„Ich arbeite nur mit Nospelter Lehm“

Wie Usch Biver die „Emaischen“ am Leben hält

Zwischen rotem Lehm und jahrhundertealter Tradition hält ein Mann ein Handwerk am Leben, das fast verschwunden wäre. In Nospelt formt Eugène „Usch“ Biver nicht nur „Péckvillercher“ – er formt ein Stück Identität.

Eugène „Usch“ Biver in Nospelt mit traditionellem „Péckvillercher“-Handwerk, das luxemburgische Kultur lebendig hält

Eugène „Usch“ Biver macht in Nospelt mehr als „Péckvillercher“ – er hält ein Stück Identität lebendig Foto: Carole Theisen

„Ich arbeite ausschließlich mit Nospelter Lehm. Das ist mein Material, mein Fundament“, erzählt Usch Biver voller Stolz. Wenn in Nospelt am Ostermontag die ersten „Péckvillercher“ über die Tische wandern, beginnt für viele Besucher ein fröhliches Ritual. Für Biver ist es mehr als das. Der 84‑Jährige ist der letzte „Aulebäcker“ Luxemburgs, der noch mit lokalem Lehm arbeitet.

Die „Emaischen“ gehört seit Jahrzehnten zum immateriellen Kulturerbe des Landes. Doch die Geschichte des Festes wäre ohne Menschen wie Biver kaum denkbar. Seit 1958 sitzt er – mit nur zwei Ausnahmen – jedes Jahr an der Drehscheibe und zeigt, wie aus einem unscheinbaren Klumpen Erde ein Pfeifvogel entsteht.

Ein Handwerk, das fast verschwunden wäre

Biver wurde 1941 in eine Familie hineingeboren, die tief in der Geschichte Nospelts verwurzelt war. Im selben Monat, nur wenige Tage nach seiner Geburt, starb der letzte traditionelle „Aulebäcker“ des Dorfes: Ditches Néckel. Für Biver hat dieser Zufall bis heute etwas Symbolisches. „Ich sage immer scherzhaft, dass er mir gesagt hat, ich müsse diesen Weg gehen.“

„Meine Großeltern waren Nospelter Leute, und meine Mutter auch“, erzählt er. Das Dorf war einst ein Zentrum des Töpferhandwerks; die letzten Meister hatten hier bis ins frühe 20. Jahrhundert gearbeitet.

Als Kind streifte er durch die Felder, sah die alten Lehmkollen, hörte die Geschichten der Älteren.

„Die alten Töpfer hatten hier schon im 17. Jahrhundert gegraben. Das war alles noch sichtbar, als ich klein war.“ Diese frühen Eindrücke prägten ihn – auch wenn niemand in seiner Familie mehr töpferte.

Der entscheidende Moment kam in der Schule. Ein Töpfer aus der Stadt – „ein Meister, den jeder kannte“ – zeigte den Kindern, wie man Ton dreht. „Bei den anderen flog der Ton nach links oder rechts – und ich hatte plötzlich ein kleines Gefäß fertig.“ Von da an wurde Biver jedes Jahr wieder eingeladen, am Ostermontag auf dem Fest zu demonstrieren, wie man Ton formt.

Atelier von Usch Biver mit kreativem Chaos, Kunstmaterialien und inspirierender Arbeitsumgebung

Das Atelier von Usch Biver ist von kreativem Chaos geprägt Foto: Carole Theisen

Der Letzte, der noch lokalen Lehm verarbeitet

Nur Usch Biver nutzt heute noch reinen Nospelter Lehm. Dieser brennt rot – wegen des hohen Eisenanteils. Andere Kunsthandwerker aus Nospelt arbeiten mit industriellem, weißem Ton aus Deutschland.

Der Ton, den er heute verarbeitet, ist derselbe Boden, auf dem er als Kind gespielt hat. „Man hat uns gesagt: Geh da bloß nicht rein. Wenn du einmal im Lehm steckst, kommst du nicht mehr raus.“ Klingt fast wie eine Metapher. Und vielleicht ist es das auch.

