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Historisches und architektonisches Esch (20): Rue de l’Alzette (2)

In der Fluchtlinie der rue de l’Alzette zwischen der Kreuzung mit der rue de la Libération und der place de la Résistance ist ein merkwürdiger Bruch zu beobachten. Heute ist dieser Teil der Straße breiter, weil ein Teil der Häuser ursprünglich mit Vorgärten ausgestattet war. 

Die Gebäudegruppe Nr. 62-80 wurde schrittweise in Geschäftshäuser umgewandelt. Gebäude Nr. 78 wurde 1929 zum Konfektionsgeschäft „Bon Marché“ vergrößert.

Die Gebäudegruppe Nr. 62-80 wurde schrittweise in Geschäftshäuser umgewandelt. Gebäude Nr. 78 wurde 1929 zum Konfektionsgeschäft „Bon Marché“ vergrößert. Foto: © Christof Weber, 2020

Der erste Escher Stadtarchitekt Paul Flesch (1870-1955), der 1901 den Dienst antrat, hatte eine genaue Vorstellung von der Gestaltung des Stadtteils. Er plante zwei öffentliche Plätze (die heutigen place de l’Hôtel de ville und place de la Résistance), die durch eine 20 Meter breite Allee verbunden sein sollten. Entlang der Straße sah er bürgerliche Einfamilienhäuser vor. Diese Idee ist noch an den Gebäuden Nr. 66-80 ablesbar, die nur ein volles Geschoss und Vorgärten haben (erbaut um 1910). Diese Gruppe von Häusern wurde von den Auftraggebern Salentiny und Alfred Lefèvre gebaut, die sie weiterverkauften. Die Häuser sind alle vom gleichen Typ, jede Fassade ist jedoch anders gestaltet. Zusammen bilden sie ein malerisches Ensemble, das sich durch den Wechsel von giebelständigen und traufständigen Häusern, unterschiedliche Dachformen und durch heute verschwundene Erker auszeichnet. Die Fassaden sind ein gutes Beispiel für den historistischen Stil.

Das Erdgeschoss wurde bereits in den 1920er Jahren bei einem Teil der Häuser für kommerzielle Zwecke umgebaut. In den 1930er Jahren lebten auf Nr. 66 bis 74 folgende Personen: Schlossermeister Christian Isaac (66), Lebensmittelhändler Jean Decker (68), Zeitungs- und Parfümhändler Théodore Krips (70), Konditor René Geisen (72), der Stadtarchitekt Isidore Engler (74). Der von Paul Flesch bevorzugte Haustyp wurde schnell zugunsten profitablerer, gemischt genutzter Mehrfamilienhäuser mit Geschäftsflächen im Erdgeschoss und zum Teil auch im ersten Obergeschoss aufgegeben. Nr. 76, Sitz des Bekleidungsgeschäfts „Au Bon Marché“ der Brüder Adolphe, Edmond, Henri und Nicolas Gutenkauf, ist ein gutes Beispiel hierfür. 1928-1929 kaufte die Familie das Haus aus dem Jahr 1910 von der Händlerfamilie Meisch-Leyder, ließ es abreißen und zu einem großen und schönen dreistöckigen Apartmenthaus umbauen (Architekt: Georges Stoves, Unternehmer: Marco Moia). Es wurde in den letzten Jahren komplett restauriert. Der Arzt Gustave Schintgen lebte mit seiner Familie auf Nr. 78. Sophie Seicker, Witwe des Arztes Philip Bastian, wohnte auf Nr. 80.

Einfamilienhäuser (Nr. 62-78) in der rue de l’Alzette (damals rue de la Poste) u...
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Einfamilienhäuser (Nr. 62-78) in der rue de l’Alzette (damals rue de la Poste) um 1916
Der vom Unternehmer Alfred Lefèvre gebaute Wohnblock erinnert an die Gebäude der...
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Der vom Unternehmer Alfred Lefèvre gebaute Wohnblock erinnert an die Gebäude der Belle Époque in Paris
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Als Reaktion auf die Nachfrage im Zusammenhang mit dem Wachstum der Stadt, aber auch aus Spekulationsgründen, investierten agile Unternehmer in diesem neuen beliebten Viertel. Der Auftraggeber des Eckgebäudes Nr. 90 im Jahr 1915 war der Bauunternehmer Chilot-Altmeyer. Sein Architekt war Albert Kerber, der sich um 1913 in Esch niederließ und auch das Nachbarhaus Nr. 92 plante. Die Fassade des Eckhauses aus rotem Klinker und Haustein bezaubert durch ihren ornamentalen und bildlichen Schmuck. Hermes/Merkur, der antike Gott als Beschützer des Handels, wacht über den Eingang zum Ladenlokal, Zeus/Jupiter, der allmächtige Gott der Griechen und Römer, schützt den privaten Eingang. Die Porträts von König Albert I. von Belgien und dem französischen Präsidenten Raymond Poincaré, die von Duilio Donzelli entworfen wurden, schmückten zwei Medaillons, die die Eckfassade im zweiten Stock umrahmten. Sie wurden während der deutschen Besatzung Luxemburgs (1940-1944) von den Nazis entfernt.

Gegenüber, auf Nr. 91, baute der Apotheker François Heldenstein 1911 ein Gebäude mit einer der üppigsten Fassaden in der rue de l’Alzette. Der bereits erwähnte Architekt Jos. Nouveau, dessen Fähigkeiten zu dieser Zeit auch in Luxemburg-Stadt sehr gefragt waren, demonstriert hier sein Stilrepertoire. Die monumentale, ganz mit Stein verkleidete Fassade des Heldenstein-Hauses ist mit Pilastern, Gesimsen und Balustraden in neobarocken Formen ausgestattet. Eine Besonderheit dieses Gebäudes sind die zwei großen übereinanderliegenden Loggien, die von einem hohen Dach mit stattlicher Lukarne bekrönt werden.

Ein in der Stadt Esch besonders aktiver Investor war schließlich der Unternehmer Alfred Lefèvre, weshalb wir ihn in diesem Stadtführer mehrmals antreffen. Er war gleichzeitig Auftraggeber, Bauträger und Bauunternehmer eines Wohnblocks, zu dem die 1913 gebauten Häuser Nr. 119-123 und 133-135 zählen, die von dem Architekten Albert Brick geplant wurden.

Die Steinfassaden mit historistischem Dekor und Balkonen mit gusseisernen Geländern erinnern an die Belle-Époque-Wohnhäuser in Paris. Das Gebäude mit Blick auf die place de la Résistance zeichnet sich durch eine abgeschrägte Eckfassade aus. Diese wird durch einen dreiachsigen breiten Balkon und mit Steinvasen bekrönte Lukarnen betont. Unter dem Sims sind zwei Satyr-Masken zu sehen. Seit der griechischen und römischen Antike hatten groteske Masken sowohl eine dekorative Funktion als auch die Aufgabe, böse Geister zu vertreiben.

Historisches und architektonisches Esch (20): Rue de l’Alzette (2)

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