Merowinger-Dorf bei Rollingen

Eine außergewöhnliche Siedlung wird freigelegt, danach verschwindet der Fundplatz unter Neubauten

In Rollingen bei Mersch wird seit 2020 eine außergewöhnlich gut erhaltene merowingische Siedlung freigelegt. Nach den Grabungen verschwindet der Fundplatz unter Neubauten, die Erkenntnisse bleiben. Ein Ortsbesuch.

Kulturminister Eric Thill besucht Merowinger-Siedlung in Rollingen bei Mersch, historischer Ort und archäologische Stätte

Kulturminister Eric Thill (r.) beim Besuch der Merowinger-Siedlung Foto: Editpress/Julien Garroy

Am Mittwoch öffnete sich in Rollingen bei Mersch für einen Moment ein Fenster in eine Welt, die sonst fast spurlos verschwunden scheint. Die Alltagswelt der Merowinger.

Kulturminister Eric Thill und der Direktor des Nationalinstituts für archäologische Forschung (INRA), David Weis, luden zur Besichtigung der Ausgrabung in der rue Bildchen ein. Was dort seit 2020 freigelegt wird, gilt als wissenschaftlicher Glücksfall: die Überreste einer weitläufigen merowingischen Siedlung, in einer Ausdehnung und einem Erhaltungszustand, die in Luxemburg bislang einzigartig sind. Erstmals lässt sich ein Siedlungsplatz dieser Zeit als zusammenhängendes Ganzes Schicht für Schicht untersuchen und vollständig dokumentieren.

Archäologe mit feinem Grabungswerkzeug legt geduldig historische Artefakte bei Ausgrabung frei

Mit viel Geduld und feinstem Grabungswerkzeug wird die Vergangenheit freigelegt Foto: Editpress/Julien Garroy

Leben statt Gräber

Die Merowinger, die zwischen dem 5. und 8. Jahrhundert weite Teile Westeuropas prägten, stehen für den Übergang von der Spätantike ins frühe Mittelalter. Nach dem Ende des Weströmischen Reiches ordneten sich Macht, Wirtschaft und Gesellschaft neu. Dörfer, Handels- und Produktionsnetze sowie Siedlungsformen dieser Epoche wurden zum Fundament des mittelalterlichen Europas. In Luxemburg war diese Zeit bisher vor allem über Nekropolen der Merowinger sichtbar, also über Grabfelder, deren Beigaben viel über Status, Handwerk und Vorstellungen der damaligen Menschen verraten. Wie die Leute lebten und arbeiteten, blieb dagegen lange schwer greifbar.

Dass merowingische Siedlungen selten so gut erhalten sind, hat auch mit dem Baumaterial zu tun. Es wurde wenig in Stein, aber viel in Holz gebaut. Übrig bleiben im Boden davon meist nur Pfostenlöcher, Gruben oder alte Laufhorizonte, Spuren, die durch spätere Nutzung und Bautätigkeit leicht zerstört werden. In Rollingen zeichnet sich dagegen ein größerer Dorfbereich ab, mit Hinweisen auf die Anordnung der Gebäude, verschiedene Nutzungszonen und die Entwicklung des Ortes über mehrere Phasen hinweg.

Besucher betrachten eine seltene antike Münze aus Gold bei einer Ausstellung historischer Fundstücke

Interessierte Besucher bestaunen ein seltenes Fundstück: eine Münze ... Foto: Editpress/Julien Garroy

Römische Münze als Merowinger-Schmuckanhänger mit historischem Design aus der Antike und frühen Mittelalter

... und diese Münze stammt aus der Römerzeit, wurde von den Merowingern aber zu einem Schmuckanhänger umgestaltet Foto: Editpress/Julien Garroy

Präventive Archäologie

Minister Thill betonte bei der Besichtigung, Archäologie sei ein Schlüssel zum Verständnis von Vergangenheit und Identität. Der Fund zeige zugleich die Bedeutung der präventiven Archäologie, also jener Ausgrabungen, die vor Bau und Erschließung stattfinden und Entwicklung mit dem Schutz des kulturellen Erbes verbinden sollen. Die Regierung habe ihr Engagement verstärkt und übernehme die Kosten solcher Ausgrabungen vollständig, zur Unterstützung der Gemeinden, der Bürger und der Forschung.

Erste wissenschaftliche Analysen, darunter Radiokarbondatierungen – auch als C14-Methode bekannt –, deuten auf eine lange, weitgehend kontinuierliche Nutzung hin. Die datierten Zeiträume reichen von der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts bis ins dritte Viertel des 7. Jahrhunderts. Damit lässt sich an einem Ort die Entwicklung eines ländlichen Siedlungsplatzes über nahezu vier Jahrhunderte verfolgen, vom späten römischen Horizont bis tief in die Merowingerzeit, mit einer Nutzung bis in die zweite Hälfte des 7. Jahrhunderts.

Weites Feld mit weißen Zetteln als Markierung besonderer Fundstellen für archäologische Untersuchungen

Die weißen Zettel markieren besondere Fundstellen Foto: Editpress/Julien Garroy

Wie es weitergeht

In den nächsten Monaten wird weiter ausgegraben und genau vermessen. Danach werden die Funde im Labor untersucht, auch mit Blick darauf, wie Landschaft und Umwelt damals aussahen. Ziel ist eine Dokumentation, die auch im europäischen Vergleich Gewicht haben soll.

Vor Ort bleibt dennoch nichts sichtbar. Nach Abschluss von Bergung und Dokumentation wird das Areal wegen eines geplanten Bauvorhabens unter einer neuen Häusersiedlung verschwinden. Was bleibt, sind die gesicherten Funde, die Auswertung, wissenschaftliche Publikationen und die Vermittlung an die Öffentlichkeit.

Fundstücke sorgfältig klassifiziert und geordnet für archäologische Dokumentation und Lagerung

Die einzelnen Fundstücke werden fein säuberlich klassiert und aufbewahrt Foto: Editpress/Julien Garroy

Archäologische Ausgrabung in Rollingen mit Schicht-für-Schicht Freilegung von historischen Fundstücken

Die Ausgrabungen in Rollingen erfolgen Schicht für Schicht Foto: Editpress/Julien Garroy

Archäologische Grabungsstätte vor Neubau einer modernen Wohnsiedlung in urbanem Gebiet

Über der Grabungsstätte wird bald schon eine neue Wohnsiedlung entstehen Foto: Editpress/Julien Garroy

Fund einer prähistorischen Siedlung bei präventiver Archäologie vor Bauarbeiten zum Schutz kulturellen Erbes

Der Fund der Siedlung zeigt die Bedeutung der präventiven Archäologie, also jener Ausgrabungen, die vor Bau und Erschließung stattfinden und Entwicklung mit dem Schutz des kulturellen Erbes verbinden sollen Foto: Editpress/Julien Garroy

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