Ehemaliger Leiter des Instituts Pierre Werner
„C’est la vie“: Olivier Frank zieht nach über 40 Jahren im Luxemburger Kultursektor Bilanz
Olivier Frank übernahm 2011 die Leitung des Kulturinstituts Pierre Werner (IPW), jetzt ist er im Ruhestand. Im Gespräch mit dem Tageblatt blickt er auf über 40 Jahre im nationalen Kultursektor zurück und spricht über die Welt im Wandel.
Porträt von Olivier Frank, dem ehemaligen Direktor des Instituts Pierre Werner Foto: Editpress/Alain Rischard
Auf dem Tisch stapeln sich Bücher. Olivier Frank deutet mit dem Finger darauf. „Ich sortiere zurzeit meine Bibliothek um“, sagt er. Zeit dafür hat er, denn er ist seit Kurzem im Ruhestand und hat sich „immer noch nicht daran gewöhnt.“
Mit Anfang Zwanzig organisierte Frank, studierter Germanist, erste Konzerte zu klassischer Gegenwartsmusik in Luxemburg, darunter eins mit dem deutschen Komponisten Karlheinz Stockhausen. Das war in der Saison 1977/1978. Die Schriftstellerin Anise Koltz half ihm dabei. 1983 war er Mitbegründer der „Lëtzebuerger Gesellschaft fir nei Musek“ und arbeitete für die Kulturredaktion von RTL („Hei elei, kuck elei“). Der Job öffnete ihm weitere Türen.
RTL und der Neuanfang am IPW
In den frühen Neunzigern zeichnete sich die Trennung zwischen dem Medienunternehmen RTL und seinem Symphonieorchester ab, das bis dahin in der Villa Louvigny spielte. „Die Auflösung des Orchesters stand im Raum“, erinnert sich Frank. Es liefen aber auch Gespräche zur Neuaufstellung des Ensembles, an denen er sich beteiligte. Die Verhandlungen waren erfolgreich und das Orchester blieb erhalten. Die damalige Kulturministerin Erna Hennicot-Schoepges (CSV) bot Frank anschließend den Führungsposten an: 1995 wurde er künstlerischer Leiter des heutigen Luxembourg Philharmonic, bis dessen Management mit dem der Philharmonie zusammengelegt wurde.
Frank zog 2011 weiter ins Institut Pierre Werner (IPW). Mario Hirsch, ehemaliger Direktor, trat damals nach harscher Kritik an seinen Führungskompetenzen und am Programm zurück. Ein Fall, der polarisierte. Frank schneidet das Thema nicht von sich aus an, sagt aber auf Nachfrage: „Ich bevorzuge es, nicht über meine Vorgänger herzuziehen. Ich trat die Stelle optimistisch an.“
Er spricht jedoch offen über die Reaktionen auf seinen neuen Job. „Es hieß ‚Du gehst zur CSV‘ oder ‚Jetzt leitest du den Thinktank der CSV‘“, so Frank. Das Institut sei zwar nach dem einflussreichen CSV-Politiker Pierre Werner benannt, doch laut Frank politisch neutral. „Es wurde 2003 von der luxemburgischen, deutschen und französischen Regierung gegründet“, resümiert er. „Die Idee ist es, Brücken zwischen den Kulturen zu schlagen, ganz im Sinne des ‚Esprit de Colpach‘.“
Frank und sein Team waren bestrebt, das IPW noch sichtbarer zu machen. Sie hätten „in den vergangenen zwölf Jahren viel erreicht“, findet Frank: „Über die Jahre hinweg ist ein diversifiziertes, internationales Publikum entstanden.“ Das sei dem vielseitigen Programm und der starken Öffentlichkeitsarbeit zu verdanken. „Das ist einer unserer großen Erfolge.“ Seine Nachfolgerin Sonia Da Silva, „eine Kommunikationsexpertin“, könne das noch weiter ausbauen. Die einzige Hürde sei das Geld.
Drei Länder, drei Führungsstile
„Das IPW verfügt heute nur noch über zwei Drittel des Budgets von 2003“, sagt Frank. Luxemburg sei unschuldig, Deutschland und Frankreich weniger. „In unseren Nachbarländern wurden die Kulturbudgets gekürzt. In den vergangenen Jahren mussten mehrere Goethe Institute schließen“, sagt Frank. In Frankreich ist das Außenministerium für das IPW verantwortlich; in Deutschland das Goethe Institut, das vom auswärtigen Amt finanziert wird, aber inhaltlich autonom ist. In Luxemburg ist das Kulturministerium für das IPW zuständig.

