Prozess um mutmaßliche Polizeigewalt

„Es war Blut auf dem Boden, auf dem Stuhl und am Opfer“

Vier Polizisten stehen vor Gericht. Die Richter verhandeln über einen Fall von mutmaßlicher Gewalt und Vertuschung im ehemaligen Kommissariat am Hauptbahnhof. Ein Zeuge berichtet, was vorgefallen ist.

Wache am belebten Hauptbahnhof mit Sicherheitsdienst und Reisenden im Hintergrund

Die Wache am Hauptbahnhof Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante

Der junge Polizist verlässt mit hängenden Schultern und gesenktem Blick den Saal. Michael O. hat gerade am Mittwoch ausgesagt. Es ist der zweite Tag des Prozesses wegen mutmaßlicher Polizeigewalt im ehemaligen Kommissariat C3R am Hauptbahnhof. Vier angeklagte Polizisten beobachten ihn im Gerichtssaal in Luxemburg-Stadt. Manchmal zittert seine Stimme, während er erzählt, was an jenem 20. Mai 2023 in der Wache vorgefallen sei.

An diesem Abend findet der ING Marathon statt, die Stadt ist rammelvoll, die Polizisten haben viel zu tun. Michael O. ist mit seinem Kollegen Sam T. auf Patrouille. Beide sind „Frischlinge“, wie der Richter es nennt. Gegen 19.30 Uhr hören sie Geschrei aus dem Café Relax in der rue de Strasbourg. Sie treffen dort auf Fernando V., der sich aufbrausend verhält. „Er war alkoholisiert“, sagt Michael O. Eigentlich wollten die Polizisten ihn nicht mit auf die Wache nehmen. Als Fernando V. jedoch Fahrradfahrer anschreit, revidieren sie ihre Entscheidung.

Auf der Wache angekommen will Fernando V. laut Michael O. nicht kooperieren. Den beiden neuen Beamten kommt ihr Kollege Joe K. zu Hilfe. Auch Rick S. befindet sich im Büro. Der hat eigentlich keinen Dienst; laut eigenen Angaben schlägt er dort die Zeit tot, während er auf das Schichtende von K. wartet.

Der Prozess

Der Prozess sollte eigentlich am 17. Dezember 2025 beginnen, wurde jedoch vertagt. Ursprünglich waren drei Prozesstage angesetzt, was als unzureichend angesehen wurde, um die 18 geladenen Zeugen anzuhören. Im Januar wurde der Fall zudem vom Bezirksgericht an die Strafkammer überwiesen, unter anderem wegen des Vorwurfs der Folter. Drei der vier Polizisten müssen sich zudem für weitere Straftaten verantworten. Das Verfahren ist nun auf sieben Tage angesetzt.

Als Fernando V. schließlich in der Sichtzelle sitzt, taucht irgendwann Tom D. auf. Der Beamte ist laut Anklage bereits Ende März mit Fernando V. bei einem Einsatz im Café Relax aneinandergeraten. Auch er hat eigentlich dienstfrei. Er habe Michael O. angewiesen, vor der geschlossenen Zellentür zu warten. Joe K. und Tom D. seien mit Handschuhen in die Zelle gegangen. Auch Rick S. war dort. Michael O. hat dann ein metallisches Geräusch gehört. „Als hätte jemand Handschellen ausgezogen“, sagt er. Michael O. steht dich an der Tür, der Raum ist nicht groß. Dann hört er Faustschläge. Und das Jammern von Fernando V.

Verschleierungsversuche

Als die Tür sich wieder öffnet, sieht Michael O. in der Sichtzelle Blut. „Es war Blut auf dem Boden, auf dem Stuhl und am Opfer“, sagt er. Laut Joe K. soll sich Fernando V. gewehrt haben. Dieser habe das aber verneint, sagt Michael O. Er und sein Partner mussten dann die Zelle putzen und die Blutspuren aus dem Gesicht des Opfers entfernen. Danach soll Michael O. seinen Bericht schreiben.

Den ersten bekommt er vom zuständigen Kontrollbüro zurück, weil Informationen über die Herkunft der Verletzungen von Fernando V. fehlen. Der zuständige Arzt hatte diese in seinem Bericht protokolliert. „Ich war jung und überfordert“, sagt Michael O. Er wendet sich an seine Vorgesetzten André A. Der habe ihn angewiesen, seinen Bericht zu fälschen.

Das geht Michael O. zu weit. Er arbeitet inzwischen im Kommissariat auf Verlorenkost. Dort erzählt er zuerst seinen Kollegen davon, dann seinen Vorgesetzten. Anschließend landet der Fall bei der Staatsanwaltschaft und der „Inspection générale de la police“ (IGP). Innerhalb der Polizei sei es ihm nicht leicht ergangen, sagt Michael O. Seit der Fall öffentlich wurde, erlebe er Mobbing, werde „Kameradenschwein“ genannt. Nach seiner Aussage entlässt der Richter ihn aus dem Zeugenstand.

Spitze des Eisbergs

Bei den Vorfällen soll es sich nicht um vereinzelte Entgleisungen im ehemaligen Kommissariat gehandelt haben. Reporter hatte im Dezember 2025 Einsicht in einen Bericht der IGP. Laut dem sei es in Bahnhofswache „im Laufe der Zeit zu deontologisch äußerst verwerflichem Fehlverhalten“ gekommen. Regelmäßig seien Dienstanordnungen missachtet worden und es sei seitens der Beamten zu Straftaten gekommen, „die ausschließlich durch die Art und Weise, wie diese Dienststelle geführt wurde, möglich waren“.

Ex-Polizeichef Philippe Schrantz und Ex-Regionaldirektor Patrick Even wollen von den Zuständen nichts gewusst haben. „Ich habe nicht mitbekommen, was auf dem Feld passiert“, sagt Schrantz am Mittwoch im Gerichtssaal. Auch Even berichtet, er habe keine „Hinweise auf Störungen“ erhalten.

Der ehemalige Vorgesetzte der Angeklagten, Mike F., zeichnet das Bild von einer Dienststelle im Ausnahmezustand. Es habe immer viel Arbeit gegeben – und immer zu wenig Personal. Die Beamten seien täglich beleidigt worden. Zudem habe von aus der Politik und der Bevölkerung ein hoher Druck geherrscht, für mehr Sicherheit im Bahnhofsviertel zu sorgen. Anstatt erfahrener Kollegen seien immer nur neue Rekruten zur Wache gestoßen. Zu den Angeklagten könne er nichts Negatives sagen. Sie alle hätten immer gute Arbeit geleistet.

Bis zur rechtskräftigen Verurteilung gilt für alle Angeklagten die Unschuldsvermutung.

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