Handel im Wandel
Einmal „schwierig“, einmal top: Die Geschäftswelt in Mertert-Wasserbillig und Mondorf
Es ist ein krasser Gegensatz. Mondorf managt sein Geschäftsleben gut, in Mertert-Wasserbillig gibt es Probleme. Während Mondorf mit sechs Prozent einen der niedrigsten Leerstände unter den 100 Gemeinden des Landes verzeichnet, ist er in Mertert-Wasserbillig hoch. Das wirft Fragen auf.
Auch wenn es auf diesem Foto nicht danach aussieht, die Gemeinde Mertert-Wasserbillig hat seit Jahren mit Leerständen zu kämpfen Foto: Editpress/Julien Garroy
Die Gegensätze wundern umso mehr, weil beide Gemeinden auf den ersten Blick Gemeinsamkeiten haben. Gemessen an der Einwohnerzahl, mit ca. 5.500 Einwohnern, sind beide Gemeinden in etwa gleich groß. Beide liegen zudem an der Grenze zum benachbarten Ausland. Mondorf liegt an der Grenze zu Lothringen und Mertert-Wasserbillig könnte von deutschen Kunden zehren.
Zur Hafenstadt Mertert: Im gesamten Gemeindegebiet gab es zum Jahresbeginn insgesamt 44 Einzelhandelsgeschäfte, welche durch 21 Horeca- sowie 32 Dienstleistungsbetriebe ergänzt werden. Nahezu alle Geschäftsaktivitäten spielen sich entlang der Verkehrsachse zwischen der Grand-rue im Ortsteil Wasserbillig und der route de Wasserbillig in Mertert ab.
Lucien Bechtold (64), Schöffe in Mertert-Wasserbillig Foto: privat
Das Geschäftsangebot lässt sich auf zwei Kern-Standorte begrenzen: Der Bereich um die Grand-rue markiert dabei den eigentlichen Stadtkern. Dort sind knapp die Hälfte aller örtlichen Betriebe, mit einem Schwerpunkt auf Dienstleistungsangebote, vorzufinden. Nur 1,5 Kilometer vom Wasserbilliger Zentrum entfernt, befindet sich das Nahversorgungszentrum E. Leclerc.
Mit seinen 15 Betrieben, hauptsächlich aus dem Bereich Einzelhandel, kommt dem Zentrum – zusammen mit den angrenzenden Tankstellengeschäften – eine wichtige Versorgungsfunktion zu. Davon profitieren auch die Grenzgänger. Dennoch ist das Thema Leerstand eines, das die Gemeinde beschäftigt.
Dazu sagt Schöffe Lucien Bechtold
Tageblatt: Was sind die Gründe für den Leerstand?
Lucien Bechtold: Viele Geschäftsinhaber finden keinen Nachfolger, der Online-Handel ist eine große Konkurrenz und das Kaufverhalten hat sich geändert. Außerdem haben wir in den letzten Jahren allein drei Bankfilialen verloren, die Kunden in die Geschäfte der Gemeinde gezogen haben. Wir als Gemeinde schalten uns gerne bei Leerstand ein, aber die Eigentümer müssen das wollen und zulassen. (wie)
Im Stadtzentrum, wo es die meisten Leerstände gibt, liegt die Leerstandsquote laut den „Cadastre“-Daten seit einigen Jahren oberhalb der 20-Prozent-Marke.
Steve Reckel, Bürgermeister von Mondorf Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante
Ganz anders sieht es in der Bäderstadt Mondorf aus. Wie in Mertert-Wasserbillig konzentriert sich die lokale Geschäftswelt fast ausschließlich auf das Stadtzentrum. Ein zentrales Nahversorgungszentrum außerhalb der City, wie es Mertert-Wasserbillig hat, fehlt. 110 der insgesamt 131 Betriebe (rund 85%) sind direkt im Zentrum angesiedelt. Dabei handelt es sich häufig um Betriebe aus dem Bereich Dienstleistungen, gefolgt vom Einzelhandel (26 Geschäfte), der quantitativ gesehen damit zweitwichtigster Sektor ist.
Landesweit gibt es nur acht andere Stadtzentren mit einer noch größeren Anzahl an Betrieben.
Dazu sagt Bürgermeister Steve Reckel
Tageblatt: Wie machen Sie das, so viele Geschäfte in Mondorf?
Steve Reckel: Der Dienstleistungsbereich mit Immobilienagenturen, Fahrschulen oder Ärzten zieht von jeher Kunden in die Thermalstadt. Und wir haben in den PAPs der letzten Jahre ausdrücklich vermerkt, dass im Erdgeschoss des neuen Gebäudes Geschäftsflächen vorzusehen sind. Das hat funktioniert. (wie)
Mondorf hat eine geringe Leerstandsquote und eine aktive Strategie für die Geschäftswelt Foto: Editpress/Julien Garroy
Die allermeisten sind belegt, wie die Zahlen des „Cadastre“ zeigen. Während in vielen anderen Innenstädten eine rückläufige Anzahl an Geschäften zu beobachten ist, gelingt es Mondorf, seine Geschäftswelt zu erhalten und Leerständen aktiv entgegenzuwirken. Mit einer Leerstandsquote von rund sechs Prozent hat Mondorf eine der niedrigsten des Landes.
Dazu sagt Bürgermeister Steve Reckel
Tageblatt: Wie halten Sie die niedrige Leerstandquote?
Steve Reckel: Wir arbeiten mit dem „Cadastre“ zusammen und immer, wenn wir von Leerständen hören, schalten wir uns als Gemeinde ein. Im letzten Fall haben wir vom Eigentümer die Geschäftsflächen in der Avenue des Bains angemietet, eine Ausschreibung gemacht und eine Parfümerie gefunden, die sich dort niederlassen will. Dem neuen Betreiber haben wir für die ersten zwei Jahre eine niedrigere Miete zugesagt, um den Start zu erleichtern. Wir als Gemeinde übernehmen in dem Zeitraum die Differenz. (wie)
Handel im Wandel: Die Serie
In der wöchentlichen Artikelserie „Handel im Wandel“ schaut sich das Tageblatt in Zusammenarbeit mit dem „Observatoire national des PME“ (GIE) die Geschäftswelt der Luxemburger Gemeinden an. Mithilfe des Datentools „Cadastre de commerce“ wird zunächst die Situation in der jeweiligen Kommune analysiert, dann kommen die Gemeindeverantwortlichen zu Wort: Wie steht es um den lokalen Einzelhandel? Was unternimmt die Politik, um die Geschäftswelt zu beleben? Das Tageblatt untersucht jeden Montag eine oder mehrere neue Gemeinden. Nach Walferdingen sind nun Mondorf und Mertert-Wasserbillig an der Reihe.