir uns trotzdem nicht nehmen.