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Judith Mackrell: „Frauen an der Front – Kriegsreporterinnen im Zweiten Weltkrieg“
Manchmal, so brutal das auch klingen mag, bringt Krieg sowohl Unheil als auch Chancen mit sich – etwa für Journalistinnen, wie man anhand des Zweiten Weltkrieges verdeutlichen kann. Der bot Journalistinnen nämlich die Möglichkeit, die „Klatschspalten hinter sich zu lassen“ und in Bereiche vorzudringen, die bis dahin Männern vorbehalten waren: Reportagen, Berichterstattung, Interviews, Kommentare zu zeitgeschichtlich relevanten Themen.
Die Autorin Judith Mackrell lebt zurzeit in London und wurde unter anderem mit ihren Artikeln für den „Guardian“ bekannt Foto: Joachim Mueller-Ruchholtz
Zwar gab es Kriegskorrespondentinnen schon lange vor dem Zweiten Weltkrieg, aber nicht in der Maße, in dem sie dort zum Einsatz kamen: Gegen Kriegsende waren 250 akkreditierte weibliche Reporter auf alliierter Seite im Fronteinsatz. Waren die Texte anfangs streng auf Themen wie Truppenversorgung oder den Alltag von Krankenschwestern in Lazaretten reduziert, weiteten sich die Bereiche in Windeseile aus. Denn für die Berichterstattung eines weltweiten Krieges standen zu wenige Reporter zur Verfügung und man war auf die Journalistinnen angewiesen. Und deren Arbeit überzeugte, wie wir dem großartigen Buch „Frauen an die Front“ von Judith Mackrell entnehmen dürfen.
Parallelen zum Ukraine-Krieg
Ihre Erzählung beginnt mit dem spanischen Bürgerkrieg, der als Generalprobe der Faschisten und Nazis für den Zweiten Weltkrieg gespenstische Parallelen zum Krieg von Russland in der Ukraine aufweist. Das Ende ist bekannt. Franco überrannte die Stellungen der Republikaner, eine Junta wurde auf den Gräbern von zigtausend Widerstandskämpfern errichtet. Nach dem Fall Spaniens kam Hitlers Annexion des Sudetenlandes dran, danach gab es kein Halten mehr.
Selbstredend steht die Frage im Raum, ob Reporterinnen anders über den Krieg berichteten als ihre männlichen Counterparts. Dazu ein Beispiel: Lee Miller fragte in ihren berühmten Frontberichten für die „Vogue“, was die Deutschen eigentlich von ihren Nachbarn wollten, denn sie hätten ja schon alles – gute Wohnungen, eine funktionierende Infrastruktur, ausreichend Essen; ein schönes Land voller unzufriedener Einwohner, die nach immer mehr gierten. Zu solch grundsätzlichen bzw. pragmatischen Betrachtungen zum Krieg sind selbstverständlich auch Männer imstande, doch der entscheidende Punkt ist: Diese Fragen finden sich nahezu ausschließlich in den Texten weiblicher Reporter wieder.
Foto: Insel-Verlag
Infos
Judith Mackrell: „Frauen an der Front: Kriegsreporterinnen im Zweiten Weltkrieg“
Insel-Verlag, Berlin 2023
541 S., 28,00 Euro