Serie

Historisches und architektonisches Esch (49): Ehemaliger Schlachthof (Kulturfabrik)

Trotz der Proteste der Metzgervereinigung beschloss die Stadt Esch 1885 den Bau eines Schlachthofs. Diese Maßnahme war angesichts der wachsenden Bevölkerung und der Anforderungen an die Hygiene notwendig geworden. Die Investition wurde im Rahmen der großen Infrastrukturarbeiten für die Stadtentwicklung und die Gewährleistung der öffentlichen Gesundheit getätigt.

Die Kulturfabrik – eine besondere Adresse in der Kulturlandschaft der Stadt Esch

Die Kulturfabrik – eine besondere Adresse in der Kulturlandschaft der Stadt Esch Foto: © Christof Weber, 2015

Dazu gehörte der Bau von Trinkwasser- und Gasverteilungsnetzen. Vor der allgemeinen Nutzung von Elektrizität wurde Gas für die öffentliche Beleuchtung und für Privathaushalte verwendet. In den 1870er Jahren begann die Stadt mit den Arbeiten an der Kanalisation, die nach 1910 von der deutschen Firma Städtereinigung und Ingenieurbau, Wiesbaden, fortgesetzt wurden. Dieses Unternehmen führte ein modernes System zur Trennung von Abwasser und Regenwasser ein. Das Elektrizitätswerk wurde 1899 von einem Unternehmen aus Nancy realisiert. Zur gleichen Zeit wurde das Gaswerk von der Firma Carl Francke aus Bremen gebaut, aus Sicherheitsgründen am Rande der Stadt, unweit des Schlachthofs. Letzterer befand sich in einer Entfernung von etwa 800 Metern vom Stadtzentrum, dies hauptsächlich aus hygienischen Gründen.

Die ersten Gebäude des Schlachthofs wurden vom Architekten Pierre Kemp (1841-1895) entworfen. Sie spiegeln den für Industriebauten des späten 19. Jahrhunderts typischen Baustil wider, bei dem Funktionalität und ein Hauch von Ästhetik zusammenkommen, was zu ausgewogenen Proportionen und zum Teil symmetrischen Fassaden führt. Die Gebäude des Schlachthofs hatten einen rustikalen Steinsockel und waren verputzt, die Türen und Fenster waren mit Werkstein eingefasst. Heute ist man fasziniert von der Architektur der Schlachthalle, die noch aus der ersten Bauphase erhalten ist und zu einem Restaurant umgebaut wurde. Der zentrale Teil der Nord- und Südfassade zeichnet sich durch die Anordnung großer Rundbogenöffnungen aus, die, wenn man so will, an die Fenster einer dreischiffigen Kapelle erinnern.

Blick in die Brasserie K116 in der ehemaligen Schlachthalle. Architekten: Jim Cl...
/
Blick in die Brasserie K116 in der ehemaligen Schlachthalle. Architekten: Jim Clemes und Christian Bauer.
Der erste Schlachthof wurde 1885 nach den Plänen des Architekten Pierre Kemp geb...
/
Der erste Schlachthof wurde 1885 nach den Plänen des Architekten Pierre Kemp gebaut. Landwirte und Mitarbeiter posieren für das Foto. Im Hintergrund eine kleine Ausstellung von Werkzeugen.
Gesamtansicht des Schlachthofs, der in den 1930er Jahren vom Stadtarchitekten Is...
/
Gesamtansicht des Schlachthofs, der in den 1930er Jahren vom Stadtarchitekten Isidore Engler und dem Ingenieur Marcel Steffes modernisiert wurde

Um 1910 erwies sich eine Modernisierung des Schlachthofs als notwendig und es wurden erste Schritte zum Umbau unternommen. Allerdings wurde die Erweiterung der Gebäude erst 20 Jahre später, von 1929 bis 1934, durchgeführt. Der Stadtarchitekt Isidore Engler (1888-1962) und der Ingenieur Marcel Steffes (1889-1969) waren mit der Erstellung der Pläne und der Überwachung der Ausführung durch die Firma Casali beauftragt. Die Zahl der Schlachtungen stieg von 16.569 pro Jahr im Jahr 1914 auf 20.150 im Jahr 1938.

