Verrottende Industriekultur

Gebläsehalle auf Belval eines der sieben „meistgefährdeten Denkmäler“ Europas

Die Escher Gebläsehalle hat es geschafft. Immer wieder war das Industriedenkmal in den letzten Jahren im Gespräch. Nun steht es auf der Liste der „meistgefährdeten Denkmäler“ der europaweit agierenden NGO „Europa Nostra“, die sich dem Schutz dieser Zeitzeugen verschrieben hat. Spätestens jetzt ist klar, es sollte etwas passieren, und zwar bald.

Hall des soufflantes als historisches Stahlwerk-Museum im Minette-Bergbaugebiet mit Industrieanlagen und Maschinen.

Die „Hall des soufflantes“ ist ein Zeitzeuge der Stahlvergangenheit des Minett Foto: Editpress/Julien Garroy

2025 war die Gebläsehalle zwar unter den 14 Nominierten der gefährdeten Bauwerke zu finden, schaffte es aber nicht auf die „Europa Nostra“-Shortlist der sieben Auserwählten. „Wenn zu lange nichts passiert, wird das Gebäude baufällig“, sagt Guy Clausse (75), einer der acht Vizepräsidenten der NGO und mitbeteiligt an der aktuellen Entscheidung, das Gebäude in die Liste aufzunehmen.

1963 gegründet, hat sich „Europa Nostra“ dem Denkmalschutz in Europa, und zwar Europa im Sinne des Europarates, verschrieben. Länder wie Georgien, Armenien oder die Türkei sind Mitglied, um nur einige der Nicht-EU-Staaten zu nennen. „Europa Nostra“ macht Lobbyarbeit für den Denkmalschutz und vergibt jedes Jahr rund 30 Awards für besonders gelungenen Denkmalschutz.

Das sind die „Best-Practice-Beispiele“. Und sie ernennt seit 2013 die „Most endangered Sites“. Das sind schützenswerte Gebäude, an denen nichts passiert ist oder der Schutz mehr schlecht als recht ausgeführt wurde. Bei der Gebläsehalle ist Ersteres der Fall. Die Geschichte der „Lunge der Stahlindustrie“ ist eine, die genauso gut „viel Lärm und nichts passiert“ heißen könnte.

Guy Clausse als Jurymitglied bei der Bewertung gefährdeter historischer Gebäude in Europa

Guy Clausse, Jurymitglied für die Shortlist der gefährdeten Gebäude in Europa Foto: privat

Die Stille danach

Den letzten großen Auftritt hatte das emblematische Gebäude anlässlich der Kulturhauptstadt „Luxemburg und die Großregion“ 2007 mit der Ausstellung „All we need“. Danach, bis 2020, diente sie der Police grand-ducale lieblosals Abstellplatz für gepfändete Autos von Verkehrssündern. Danach wurde es still um die Halle, sie rottete vor sich hin. Für die Kulturhauptstadt „Esch 22“ wurde sie schließlich als Hauptquartier (wieder-)entdeckt.

Der Fonds Belval lehnte das seinerzeit aus Sicherheitsgründen ab, was namhafte Historiker wie Denis Scuto und den damaligen Gemeinderat von Esch erzürnte. Niemand will die Sanierung des Gebäudes, das 1910 durch die Gelsenkirchener Bergwerks-AG erbaut wurde und durch seine Stahlkonstruktion aus Eisenträgern und das Dachfachwerk aus Eisenprofilen besticht, angehen. Bis heute nicht.

Studien, Architektenwettbewerbe und parlamentarische Anfragen über die Zukunft des Gebäudes folgen – ohne Ergebnis. Zuletzt brachte 2024 die ehemalige Kulturministerin Sam Tanson („déi gréng“) Bewegung in die Sache mit einer parlamentarischen Anfrage zusammen mit ihrem Parteikollegen Meris Sehovic an das Bautenministerium, in dessen Verantwortung das Gebäude mittlerweile liegt.

Politisches Ausweichen

Es gab – wie schon so oft – ausweichende Antworten. „Um optimal auf künftige Großprojekte am Standort Belval reagieren zu können, stellt der Fonds Belval derzeit umfassende Überlegungen zur Programmierung der Stadt der Wissenschaften, der Forschung und der Innovation an“, hieß es damals in der Antwort der zuständigen Ministerin Yuriko Backes (DP).

Konkreteres ergaben die zehn Workshops, die das „Centre national de la culture industrielle“ (CNCI) 2024 rund um eine neue Nutzung des weitläufigen Gebäudes veranstaltete. Vier Szenarien gingen aus den Workshops hervor, die von einer „Minimalvariante“ bis hin zum Komplettumbau reichten, um „Wissen, Kultur und Wohnen“ zusammenzubringen, wie es damals hieß.

