Ein Opfer der Tram
Elternhaus des Widerstandskämpfers Raymond Justin Petit wird abgerissen
Ein Haus nahe der Stäreplaz in Luxemburg-Stadt muss der geplanten Straßenbahnlinie weichen. Es ist das Elternhaus von Raymond Justin Petit. Ein öffentlicher „Square“, eine Skulptur und eine Gedenktafel sollen in Zukunft an den 1942 im Alter von 22 Jahren gestorbenen Widerstandskämpfer erinnern.
In diesem Haus an der route d’Arlon, nahe der „Stäreplaz“, ist der Luxemburger Widerstandskämpfer Raymond Justin Petit aufgewachsen Foto: Editpress/Hervé Montaigu
Luxemburg-Stadt. Direkt an der Stäreplaz steht ein unscheinbares Haus – keine prächtige Villa, sondern ein mittelgroßes Gebäude, das ein wenig aus der Zeit gefallen scheint. Dominique Gerard fährt oft daran vorbei, doch vor Kurzem fiel ihm etwas auf: Die Gedenkplakette neben der Eingangstür fehlt. „Das machte mich stutzig“, sagt er im Gespräch mit dem Tageblatt.
Diese Metalltafel gibt dem Haus seine historische Bedeutung. Sie erinnert an Raymond Justin Petit als Gründer der „Lëtzebuerger Patriote Liga“, einer Widerstandsorganisation gegen die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg. Das Gebäude wird als „maison familiale“, Elternhaus von Petit, bezeichnet. Laut der Plakette kam der bis heute bei Gedenkzeremonien oft erwähnte Widerstandskämpfer 1942 bei einem Schusswechsel mit der Gestapo ums Leben. Im Alter von 22 Jahren.
Dominique Gerard ist sich der Bedeutung dieser Inschrift bewusst. „Warum ist sie nun nicht mehr da? Soll das Haus abgerissen werden?“ Diese Fragen wirft er in unserem Gespräch am Donnerstag auf. Es bedarf einiger Telefonate, um Hinweise zu erhalten, vor allem aber um an Menschen zu kommen, die mehr über die Geschichte dieses besonderen Hauses erzählen können.
Opfer der Tram
Im Klartext: Das Haus, genau wie einige andere auf beiden Seiten der Straße, soll abgerissen werden. Grund dafür ist die städtebauliche Neugestaltung der Stäreplaz, vor allem aber die geplante Straßenbahnlinie, die entlang der route d’Arlon bis zum „Centre hospitalier“ führen soll und mehr Platz braucht.
Und die Gedenkplakette? Sie wurde entfernt, aber nicht gestohlen. Sie befinde sich in guten Händen, wird uns angedeutet, nämlich bei der Familie Petit selbst. Das bestätigt dann auch Raymond Petit (*1954), der nach seinem verstorbenen Onkel benannt wurde. Er erzählt, dass seine Urgroßeltern 1922 in das Haus einzogen und sowohl sein Vater Pierre (*1924) als auch dessen älterer Bruder Raymond Justin Petit (“1920) dort aufwuchsen.
Im Telefonsgespräch wirkt Raymond Petit, der selbst seine Jugend in dem Haus verbracht hat, nicht unglücklich darüber, dass er und seine Schwester das Gebäude jetzt an die Stadt Luxemburg verkauft haben. „Seit Mai 2024 steht es leer, seit dem Auszug der letzten Mieterin“, sagt er. Nun werde es der Tram und der Verbreiterung der route d’Arlon weichen müssen.
So weit, so gut, könnte man meinen. Doch verschwindet hier nicht erneut ein Stück Erinnerung von der Bildfläche? Wie passt das zu den Bemühungen, Erinnerungstourismus zu fördern und Kulturerbe zu bewahren, statt zu zerstören?
Erinnerung bleibt
Die Familie Petit hat jedoch vorgesorgt. In Absprache mit der Stadt Luxemburg wird ein öffentlicher „Square Raymond Justin Petit“ in der Nähe des ehemaligen Wohnhauses entstehen. Laut einem Dokument der Stadt, das dem Tageblatt vorliegt, soll der Platz zwischen der Stäreplaz und der rue Val Ste-Croix eingerichtet werden.
Das Dokument enthält noch weitere Details: „Die Stadt verpflichtet sich, eine Skulptur von Herrn Raymond Petit zu erwerben und diese auf dem zukünftigen ‚Place Raymond Justin Petit‘ aufzustellen. Bis zur Fertigstellung des Platzes wird die fünf Meter hohe Skulptur provisorisch neben dem Wohnhaus platziert. Zudem wird eine Gedenktafel am Fuß der Skulptur angebracht, die allen Widerstandskämpfern der Stadt Luxemburg gewidmet ist.“
Vielleicht findet dann auch die nun entfernte Gedenkplakette an diesem neuen Ort ihren Platz. Übrigens: Nicht nur in der Hauptstadt wird des Lebens und der Taten von Raymond Justin Petit gedacht. In Berdorf, wo er 1942 ums Leben kam, erinnert ein Steinmonument an ihn, und eine Straße trägt seinen Namen.
Wann das Haus an der route d’Arlon nahe der Stäreplaz abgerissen wird, ist derzeit unklar. Es könnte durchaus noch einige Zeit dauern. Laut Raymond Petit, dem Neffen des Widerstandskämpfers, ist es sogar möglich, dass das Gebäude vor dem Abriss noch einer neuen Nutzung zugeführt wird.