Wie auf Fotos aus jener Zeit zu sehen ist, wurde ein Teil der alten Anlagen in den neuen Schlachthof integriert. Er bestand aus etwa zehn Gebäuden, die einem funktionalen Ablauf entsprechend entlang von Gassen und Höfen angeordnet waren. Auf der Straßenseite war das Gelände von einer Mauer umschlossen und durch ein Tor zugänglich, das vom Pförtner kontrolliert wurde. Der Schlachthof verfügte über ein Verwaltungsgebäude, Ställe, einen Maschinenraum und spezifische Einrichtungen wie die Schlachthalle, einen Kühlraum und ein Veterinärlabor. Die Anlage wurde 1934 eingeweiht. Die neuen Gebäude trugen den Stempel des Art déco. Zwei Bauten zeichnen sich durch ihre großen glocken- bzw. stufenförmigen Giebel aus. Es handelte sich um den Maschinenraum am Ende des Hofes und die Pförtnerloge auf der Seite der rue de Luxembourg mit der Aufschrift „Abattoir municipal“. 1938 wurde die Anlage um eine Salzhalle und eine Abfallverwertungsstation erweitert.

Nach dem Bau eines neuen Schlachthofs am nordwestlichen Stadtrand, im Stadtteil Zaepert, wurde der alte Schlachthof, der den technischen Anforderungen nicht mehr genügte, 1979 geschlossen. Das Schicksal der Gebäude war zunächst ungewiss.

Auf Initiative lokaler Akteure, die für das Potenzial dieser Architektur sensibilisiert waren, besetzten junge Künstler bald einen Teil der Räumlichkeiten. 1981 hatte der Lehrer Ed Maroldt die Idee, eine Theateraufführung des Kasematten-Ensembles, „Das Konzert zum Heiligen Ovid“, in den ehemaligen Schlachthof in Esch zu verlegen. Rosario Grasso, Steve Karier, Christian Kmiotek, Jani und Paul Thilges gründeten die Theater GmbH. Andere Organisationen und Künstler (Galerie Terre Rouge, Kino am Schluechthaus, Club Torreense ….) entdeckten den Ort, aber die Erhaltung der Gebäude war noch immer bedroht. Ende 1983 tauchte ein Projekt zur Umwandlung des Schlachthofs als Werkstatt mit Tankstelle auf und löste eine große Protestbewegung aus. Der gemeinnützige Verein Kulturfabrik wurde gegründet. Nach langen Kämpfen, bei denen das Gelände gelegentlich als „Ratelach“ angeprangert wurde, unterstützten die offiziellen Stellen, das heißt das Kulturministerium und die Gemeinde Esch, endlich das Projekt und investierten in die Umnutzung der Bauten.

Dank der Beharrlichkeit der Kulturakteure im Kampf um die Erhaltung der Gebäude konnte die Anlage gerettet werden. Durch eine sanfte Renovierung, die 1997 und 1998 unter der Leitung der Architekten Jim Clemes und Christian Bauer durchgeführt wurde, konnten viele Spuren der früheren Nutzung erhalten werden. Zu sehen sind zum Beispiel die ehemaligen Stallungen, die zu Sanitäranlagen umgebaut wurden. Die rote Farbe einiger Wände bezieht sich auf den Originalanstrich der ersten Gebäude.

Als 1998 offiziell eröffnete „Kulturfabrik“ ist der Schlachthof heute mit einem ungewöhnlichen Programm zu einer festen Adresse in der Kulturlandschaft der Stadt Esch und der Großregion geworden. Die „Kufa“ umfasst Konzert- und Aufführungssäle, ein Kino, einen Ausstellungsraum, ein kleines Bistro und ein Restaurant. Sie bietet unter anderem Workshops an und organisiert Musik-, Tanz- und Theaterfestivals.

2014 hat die Kufa ein Urban-Art-Projekt gestartet. Mittlerweile sind in zehn Städten in Luxemburg, Frankreich, Deutschland und Belgien faszinierende Wandbilder entstanden. Einige davon sind auf dem Gelände der Kulturfabrik zu sehen, andere in Esch verstreut.

Historisches und architektonisches Esch (49): Ehemaliger Schlachthof (Kulturfabrik)

0 Kommentare
Das könnte Sie auch interessieren