Differdingen

Die International School wird zehn: „Wir bauen Brücken, keine Parallelwelten“

Direktor Gérard Zens und Vizedirektorin Elisabeth Da Silva blicken auf zehn Jahre Schule, Wachstum und Debatten zurück. Warum die „École internationale Differdange et Esch-sur-Alzette“ (EIDE) keine „Unterwanderung“, sondern eine Integrationsmaschine sein will – und weshalb Durchschnittsnoten für sie nicht alles sind.

Schuldirektor Gérard Zens und Vizedirektorin Elisabeth Da Silva empfangen Tageblatt zum Gespräch in der EIDE am Donnerstag

Schuldirektor Gérard Zens und Vizedirektorin Elisabeth Da Silva haben das Tageblatt am Donnerstag zum Gespräch in der EIDE empfangen Foto: Editpress/Alain Rischard

Tageblatt: In der öffentlichen Debatte gibt es immer wieder den Vorwurf: Die „International Schools“ unterwandern das luxemburgische Schulsystem. Was sagen Sie dazu?

Gérard Zens: Da habe ich eine klipp und klare Haltung: Es ist genau das Gegenteil. Wir bauen Brücken – keine Parallelwelten. Wir wollen Kinder in Luxemburg integrieren, die im traditionellen System zuvor kaum eine Chance hatten. Unser Ziel ist es, sprachliche Hürden abzubauen – nicht mehr und nicht weniger. Wer diese nicht ausräumt, läuft Gefahr, dass sich im „Modulaire“ überproportional viele Kinder mit Migrationshintergrund wiederfinden – mit deutlich geringeren Zukunftschancen und niedrigeren späteren Qualifikationen. In Luxemburg ohne Diplom dazustehen, bedeutet für viele ein erhebliches Risiko, arbeitslos zu werden. Wohin gesellschaftliche Perspektivlosigkeit führen kann, zeigen Beispiele aus benachteiligten Vorstädten anderer Länder. Und: Internationale Schulen gab es in Luxemburg schon vorher, ohne dass man sich daran gestört hat. Nur waren es Privatschulen, die sich eben nicht jeder leisten kann. Wir sind öffentlich – hier ist jeder willkommen.

Unser Ziel ist es, sprachliche Hürden abzubauen – nicht mehr und nicht weniger

Gérard Zens

EIDE-Direktor

Die EIDE zählte 2023 und 2024 im europäischen Vergleich internationaler Schulen zu den Schlusslichtern. Woran liegt das? Muss nachgebessert werden?

G.Z.: Wir haben keineswegs schlecht abgeschnitten. Gemessen wurde die Durchschnittsnote aller Schüler, die in diesem Jahr ihr Abitur abgelegt haben. Und ja, in diesem Ranking lagen wir zurück. Aber diese Zahl spiegelt weder die soziokulturellen noch die soziodemografischen Hintergründe unserer Schülerschaft wider. In Schulen wie der Europaschule lernen in der Regel viele Kinder von Akademikern und Beamten. Wir hingegen arbeiten mit der lokalen Bevölkerung. Dazu gehören selbstverständlich Akademikerfamilien, aber auch viele Familien aus Arbeiterhaushalten. Nicht alle Schülerinnen und Schüler erhalten zu Hause dieselbe Unterstützung – sei es in Form von Nachhilfe, geeigneten Lernräumen oder fachlicher Begleitung. Dass es uns dennoch gelingt, so viele junge Menschen erfolgreich zum Abschluss zu führen, ist für uns der eigentliche Erfolg – und wohl auch ein Grund dafür, warum wir so viele Anmeldungen erhalten. Ob die Durchschnittsnote am Ende um einen halben Punkt niedriger liegt, ist für mich dabei ehrlicherweise vollkommen egal.

Die EIDE feiert nun zehn Jahre – wie begann damals alles?

G.Z.: Als Claude Meisch Bildungsminister wurde, entschied er, dass der Süden des Landes eine neue Sekundarschule erhalten sollte. Differdingen ist zwar die drittgrößte Stadt Luxemburgs, verfügte damals jedoch über kein eigenes Lyzeum – lediglich über eine „Annexe“ aus Petingen mit Modularklassen. Unsere Analysen zeigten eine auffällige Schieflage: Von rund 300 Kindern pro Jahrgang wechselten weniger als zehn Prozent ins klassische Lyzeum. Besonders betroffen waren Kinder aus nicht luxemburgischsprachigen Familien. Aber nicht die Leistungsfähigkeit war das Problem, sondern die sprachlichen Hürden.

Und deswegen eine „International School“?

G.Z.: Wir brauchten eine Alternative zum klassischen luxemburgischen System. Das bewährte Modell der Europaschulen sollte als Grundlage dienen – inhaltlich kompatibel mit dem nationalen System, jedoch sprachlich flexibler. Bewusst nennen wir die Schule jedoch nicht „Europaschule“, da diese Bezeichnung mit Schulen für Kinder von EU-Beamten assoziiert wird.

Heute zählen wir insgesamt 2.550 Schülerinnen und Schüler aus 109 Nationen, verteilt auf die Campusse in Differdingen, Esch und Schifflingen

Elisabeth Da Silva

EIDE-Vizedirektorin

Wie hat sich die Schülerschaft in den zehn Jahren entwickelt?

