Ehemaliger Außenminister
„Es zahlt sich aus, zäh zu sein“: Asselborn radelt die 300.000 voll
Auch zwei Verletzungen konnten Luxemburgs ehemaligen Außenminister nicht ausbremsen. Jean Asselborn hat die 300.000-km-Marke auf dem Rad durchbrochen.
7,5 Mal um die Erde: Asselborn mit seinem Rennrad am Donnerstag in Marienthal Foto: privat
300.000 Kilometer, das sind rund siebeneinhalb Erdumrundungen. Jean Asselborn, Luxemburgs ehemaliger Außenminister, hat diese Marke nun auf dem Rad erreicht. Auf seiner Hausstrecke im schönen Eichtal konnte Asselborn zuletzt die 300 Kilometer aufholen, die ihm noch fehlten.
Im vergangenen September war dem LSAP-Politiker die Achillessehne gerissen – nach der Knieoperation Ende 2021 der zweite Rückschlag innerhalb weniger Jahre.
Kurzzeitig wusste Asselborn nicht, ob das mit dem Radfahren überhaupt noch einmal etwas wird. „Im Vergleich mit dem Knie war die Achillessehne schwieriger“, sagt er. „Kurz nach der OP denkst du, das wird nie wieder was – das hat mich viel Energie gekostet.“ Umso erleichterter zeigt sich der Steinforter jetzt. „Es zahlt sich aus, zäh zu sein. Du musst auch dann aufstehen, wenn du hingefallen bist – das gilt auf dem Rad und in der Politik“, sagt der Mann, der fast 20 Jahre lang Chefdiplomat des Großherzogtums war.
Ein Schaf und die CSV
Zum Unfall, bei dem Asselborns Achillessehne riss, kam es im vergangenen September bei der Abfahrt vom Mont Ventoux, jenem mythischen Radfahrerberg in der Provence, den „Jang“, wie ihn alle nennen, jedes Jahr zu erklimmen versucht.
„Oben am Gipfel bin ich noch Luxemburgern begegnet“, erinnert sich Asselborn. „Wir haben Erinnerungsfotos gemacht und geplaudert.“
Bei der Abfahrt stand dann plötzlich ein Schaf im Weg. Unweit des Monuments zu Ehren des Radsportlers Tom Simpson, der dort 1967 ums Leben kam, sei das Tier plötzlich auf den hinabfahrenden Asselborn zugerannt.
Beim Ausweichmanöver habe es dann „klack“ gemacht. „Da wusste ich, dass etwas kaputt ist“, sagt Asselborn, der die etwas mehr als 20 Kilometer bis zu seinem Auto noch hinuntergerollt ist. „Dann habe ich mich mit Ach und Krach erst ins Auto, dann ins Hotel geschleppt. Am Tag darauf ging es zurück nach Luxemburg ins Krankenhaus.“ Dort kam die Diagnose: Achillessehnenriss.
300 Kilometer vor der runden Marke, vor dem Ziel der 300.000 – das nun erst jetzt erreicht wurde.
Asselborns Logbuch: Inzwischen sind die 300.000 geschafft Foto: privat
Zum Rad kam Asselborn, wie er erzählt, wegen der CSV. In den 1990er-Jahren, bei zähen, nicht enden wollenden Verhandlungen, habe er sich gedacht: „Ich muss raus, ich brauche Luft.“ Also habe er sich ein Rad besorgt, in einem Laden in Koerich.
Ich weiß nicht, ob ich die 20 Jahre in der Spitzenpolitik ohne das Rennrad ausgehalten hätte
„Es war eines für Herren und Damen – und mit dem bin ich in jenem Sommer bis nach Fréjus gefahren: 150 Kilometer am Tag, 1.050 insgesamt.“
Fortan war die Leidenschaft geweckt. Asselborn und der „Vëlo“ waren von da an unzertrennlich. In den folgenden 15 Jahren fuhr der Politiker jeden Sommer mit einem Freund in den Süden, nach Italien, Frankreich oder Spanien. Dort warteten die Familien auf den gemeinsamen Urlaub.
„Ich weiß nicht, ob ich die 20 Jahre in der Spitzenpolitik ohne das Rennrad ausgehalten hätte“, sagt Asselborn rückblickend. „Ich brauchte und brauche die Luft.“
Viele der Interviews, die Asselborn über die Jahre im Radio gab – bei RTL, 100,7 oder auch im Deutschlandfunk –, habe er sich vorher auf dem Rad überlegt. Er sei auch nach Interkontinentalflügen nie ins Bett gegangen, sondern „nach der Landung immer zwei Stunden aufs Rad gestiegen“. Das sei das beste Mittel gegen Jetlag gewesen.
Interviews im Sattel
Nur auf dem Rad habe er richtig abschalten und nachdenken können. Auch Interviews mit dem deutschen Nachrichtenmagazin Der Spiegel habe er aus dem Sattel heraus gegeben. Seine Mitfahrer hätten ihn dann gelegentlich aufgezogen: „Allez Jang, maach virun.“ Seine Antwort: „Moment, das muss noch sein.“
Die 300.000 Kilometer sind nun voll. Im Schnitt waren das über viele Jahre hinweg 10.000 bis 12.000 Kilometer pro Jahr. „Um das zu schaffen, musst du das ganze Jahr fahren und nicht nur bei schönem Wetter“, unterstreicht Asselborn und erinnert an seine Devise: „Auch das gehört zum Zähsein dazu – du darfst dich durch nichts unterkriegen lassen.“
Und wie geht es weiter? Will Asselborn auch dieses Jahr den Ventoux bezwingen? Er antwortet zurückhaltend. Er habe einen Plan im Kopf, aber erst im Juni könne er mehr dazu sagen: „Möglicherweise klappt es, möglicherweise setze ich ein Jahr aus. Dann sieht mich der Ventoux 2027 wieder.“