Olivier Frank empfang das Tageblatt zum Gespräch über Vergangenheit und Zukunft Foto: Editpress/Alain Rischard
Das wirke sich auf das Kulturverständnis und die Förderung aus. Frank blickt dahingehend mit Unbehagen auf die bevorstehenden Wahlen in Frankreich. „Wir müssen uns darauf einstellen, dass die Ergebnisse sich negativ auf die Kulturförderung im Ausland auswirken. Wir benötigen alternative Einnahmequellen, beispielsweise durch mehr Sponsoring. Das Luxemburger Kulturministerium braucht einen Plan B.“
Allgemein betrachtet, sei die Zusammenarbeit nicht immer einfach gewesen. Frank beschreibt den Austausch mit dem Goethe Institut als unproblematisch. „In Paris verstand man hingegen plötzlich nicht mehr, warum es zwei Kulturvertretungen in Luxemburg braucht – das IPW und das Institut Français“, so Frank. Das Kulturinteresse der jeweiligen Botschafter*innen habe den Austausch im IPW ebenfalls beinflusst. „Zu einem gewissen Zeitpunkt gab es über zwei Jahre hinweg gar keine französische Delegation. Das Team musste das französische Programm mitgestalten. Das war kein Problem, entsprach aber nicht dem Konzept des IPW.“ In den letzten Jahren sei die Kollaboration allerdings vorbildlich verlaufen.
Der Wandel
Doch nicht nur das IPW hat sich im Laufe der Jahrzehnte verändert, sondern auch die Luxemburger Kulturszene. Als Frank Ende der 1970-er Jahre erste Konzerte organisierte, lebte die Szene vom ehrenamtlichen Engagement. „Das erste Kulturjahr 1995 und Erna Hennicot-Schoepges’ Amtszeit als Kulturministerin waren ein Wendepunkt“, sagt Frank. „Es wehte ein neuer Wind. Sie errichtete nicht nur Kulturhäuser: Sie verfolgte ein durchdachtes Konzept und war kompetent.“ Er beschreibt sie als zentrale Figur für Luxemburgs Kulturentwicklung, genauso wie die ehemalige Kulturministerin Sam Tanson („déi Gréng“). Auch wenn die Umstände, unter denen die Ministerinnen ihren Aufgaben nachkamen, unvergleichbar seien. Hennicot-Schoepges wird unter anderem mit dem Bau zahlreicher Kulturinstitutionen in Verbindung gebracht; Tanson mit der Teilumsetzung des ersten Luxemburger „Kulturentwécklungsplang 2018-2028“.
Kultur kann sich positiv auf Einzelpersonen auswirken, doch ich befürchte, dass sie nicht zur Lösung politischer Konflikte beitragen kann
Olivier Frank
Ehemaliger Leiter des Instituts Pierre Werner
Neben räumlichen und politischen Veränderungen, beobachtet Frank auch einen gesellschaftlichen Wandel. Der Kulturbegriff werde immer schwammiger. Das gibt ihm zu denken. „Ist das altersbedingt?“, fragt er lächelnd. „Kultur darf Spaß machen, nur droht sie zur Unterhaltungsindustrie zu verkommen. Sie soll nicht elitär sein, darf aber herausfordern.“ Er spielt auf Partys und Großevents an, die als Kultur durchgehen, oder auf Kulturkritik, die sich auf Aussagen wie „Et war mega flott“ begrenze.
Später fällt das Stichwort Inklusion. Es ist ein Aspekt, der im Kultursektor heute stärker mitgedacht wird als noch zu Franks Karrierestart. Die Luxemburger Szene befasst sich intensiver mit den Bedürfnissen von Menschen mit Behinderung, mit Queerness und feministischen Forderungen. „Wir haben unzählige Schriftstellerinnen und Wissenschaftlerinnen eingeladen, weil sie gut sind – und sie waren bei Weitem nicht in der Unterzahl“, stellt Frank klar. „Frauen waren und sind im IPW eine Selbstverständlichkeit.“ Rechtsextremismus lehne er hingegen entschieden ab. Beide Haltungen würden sich in den Veranstaltungen widerspiegeln, die unter Frank im IPW stattfanden.
Zum Abschied
Die geopolitische Lage spitzte sich im Zuge von Franks Karriere derweil zu. Die Kunstschaffenden beziehen weltweit Stellung, doch wie wichtig ist Kultur in der Diplomatie? „Sie spielt keine große Rolle“, meint Frank. „Wir leben in Zeiten, in denen in den USA Bibliotheken ausgeräumt werden. Das ist ein Armutszeugnis und Ausdruck eines Demokratie-Defizits. Kultur kann sich positiv auf Einzelpersonen auswirken, doch ich befürchte, dass sie nicht zur Lösung politischer Konflikte beitragen kann. Leider.“
Auf die Zukunft des IPW schaut er mit Zuversicht. „Ich habe volles Vertrauen in meine Nachfolgerin und das Team“, versichert er. „Ich wünsche dem IPW nur das Beste.“ Am Ende bedankt er sich vor allem bei der Kulturministerin Erna Hennicot-Schoepges und den Verwaltungsratspräsidenten Guy Dockendorf und Henri Grethen. „Ich verdanke ihnen viel – und ich verlasse das IPW mit großer Traurigkeit“, sagt Frank.
Doch er bleibt aktiv: Zum Beispiel als Präsident des Kulturvereins „Cercle des amis de Colpach“, der 1917 von Aline Mayrisch de Saint-Hubert ins Leben gerufen wurde; oder als Mitbegründer und Vizepräsident des „Centre de rencontres belgo-luxembourgeois“. „Jetzt kann ich mich dort stärker einbringen“, freut er sich. „Ich bin ohnehin jemand, der sich nie langweilt. Und trotzdem wird mir die Arbeit im IPW fehlen. C’est la vie.“