Zum Weltbüchertag

Eine Bibliothek auf Rädern: Ein Besuch im „Bicherbus“

Sie informieren, unterhalten und lassen Leser in fantasievolle Welten abtauchen: Bücher. Um die gebundenen Schriftwerke zu würdigen, findet jedes Jahr am 23. April der UNESCO-Welttag des Buches statt. Wem an diesem Aktionstag nun auffällt, dass es ihm oder ihr an ausreichend Lesestoff mangelt, kann in der rollenden Bücherei der Nationalbibliothek (BnL) Literatur ausleihen. Ein Besuch im „Bicherbus“.

Der „Bicherbus“ ist bei Kindern sehr beliebt

Der „Bicherbus“ ist bei Kindern sehr beliebt Foto: Sandra Schmit

Ein Nachmittag im April in Hellingen, es ist kurz nach 14.15 Uhr. Ein Bus hält mit weit geöffneten Türen an der Haltestelle vor der alten Schule in der Crauthemerstrooss. „Bicherbus“ steht in weißen Buchstaben an der Seite des Fahrzeuges geschrieben, über dem Schriftzug sind geöffnete Bücher abgebildet. Der Fahrer wartet nicht etwa darauf, die nächsten Passagiere zu befördern, sondern will gemeinsam mit seiner Kollegin Leseratten mit neuen Büchern versorgen. Denn der Bücherbus ist eine Bibliothek auf Rädern. Nur wenige Minuten dauert es, bis die ersten Besucher erscheinen: Zwei Frauen, sie haben große Tüten dabei, die sie nur wenig später prall gefüllt mit kostenlos zur Verfügung gestelltem Lesestoff nach Hause tragen werden.

„Unser Ziel ist es, jedem Zugang zu Büchern zu verschaffen – unabhängig davon, wo man lebt. Wer zum Beispiel hier in Hellingen wohnt und in eine Bibliothek möchte, muss dafür nach Esch fahren. Der ‚Bicherbus‘ ist die mobile Lösung, damit jeder Zugang zu Lesestoff hat. Wir sehen uns dabei als ergänzendes Angebot in dem landesweiten Netz der Bibliotheken“, erklärt Michel Molinaro, verantwortlich für den „Service Bicherbus“ bei der „Bibliothèque nationale du Luxembourg“ (BnL).

Michel Molinaro

Michel Molinaro Foto: Sandra Schmit

Seit zwölf Jahren ist der 41-Jährige beim Bücherbus dabei und fuhr selbst mit dem Bus durch das Land, bis er nun Anfang dieses Jahres den Posten des Verantwortlichen übernommen hat. Nicht immer bleibt ihm deshalb die Zeit zum Lesen, wenn doch, greift er am liebsten zu Romanen, Krimis oder Thriller.

72.000 Bücher, Hörspiele und DVDs

Zu den Gästen des Bücherbus gehören vor allem Kinder, Hausfrauen, Eltern in Teilzeit und Rentner. Rund 72.000 verschiedene Bücher aber auch Hörspiele sowie Dokumentarfilme auf DVDs können sie im „Bicherbus“ ausleihen. Das Angebot ist eigens auf die Bedürfnisse der Besucher zugeschnitten und setzt sich zu einem Großteil aus Freizeitliteratur und Kinderbüchern zusammen. Auf den Touren befinden sich aus Platzgründen allerdings nur rund 4.800 Dokumente an Bord. Wer also sichergehen will, dass die gewünschte Literatur bei einem Halt verfügbar ist, muss diese spätestens fünf Tage zuvor über den Bibliothekskatalog a-z.lu reservieren. Ausleihen kann nur, wer sich zuvor registriert hat. Die kostenlose Anmeldung kann bei einem ersten Besuch im „Bicherbus“ vorgenommen werden. Insgesamt 15 Bücher können gleichzeitig ausgeborgt werden, bis zu 42 Tage lang. Diese Periode kann anschließend um die gleiche Anzahl an Tagen verlängert werden – sofern kein anderer Leser das Material reserviert hat.

Rund 56.000 Ausleihen werden im Durchschnitt jedes Jahr über den Bücherbus getätigt. Nicht immer finden alle Werke ihren Weg zurück: „Während der Pandemie im vergangenen Jahr wurden etwa 1.000 Bücher zuerst nicht zurückgegeben. Man muss allerdings bedenken, dass wir von heute auf morgen auch nicht mehr gefahren sind – von März bis September nicht. Nun sind es etwa 180 Ausleihen, die noch offenstehen. Wir verschicken drei Mahnungen, dann wird das Konto blockiert. Spätestens nach der zweiten Erinnerung kommen die Bücher in den meisten Fällen aber zurück“ erzählt Michel Molinaro und kann hinter der grünen Maske mit weißem Logo der BnL ein leichtes Grinsen nicht unterdrücken.

