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Ein Gebäude als Synonym: „Das Schloss der Schriftsteller“ von Uwe Neumahr
Mit der Kapitulation der deutschen Wehrmacht endete am 9. Mai 1945 der Zweite Weltkrieg in Europa. Fünf Monate später kamen 24 Verursacher der Katastrophe, derer man noch habhaft werden konnte, vor ein internationales Kriegsgericht, das in dieser Form bis heute einzigartig blieb. Der sogenannte „Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher“ begann am 20. November 1945 und endete am 1. Oktober 1946 mit zwölf Todesurteilen, sieben Freiheitsstrafen und drei Freisprüchen.
Uwe Neumahr nahm ein Gebäude als Ausgangspunkt für sein Buch Foto: Christoph Mukherjee
Für die von den Siegermächten anvisierte Bedeutung des Prozesses als Beginn einer neuen Zeitrechnung kam der internationalen Presse eine zentrale Rolle zu. Über die Berichterstattung zu der mit enormem Aufwand initiierten Gerichtsverhandlung sollte weltweit die Botschaft einer politischen Ordnung, der es darum ging, kriegerische Eskalationen in den apokalyptischen Dimensionen des Zweiten Weltkrieges ein für allemal der Vergangenheit angehören zu lassen, propagiert werden.
So einzigartig wie der Prozess blieb auch der Auftrieb an literarischem Talent, das sich in Nürnberg Ende 1945 als Korrespondenten ansammelte: John Dos Passos und Martha Gellhorn aus den USA, Rebecca West aus Großbritannien, Ilja Ehrenburg aus Russland, Elsa Triolet aus Frankreich, Erich Kästner aus Deutschland – und nicht zu vergessen Erika sowie Golo Mann, die Kinder des durch die Nazis aus Deutschland vertriebenen Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann, um nur einige zu nennen. Hinzurechnen muss man auch Reporter wie Walter Lippmann, Willy Brand oder Markus Wolf, die später berühmt und teils auch berüchtigt werden sollten. Weil Nürnberg – nicht zuletzt auch als „Stadt der Reichsparteitage“ der Nazis – im Krieg schweren Bombardements ausgesetzt war und kaum Unterkunft für hunderte Presseleute bot, suchten die Alliierten in der näheren Umgebung nach einer geeigneten Bleibe. In der Ortschaft Stein wurde schließlich das „beschlagnahmte Schloss der Schreibwarenfabrikanten Faber-Castell, ein im Stil des Historismus erbauter burgartiger Komplex, der den Krieg ohne nennenswerten Schaden überstanden hatte (…) in ein internationales Press Camp umgewandelt“.
Vertreterin eines kompromisslosen Standpunktes
Den klobigen, dunklen Kasten, der heute noch steht, nahm Uwe Neumahr zum Ausgangspunkt, um ein Buch unter dem Titel „Das Schloss der Schriftsteller“ zu verfassen. Darin werden die weiteren Umstände bzw. das Beiwerk des Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozesses (dem noch etliche weitere Prozesse folgen sollten) sozusagen von der Pressebühne herab anschaulich dargestellt. Hierzu gehören kurze Zusammenfassungen der Lebenswege einzelner Protagonisten bis zum Zeitpunkt ihrer Ankunft in Nürnberg und wie ihre Erfahrungen dort ihre weiteren Karrieren oder gar Existenzen insgesamt prägten. Martha Gellhorn beispielsweise sollte durch die schockartige Erfahrung bei der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau wie auch wegen ihrer Beobachtungen der durchweg uneinsichtigen Angeklagten in Nürnberg zur Verfechterin eines kompromisslosen Standpunktes gegenüber Deutschland werden: Wer solche Verbrechen verübt, hat auch als Nation keine Gnade verdient. Dagegen standen Verfechter eines versöhnlichen Kurses, die zwar die Haupttäter streng bestrafen, die übrige deutsche Bevölkerung aber zurück in den Kreis der zivilisierten Staaten führen wollten.
Dass im Hintergrund bereits die Grundlagen für den Jahrzehnte währenden Kalten Krieg angelegt wurden, spielt in Uwe Neumahrs Ausführungen ebenfalls eine wichtige Rolle, wobei der Autor zugleich mit profundem Wissen wie mit einem Erzählstil glänzt, der zuweilen in einen regelrechten Plauderton verfällt. Selbst für Klatsch und Tratsch, wie etwa Rebecca Wests Affäre mit dem US-amerikanischen Richter Francis Biddle, findet Neumahr Platz, ohne das eigentliche Anliegen seines Buches, die Geschichte des Nürnberger Prozesses und die zeitgenössische Kritik an ihm, möglichst anschaulich in Erinnerung zu rufen, aus dem Blick zu verlieren.
Foto: C. H. Beck
Infos
Uwe Neumahr: „Das Schloss der Schriftsteller: Nürnberg ’46 – Treffen am Abgrund“
Verlag C. H. Beck, München 2023
304 S., 26,00 Euro