Geschehen ist wieder einmal nichts. An Interessenten zur Nutzung mangelte und mangelt es nicht. Das Architekturbüro Luca zeigte schon vor Jahren Interesse, seinen Sitz in die Halle zu verlegen, ein nationales Zentrum für Industriekultur war eine Idee und der unmittelbare Nachbar, die uni.lu, signalisierte zuletzt 2024 Interesse, weitere Fachbereiche dort unterzubringen.

Bedeutung betonen viele

Das CNCI, das die Gebläsehalle zum zweiten Mal für die Shortlist eingereicht hat, gehört ebenfalls zu den Interessenten. „Die Möglichkeit, dort den Sitz des CNCI einzurichten, bleibt wünschenswert und gehört weiterhin zu den in Betracht gezogenen Optionen“, sagt Anne-Catherine Richard (43), seit Juli 2025 die Direktorin des CNCI auf Anfrage des Tageblatt.

Die Hartnäckigkeit, das Gebäude zum zweiten Mal vorzuschlagen, geht auf eine Ermunterung von „Europa Nostra“ zurück. Das CNCI spricht von historischer Bedeutung und einer Dringlichkeit seiner Erhaltung. Es hat sich gelohnt. Nicht nur das CNCI weiß um die Bedeutung.

Schließlich ist es ein Zeuge der Roheisen- und Stahlgewinnung, die vom Minett aus dem ganzen Land zu seiner Zeit Wohlstand garantierte. Sogar das zuständige Ministerium betonte in der Antwort auf die parlamentarische Anfrage von „déi gréng“ 2024 den „besonderen Platz“, den die Gebläsehalle „sowohl auf der Ebene des Standorts selbst als auch als Gravitationszentrum der Agglomeration der Südregion“ innehat.

Die „Europa-Nostra“-Jury sieht es ähnlich: „Es ist in mehrfacher Hinsicht ein bedeutendes Zeugnis für die Stadt Esch und für das Land“, sagt Jurymitglied Clausse. Er und seine Kollegen wählen die Gebäude nach Relevanz unter architektonischen Gesichtspunkten, Relevanz für den Standort sowie nach Möglichkeiten der Umnutzung für die Shortlist aus.

Vielleicht kommt, jetzt, nach der Nennung auf der (unrühmlichen) Liste, echter Schwung in die Sache. Die Stiftung der Europäischen Investitionsbank (EIB) als Partner von „Europa Nostra“ vergibt seit 2021 für die Projekte der Shortlist eine Anschubfinanzierung von 10.000 Euro. Immerhin. Das gilt allerdings nur, wenn ein Konzept vorliegt.

Was die Shortlist bewirkt

Ein Beispiel ist der Pont Colbert im französischen Dieppe. Das Bauwerk im Hafenviertel der Stadt aus dem Jahr 1898 ist die letzte große Drehbrücke in Europa, die in ihrer ursprünglichen Form betrieben wird. Sie verbindet den historischen Stadtkern von Dieppe mit dem Hafen. 12.000 Fahrzeuge und 1.800 Fußgänger nutzen die Brücke täglich. Als Ende der 2000er Jahre der Abriss der Brücke und deren Ersatz durch eine modernere Konstruktion erwogen und angekündigt wurden, regte sich öffentlicher Protest. 2016 wurde die Brücke in die „Europa-Nostra“-Liste der gefährdeten Gebäude aufgenommen, was 2020 eine Einstufung als historisches Denkmal zur Folge hatte. Damit war der Weg frei, das Bauwerk mit öffentlichen Mitteln zu renovieren. Im Frühjahr 2026 soll das knapp 20 Mio. Euro teure Projekt abgeschlossen sein, wie aus der Webseite portsdenormandie.fr hervorgeht.

2 Kommentare
HeWhoCannotBeNamed 09.03.202614:52 Uhr

Industriekultur hin oder her - ob und wie sinnvoll eine Sanierung der Gebläsehalle ist, ist nicht nur eine Frage des industriehistorischen Werts, sondern auch der Machbarkeit und der Kosten. Was ist mit toxischem Müll, Asbest, usw (nun gut, das muss sowieso entsorgt werden...)? Und angesichts dessen, was bisher erhalten wurde, stellt sich die Frage, ob das Geld nicht anderswo besser angelegt wäre? Und ob die Gebläsehalle tatsächlich ein "Pont Colbert" des Minetts ist, sei auch mal dahingestellt...

Yves ALTWIES 09.03.202611:13 Uhr

Man braucht im Laendchen nicht sehr tief zu graben um solche Missstaende zuhauf aufzudecken.

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