Unreiner Ton vor der Reinigung und Filterung mit sichtbaren Verunreinigungen und Schlamm

So sieht der Ton aus, bevor er gereinigt und gefiltert wurde Foto: Carole Theisen

„Ich kenne den Boden“, sagt er. „Ich weiß, welcher Ton sich brennen lässt.“ Wenn irgendwo gebaut wird, fährt er hin, schaut sich den Aushub an, lässt sich eine Schaufel voll geben. Der Rest ist Arbeit – reinigen, filtern, formen. „Man kann den Ton nicht einfach aus der Erde nehmen und loslegen. Das ist ein Prozess, eine ganze Entwicklung.“

Die ersten „Péckvillercher“ brachte er sich selbst bei – aus Mangel an Anleitung. „Ich habe abends am Tisch gesessen und immer wieder versucht, den Vogel zum Pfeifen zu bekommen. Drei Tage lang“, erzählt er. Sein Vater verlor irgendwann die Geduld, blies fest in das missratene Stück hinein – und genau in diesem Moment gelang es. „Ab da konnte ich es. Heute dauert es fünf Sekunden.“

Der Prozess des „Péckvillchen“

Ein „Péckvillchen“ entsteht in mehreren Etappen, die Zeit brauchen. Nach dem Formen muss das Stück einige Tage ruhen, trocknen, dann folgt der erste Brand bei rund 900 Grad. Der Ton wird dabei rot – durch das Eisen, das im Boden enthalten ist. Danach wird glasiert, erneut gebrannt, diesmal bei über 1000 Grad. Erst dann ist die Pfeife fertig.

Ein Ingenieur zwischen zwei Welten

Dass dieser Mann gleichzeitig eine internationale Ingenieurskarriere hatte, wirkt fast surreal. Jahrzehntelang arbeitete Biver in der Nuklearindustrie, reiste nach Taiwan, Frankreich, England. „Ich hatte zeitweise 350 Leute unter mir … aber am Ostermontag saß ich immer wieder an der Drehscheibe.“ Zwei Mal fehlte er in all den Jahren: einmal wegen einer Lungenentzündung, einmal wegen einer Dienstreise.

Ich bin der Einzige, der die ,Péckvillercher‘ noch auf der Drehscheibe macht. Alles rotationssymmetrisch, alles von Hand.

Usch Biver

Besonders stolz ist Biver auf die Glasuren. Früher arbeiteten die Töpfer mit giftigen Bleiglasuren – heute kauft er moderne, sichere Varianten, aber die Technik bleibt anspruchsvoll. Jedes Jahr entwirft Biver ein neues Modell. Die Idee entsteht oft unterwegs, auf Reisen, auf einem Stück Papier. „Ich zeichne dann einfach“, sagt er. „Kopf, Schwanz, Stand – und wenn ich zurück bin, setze ich das im Ton um.“

Péckvillchen-Modell Pinocchio von Usch Biver zeigt handgefertigte Holzfigur mit detailreichem Design und traditionellem Charme

Das diesjährige Péckvillchen-Modell von Usch Biver heißt Pinocchio Foto: Carole Theisen

Der diesjährige „Péckvillchen“ etwa trägt eine lange Nase. Die Idee kam aus einem Gespräch mit seinem Enkel Yassin. „Er hat gesagt: Opa, der sieht ja aus wie Pinocchio.“ Biver lacht. „Also habe ich gesagt: Dann nennen wir ihn eben so.“ Auch die Farbwahl stammt nicht allein von ihm. Diese wurden in diesem Jahr von seiner Tochter ausgesucht.

Im November beginnt die Produktion: jeden Tag zehn Stück, bis mindestens 200 fertig sind. Mehr schafft er kaum – und gerade deshalb stehen die Menschen am Ostermontag Schlange.

Wie Usch Biver die „Emaischen“ am Leben hält
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© Foto: Carole Theisen

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