Family of Man

Exklusive Datenanalyse zeigt: CNA-Direktor und Minister verschleiern das Ausmaß des Problems

Eric Thill hat im RTL-Interview nochmal bekräftigt, dass die klimatischen Bedingungen der Family of Man in Clerf nur „zu minimalen Zeitpunkten“ suboptimal gewesen seien. Die nun verifizierten Daten des Tageblatt belegen das Gegenteil.

Besucher bei der Ausstellung „Family of Man“ in Clervaux, kulturelles Fotografie-Event 2013

Die Family of Man könnte aufgrund der defekten Klimaanlage Schäden davongetragen haben Foto: Editpress-Archiv

Kulturminister Eric Thill (DP) war am vergangenen Samstag zu Gast bei RTL in der Sendung Background am Gespréich. Dabei kam das Dossier CNA zur Sprache, über das das Tageblatt bereits ausführlich berichtet hatte: Die defekte Klimaanlage in der „Family of Man“-Ausstellung in Clerf, der Feuchtigkeitsvorfall vom Sommer 2025, die Frage, ob das Unesco-Weltdokumenterbe zu Schaden gekommen ist. Thills Antwort war dieselbe wie zuvor in der Presse, in der Antwort auf die parlamentarische Anfrage von Stéphanie Weydert (CSV) und gegenüber der Chamberkommission.

Die kritischen Werte, so der Minister, seien „zu minimalen Zeitpunkten“ überschritten worden. Es habe sich um „Minuten“ gehandelt. Nicht weiter schlimm, solange die Überschreitung nicht über einen längeren Zeitraum andauere. Das sei hier nicht der Fall gewesen.

Das Tageblatt hatte bereits am 9. März unter Berufung auf der Redaktion vorliegende Daten berichtet, dass Thill das Parlament mutmaßlich falsch unterrichtet hat. In der Folge hat der Abgeordnete Marc Baum („déi Lénk“) Akteneinsicht eingefordert und es dem Tageblatt ermöglicht, die uns seit Anfang März vorliegenden Daten mit den offiziellen Daten des CNA abzugleichen.

Mittelwerte als Schutzschild

Das vollständige Klimamonitoring der Ausstellungsräume im Schloss Clerf beinhaltet Messreihen aus neun Räumen von Juni 2025 bis März 2026. Insgesamt wurden 585.000 Messungen vorgenommen. Das Tageblatt hat diese mittels Künstlicher Intelligenz ausgewertet und die Ergebnisse durch einen Datenwissenschaftler verifizieren lassen. Die Zahlen sind eindeutig.

An 138 Tagen zwischen dem 1. Juli und dem 30. Dezember 2025 hat mindestens ein Ausstellungsraum den oberen Grenzwert von 55 Prozent relativer Luftfeuchtigkeit im Sommer respektive 50 Prozent im Winter überschritten. Diesen Wert hat das CNA selbst als Konservierungsstandard für fotografische Originale definiert. Da diese Werte grundsätzlich für den Tagesdurchschnitt der relativen Luftfeuchtigkeit gelten, wären kleine Abweichungen erst einmal kein Problem.

Wer den Monatsdurchschnitt aller Räume betrachtet, bekommt zunächst ein beruhigendes Bild: Im Juli 2025 liegt er bei 52,3 Prozent – innerhalb des Toleranzbereichs. Das ist die Darstellung, die CNA-Direktor Gilles Zeimet der parlamentarischen Kulturkommission präsentiert hat: Tagesdurchschnittswerte über alle Räume zusammengerechnet. Der Durchschnitt verschleiert, was in einzelnen Räumen über Wochen passiert ist.

Denn die Spitzenwerte sind gravierend. Raum S06S07 erreicht am 25. Juli einen Tagesdurchschnittswert von 79,2 Prozent – das ist fast das Doppelte der Obergrenze. An 111 Tagen liegt der Tagesdurchschnitt dieses Raums über 55 Prozent. Raum S02 übersteigt den Wert an 107 Tagen. Ab dem 14. Juli liegt S06S07 durchgehend über der Toleranzgrenze – diese Phase hält, mit wenigen Ausnahmen, bis Anfang August an. Im September steigen die Werte erneut: Am 18. September misst S06S07 einen Spitzenwert von 79,0 Prozent.