Elisabeth Da Silva: Wir sind mit 55 Grundschulkindern in der ehemaligen Haushaltsschule und 87 Sekundarschülern im heutigen Science Center gestartet. Bereits im darauffolgenden Jahr hat sich die Schülerzahl verdreifacht. Heute zählen wir insgesamt 2.550 Schülerinnen und Schüler aus 109 Nationen, verteilt auf die Campusse in Differdingen, Esch und Schifflingen.

Porträt von Direktor Gérard Zens in formeller Kleidung vor neutralem Hintergrund

Direktor Gérard Zens Foto: Editpress/Alain Rischard

Eine organisatorische Bärenaufgabe.

G.Z.: Wir mussten Kompetenzen bündeln. Ein starkes Team war unerlässlich, denn in manchen Bereichen standen wir tatsächlich vor einem weißen Blatt Papier.

E.D.S.: Wir haben die Zuständigkeitsbereiche klar aufgeteilt. Gérard war sozusagen der „Außenminister“, ich die „Innenministerin“ der Schule. Es war eine Herausforderung, die stark wachsende Lehrerschaft zu rekrutieren und als Team zusammenzuhalten. Es gab Jahre, in denen wir genauso viele neue Lehrkräfte eingestellt haben wie bereits an der Schule unterrichteten – und das aus ganz unterschiedlichen Ländern.

Gibt es Unterschiede zwischen den Anforderungen an luxemburgische und internationale Lehrkräfte?

G.Z.: Unsere verbeamteten Lehrer sind genauso ausgebildet wie jene an anderen luxemburgischen Schulen. Zusätzlich haben wir die Möglichkeit, sogenannte „Native Speaker“ einzustellen. Diese müssen jedoch ebenfalls in einem europäischen Land eine Lehrerausbildung absolviert haben – mit einem Bachelorabschluss für die Grundschule und einem Masterabschluss für das Lyzeum. Hinzu kommen eine pädagogische Ausbildung, mindestens fünf Jahre Berufserfahrung sowie die Beherrschung mindestens einer der Amtssprachen Luxemburgs.

E.D.S.: Die interne Abstimmung ist bei uns von zentraler Bedeutung. Auch wenn in verschiedenen Sprachen unterrichtet wird, sind die Fachprogramme harmonisiert. Selbst die Prüfungen werden nicht individuell angesetzt, sondern sind genau im Kalender festgelegt, sodass alle Schülerinnen und Schüler sie am selben Tag schreiben.

Was die Infrastruktur betrifft: Eine so stark wachsende Schule braucht auch genug Platz.

G.Z.: Von den zehn „Rentrées“, die wir hier erlebt haben, waren es nur zwei, bei denen wir kein neues Gebäude eröffnet haben. Über die Jahre hinweg war es sicherlich eine große Herausforderung, den Druck aufrechtzuerhalten, damit die Bauten stets rechtzeitig zum Schulbeginn im September fertiggestellt wurden. Verzögerungen konnten wir uns schlicht nicht leisten. Auch die nächsten Projekte stehen bereits an: Die „Léierbud“ soll ein weiteres Stockwerk bekommen. Hier in Differdingen ist ein neues Schulgebäude geplant, das mehr Platz für Sportinfrastruktur sowie ein Schwimmbad bieten soll. Parallel dazu behalten wir die Entwicklung des Standorts in Esch im Blick. Für Schifflingen liegt ein Gesetzesprojekt vor, das die Einrichtung einer Sekundarschule vorsieht.

Porträt von Vizedirektorin Elisabeth Da Silva in professioneller Geschäftskleidung vor neutralem Hintergrund

Vizedirektorin Elisabeth Da Silva Foto: Editpress/Alain Rischard

Denken Sie zehn Jahre in die Zukunft: Wie geht es der EIDE?

G.Z.: Ich hoffe, dass die Schule bis dahin „erwachsen“ geworden ist. Wir müssen unsere Kommunikation nach außen verbessern, damit klarer wird, wofür wir stehen. Zudem möchten wir die Berufs- und Studienorientierung weiter stärken, damit unsere Schülerinnen und Schüler ihre Stärken besser erkennen. In zehn Jahren wird eine neue Generation die Leitung übernehmen. Ihre Aufgabe wird es sein, die heutige Qualität zu sichern und weiter auszubauen. Dazu gehört auch, neue technologische Entwicklungen – etwa Künstliche Intelligenz, die das Unterrichten zunehmend verändert – sinnvoll in den Schulalltag zu integrieren. Damit unsere Kinder ihre Kompetenzen immer weiter stärken.

Die Festlichkeiten

Die International School wird zehn: „Wir bauen Brücken, keine Parallelwelten“

Die EIDE lässt an diesem Wochenende zum zehnten Geburtstag eine große Fete steigen. Bereits am Donnerstag gab es einen Tag der offenen Tür für künftige Schüler und ihre Eltern. Heute steht dann der offizielle Teil des Programms an: Im Beisein von Bildungsminister Claude Meisch, zahlreichen Ehrengästen, Vertretern der nationalen und lokalen Politik sowie Verantwortlichen der verschiedenen Campusse finden die Feierlichkeiten mit Darbietungen der Schüler am Abend statt.

Am Samstag öffnet die Schule den Differdinger Bürgern ihre Türen. Das Fest fängt um 10 Uhr an. Schüler und Lehrer haben Dutzende Stände vorbereitet. Ob sportlich (mit einem Charity Run) oder musikalisch (mit u.a. einem Konzert des Differdinger Musikvereins), es wird viel geboten. Das ganze Programm finden Sie unter folgendem QR-Code. (zk)

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