Auch beim „Bicherbus“ hat sich durch das Virus einiges verändert: Besucher müssen sich die Hände desinfizieren, im Bus gilt Maskenpflicht. Nur noch maximal zwei Gäste dürfen sich zeitgleich in dem Fahrzeug aufhalten. Um längere Aufenthalte zu vermeiden, überlegen viele sich nun bereits zu Hause, was sie ausleihen wollen, bestellen die Bücher vor und holen diese dann nur noch beim Bücherbus ab. So hat es auch Tatjana Linden aus Altwies vor ihrem „Bicherbus“-Besuch an der Haltestelle in Hellingen gemacht. Gemeinsam mit ihren drei Söhnen im Alter von vier, sieben und zehn Jahren hat sie online geschaut, welche Werke den Jungs gefallen: „Wir haben das schon vor Corona so gemacht, da es einfach schneller geht. Die Kinder sind um diese Uhrzeit außerdem in der Schule, aber für mich passt das. Ich kann in der Mittagspause von der Arbeit schnell herkommen und die Bücher abholen. Jetzt im Home-Office ist es sogar noch einfacher“, sagt die 39-Jährige. Da der Nachwuchs sehr viel liest, schätzt Tatjana Linden das Angebot der rollenden Bibliothek sehr, denn: „Bücher sind schließlich nicht geschenkt.“ Auch Tatjana Linden liest gerne, vor allem Thriller. Da sie die Werke aber gerne im Regal stehen hat, kauft sie sich diese lieber, statt sie nur auszuleihen.

Eine Bibliothek auf Rädern: Ein Besuch im „Bicherbus“

Treue Kundschaft

Nicht immer ist das der Fall, wie Michel Molinaro erzählt: „Vor allem bei der Freizeitliteratur wissen die Leute oft danach nicht, was sie mit den Büchern machen sollen. Das ist nicht wie Fachliteratur, die man sich ins Regal stellt, um etwas nachzuschlagen. Auch verkaufen sich gebrauchte Bücher heute kaum noch. Beim Bücherbus geht es auch um den ökologischen Aspekt. Man teilt und kann so im Sinne von Zero Waste die Papiermasse reduzieren.“ Damit das gerade in Corona-Zeiten ohne Bedenken geschehen kann, kann Zurückgegebenes nicht sofort wieder ausgeliehen werden, sondern wandert für zwei Tage in Quarantäne. „Manchmal kommen wir in der letzten Ortschaft einer Tour an und der Bus ist dann praktisch leer“, erzählt Michel Molinaro.

Dann ist Manon Manderscheid zur Stelle und hilft den Menschen, doch noch geeigneten Lesestoff zu finden. Die 52-Jährige liest selbst gerne, ist seit 1990 beim Bücherbus dabei und begleitet – wie auch eine Kollegin von ihr – jede Woche zwei Touren. Zum Team gehören neben den beiden Frauen und Michel Molinaro zudem noch vier weitere Personen, die den Bus fahren und Organisatorisches übernehmen. Sie alle stehen den Gästen zudem bei den Fahrten mit Rat und Tat zur Seite: „Wenn Eltern ein Buch für ihren Nachwuchs suchen, frage ich, wie alt das Kind ist und wie gut es bereits lesen kann. Manche fragen aber auch einfach ‚nach einem guten Buch‘ für sich selbst. Da gebe ich dann Tipps. Manche Kunden kenne ich ja schon jahrelang, sie ermutige ich auch schon mal zu einem neuen Autor und schlage vor: ‚Probieren Sie das hier‘. Es kostet ja nichts“, stellt Manon Manderscheid lachend fest.

Tatsächlich hat sie schon viele ihrer Gäste aufwachsen sehen: Als Kinder werden sie im Kinderwagen von ihren Eltern zum Bücherbus geschoben, tauchen in der Jugend eine Zeit lang nicht mehr auf, nur um dann später mit dem eigenen Nachwuchs wieder zum Ausleihen zu kommen. Davon erzählt auch Michel Molinaro: „In den ganzen Jahren hat mich geprägt, wie Kinder ihren Gefühlen freien Lauf lassen und ihre Begeisterung am Buch ausdrücken. Allgemein ist der Bücherbus ein Ort, zu dem die Leute mit Freude hinkommen.“ Dass das auch so bleibt und Besucher wie Tatjana Linden sich weiterhin ohne größeren Aufwand mit Lesestoff eindecken können, daran wollen Michel Molinaro, Kollegin Manon Manderscheid und das Team auch weiterhin tagtäglich arbeiten. Denn der Verantwortliche des „Bicherbus“ ist überzeugt: Bücher helfen dabei, sich Wissen anzueignen, erlauben das Abschalten vom Alltag und fördern Kreativität.

Der „Bicherbus“

Der „Bicherbus“ ist ein zwölf Meter langes, mit Regalen ausgestattetes Fahrzeug, in dem Bücherwürmer sich nach Anmeldung unter anderem Literatur ausleihen können. Für die Idee des Bücherbusses wurde sich an einem ähnlichen Modell in Belgien orientiert. Seit 1982 ist die rollende Bibliothek unterwegs, fuhr anfangs nur Dörfer im Norden des Landes an, später kamen der Süden und die Moselgegend dazu. Der Bücherbus gehört seit 2010 zum Angebot der „Bibliothèque nationale du Luxembourg“ (BnL) und macht in diesem Jahr landesweit in 81 Ortschaften halt. In 14 verschiedenen Touren werden diese angefahren. Zudem steht das Fahrzeug am ersten Samstag jedes Monats von 10 bis 16 Uhr vor der BnL – Feiertage ausgeschlossen. Der Service ist kostenlos und wird vom Staat finanziert. Mehr Informationen zur Einschreibung und zu den Fahrplänen gibt es auf der Webseite bicherbus.lu, per E-Mail an bicherbus@bnl.etat.lu oder unter der Telefonnummer (+352) 26 55 92 40.

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