Grenzenlose Kommunikation

Das deutsch-luxemburgische Märchen von der kleinen Grenze, die nicht wusste, wie ihr geschieht

Das ist die Geschichte einer kleinen Grenze in Remich über die tolle Kommunikation in Zeiten von Corona.

Das deutsch-luxemburgische Märchen von der kleinen Grenze, die nicht wusste, wie ihr geschieht

Foto: Claude Lenert

Im beschaulichen Winzer-Städtchen Remich lebte einmal eine kleine Grenze. Auf einer Brücke. Dann kam Schengen und die Grenze verlor immer mehr an Bedeutung. Bis alle vergaßen, dass es sie überhaupt noch gab. Jeden Tag überquerten viele Menschen die Brücke in beide Richtungen. Niemand gedachte der Grenze – das machte sie traurig und betrübt schlief sie ein. Dann kam Corona. Und plötzlich gewann sie an Bedeutung. Doch auch das machte sie nicht glücklich. Denn Polizisten beschlossen einfach, die Grenze ganz dichtzumachen. Also, so hatte sich die kleine Grenze das nicht vorgestellt: So ganz geschlossen, ohne hübsches Grenzhäuschen und freundliche Zöllner.

Bis zum heutigen Freitag. Da tauchte der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans auf. Dieser machte sich für die Grenze stark. Er forderte, den Grenzübergang wieder für Pendler freizumachen, denn das Ganze sei ja auch zutiefst uneuropäisch und die Pendler müssten große Umwege in Kauf nehmen, um zur Arbeit zu fahren. Auch der Luxemburger Außenminister fand das nicht gut und versuchte, bei den deutschen Kollegen zu intervenieren. Ganz oben, denn in Deutschland entscheidet nicht allein der saarländische Ministerpräsident, sondern der Bundesinnenminister Horst Seehofer aus dem schönen, aber leider weit entfernten Bayern.

Ein politischer Quantensprung

Landeschef Tobias Hans entschied sich, einen tollen Vorstoß zu machen, und schickte eine Pressemitteilung an die Luxemburger Presse. Gleichzeitig telefonierte der saarländische Europaminister Peter Strobel mit der Luxemburger Ministerin der Großregion, Corinne Cahen, um die frohe Botschaft zu verkünden. Diese war zum Zeitpunkt im Regierungsrat – hatte also nicht wirklich Zeit. Und schon meldete ein bekanntes Luxemburger Medium, dass die Grenze in Remich wieder öffnen werde. Das alles veranlasste einen Luxemburger Journalisten, die Ministerin persönlich anzurufen. Die Ministerin erklärte ihm, dass sie gerade erst jetzt aus dem Regierungsrat raus sei: „Aber der Jean Asselborn hat das ein bisschen eher gewusst.“ Kein Wunder. Hehe, könnte man sagen. Offiziell, nicht offiziell, zu dem Zeitpunkt war es ja sowieso egal. Denn wie wir fast alle wissen, hatte ein bekanntes Luxemburger Medium bereits eine Push-Nachricht herausgeschickt. Also was soll’s.

Der Remicher Bürgermeister Jacques Sitz, der noch nicht wirklich Bescheid wusste – die Ministerin hatte ja noch keine Zeit –, zeigte sich aber ganz pragmatisch. Er vollzog sozusagen einen politischen Quantensprung, der von Remich über Luxemburg über Berlin über Saarbrücken bis nach Nennig und wieder ganz zurück nach Remich führte: Er nahm den kürzesten Weg vom Rathaus zur kleinen Grenze und schaute sich die Sache an. Und das war in der Tat interessant, denn die Grenze war noch zu.

Fragen über Fragen

Also stellte sich die nächste Frage: Wann soll die kleine Grenze denn wieder öffnen? Nun, da war man sich nicht so sicher, weder im Saarland noch auf höherer Ebene oder gar im überraschten Nachbarland. Klar und sicher ist aber, wenn die Grenze wieder öffnet, ist das für die Pendler ein Segen. Und wenn dann auch nicht mehr Corona das Sagen hat und Schengen wieder herrscht, dann kann die Grenze sich wieder schlafen legen. Wann es denn so weit ist, weiß aber leider wahrscheinlich nur der Herr Seehofer.

Und was lernen wir daraus: Kommunikation ist über mehrere Ebenen und Ländergrenzen gar nicht so einfach. Oder war es doch: Und wenn die Grenze nicht gestorben ist, dann schläft sie noch heute.

Das Resultat der ganzen Odyssee an Telefonaten ist diese einfache Meldung. Es war die Mühe wert.

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