Die Schwankungsbreite der Luftfeuchtigkeit ist ebenfalls alles andere als irrelevant: Bei schnellen Umschwüngen bei Temperatur und Luftfeuchtigkeit bildet sich nämlich Kondenswasser, welches Verformungen, Verfärbungen und Schimmelbildung bei dem Papier begünstigt. Deswegen existieren, auch im CNA, spezielle Räume, in denen beispielsweise Fotos aus Archiven zwischengelagert werden, um sie auf die Bedingungen der Ausstellungsräume gewissermaßen „vorzubereiten“. Eine Achterbahnfahrt der Luftfeuchtigkeit, wie sie die Ausstellung im vergangenen Jahr erfahren hat, kann an empfindlichen Fotografien schwere Schäden verursachen.

Interne „Expertise“

Wem das alles zu technisch ist, stelle sich einfach folgendes vor: Man nehme ein Foto, lege es zehn Minuten in eine Pfütze und hänge es die übrigen 23 Stunden und 50 Minuten im kalifornischen Death Valley auf. Das Foto ist im Tagesdurchschnitt mit Sicherheit sehr trocken. Über den Zustand des Fotos ist damit allerdings wenig gesagt. Die Toleranzwerte sind sinnvolle, interne Arbeitsinstrumente zum Schutz der Ausstellung. Sie dokumentieren Schwankungen und ermöglichen ein sinnvolles Gegensteuern. Ihre durchschnittliche Einhaltung belegt nicht, dass die Exponate keinen Schaden genommen haben.

Das CNA-interne Auswertungsdokument zeigt, dass die eigene Analyse bewusst auf Tagesdurchschnitte reduziert wurde. Und Thill hat diese bereits geglättete Darstellung im RTL-Interview noch weiter zugespitzt auf „Minuten“. Das ist keine Interpretationsfrage mehr. Das ist eine nachvollziehbare Kette von Vergröberung vom Messsensor bis zum Radiointerview, an deren Ende nur noch Rauschen zu vernehmen ist.

Auf die Frage, ob er externe Expertise eingeholt habe, um die technischen Angaben zu überprüfen, antwortete Thill in der Kommission am 11. März, er habe weitergegeben, was ihm seine Experten mitgeteilt hätten. Dieser Experte ist Gilles Zeimet, der Direktor des CNA.

Im größeren Kontext

Der Klimaanlagenvorfall bei der Family of Man steht nicht allein. Das Tageblatt hat in den vergangenen Wochen über ein System berichtet, das unter Zeimet beim CNA entstanden ist: Kompetente Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die die Institution verlassen haben, Vorwürfe der Einschüchterung und Demütigung, Beschwerden, die beim Ministerium ankamen und folgenlos blieben. Thill steht nach eigener Aussage hinter dem Direktor und hinter dem laufenden Modernisierungsprozess.

Parallel dazu hat das Ministerium ein Comité d’accompagnement eingesetzt – sechs Personen aus Kulturministerium und Fonction publique, geleitet von Premier Conseiller Carl Adalsteinsson. Die Gruppe hat nach Thills Angaben kurz vor Ostern mit der Arbeit begonnen. Einen Zeitplan für Empfehlungen nannte er nicht.

Was das Comité nicht klären wird: ob die Informationen, die das Ministerium dem Parlament geliefert hat, mit den Messdaten übereinstimmen. Diese Frage liegt beim Parlament. Marc Baum („déi Lénk“) sagt gegenüber dem Tageblatt am Mittwoch: „Meine Analyse der Daten bestätigt, was eure Redaktion bereits im März veröffentlicht hat.“ Auch die weiteren Daten, die er angeforderte habe, seien seiner Ansicht nach unvollständig. Es blieben „berechtigte Zweifel“ an den Aussagen des Direktors Zeimet.

Im Gegensatz zu Thill war Baum am Samstag bei RTL nur als Einspieler zu Gast, dort hat der Abgeordnete allerdings eine klare Position formuliert: Wer als Staatsbeamter wissentlich und willentlich eine Parlamentskommission belüge, für den gebe es nur eine Konsequenz – seinen Rücktritt.

0 Kommentare
Das könnte Sie auch interessieren