ADEM

Auf dem Jobtag erzählen Personen mit einer Behinderung von ihrer schwierigen Arbeitssuche

Zwischen Frust und Hoffnung schwankt die Stimmung auf dem Jobtag im „Parc Hotel Alvisse“. Er richtet sich gezielt an Personen mit einer Behinderung und in externer beruflicher Wiedereingliederung. Mehrere Arbeitssuchende sind schon seit Jahren auf der Suche nach einer neuen Arbeit.

Berufliches Speeddating im „Parc Hotel Alvisse“

Berufliches Speeddating im „Parc Hotel Alvisse“ Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante

Im „Parc Hotel Alvisse“ herrscht am Dienstagmorgen Hochbetrieb. Doch nur die allerwenigsten sind hier, um einzuchecken. Die meisten hoffen, dass sie im großen Hotelsaal ihren künftigen Arbeitgeber finden können. Die ADEM hat zu einem Jobtag geladen. Das Prinzip ist folgendes: Die eingeschriebenen 30 Unternehmen suchen nach neuen Mitarbeitern, sitzen jeweils an einem Tisch, manche haben Banner und Prospekte dabei. Die Arbeitssuchenden können sich bei den einzelnen Vertretungen vorstellen und die Lebensläufe direkt vor Ort dalassen. Kurzum, eine Art berufliches Speeddating. Das Event ist nicht einzigartig, in Luxemburg organisiert die ADEM häufiger solche Veranstaltungen, um künftige Arbeitnehmer und Arbeitgeber zusammenzubringen. Doch erst zum zweiten Mal richtet sich ein Jobtag spezifisch an Personen mit einer Behinderung und in externer beruflicher Wiedereingliederung.

„Im vergangenen Jahr wurden wir in Düdelingen fast überrannt. Es war viel kleiner, mit weniger Unternehmen, und trotzdem kamen 1.000 Personen“, sagt Julie Ransquin von der ADEM. „Deswegen haben wir das Event dieses Mal hier im Hotel organisiert. Aber Sie sehen, was los ist.“ Den Erfolg führt Ransquin auch darauf zurück, dass der Jobtag spezifisch für bestimmte Arbeitssuchende angepasst ist. „Sie müssen nicht zuerst erklären, dass sie eine Behinderung haben oder im ‚Reklassement’ sind. Im Gegenteil: Das ist der Fall für jeden hier. Nun geht es sofort darum, welche Stelle gesucht wird, welche Kompetenzen die Person hat, was man sich unter dem Beruf vorstellt.“ Insgesamt gebe es zwischen den 30 teilnehmenden Unternehmen 120 offene Arbeitsplätze. Eine genaue Erfolgsquote von vergangenen Jobtagen kann Ransquin nicht nennen. „Unser Ziel ist nicht, dass ein Arbeitsvertrag sofort vor Ort unterschrieben wird, sondern hier findet nur ein erstes Gespräch statt. In der Folge können dann Unternehmen die Arbeitssuchenden zu weiteren Gesprächen einladen.“ 

Unter den Arbeitssuchenden im „Parc Hotel Alvisse“ ist auch Fedir. Der junge Mann ist vor zwei Jahren aus der Ukraine nach Luxemburg geflüchtet. In seiner Heimat war er Masseur, hier in Luxemburg sei die Arbeitssuche schwieriger. „Ich möchte einfach nur arbeiten, egal in welchem Job“, sagt er. Ähnlich äußert sich auch Anissa. Die Luxemburgerin hat vor ihrer Erkrankung zehn Jahre im Krankenhaus als medizinische Sekretärin gearbeitet. Das ist nun gesundheitlich nicht mehr möglich. „Nun bin ich seit zwei Jahren bei der ADEM eingeschrieben. Aber viele Unternehmen scheinen nicht in der Lage zu sein, meine Einschränkungen zu berücksichtigen.“ Sie sei bereits mehrfach zu Vorstellungsgesprächen eingeladen worden, doch dann verliefen die Bewerbungen im Sand. „Trotzdem werde ich nicht aufgeben“, beteuert Anissa. „Es ist nicht schön, zu Hause sitzen zu müssen, nicht arbeiten gehen zu können und gleichzeitig aber zu sehen, dass andere Leute die Chance haben, eine Arbeit zu finden.“ 

Bei etlichen der auf dem Jobday vertretenen Unternehmen bilden sich im Laufe des Morgens lange Schlangen. Insbesondere die Post hat einen enormen Zulauf. Bei anderen warten weniger Kandidaten, doch nirgends bleiben die Stühle gegenüber den Unternehmensvertretern lange leer. Zwei Tische sind zu Beginn des Tages allerdings noch nicht besetzt. Einen von ihnen hat Christophe fest im Blick. Der Grenzgänger aus Frankreich steht in einer Ecke des Raumes, angelehnt an eine Mauer, und ignoriert den Trubel um sich herum. Er erzählt, er sei schon häufiger bei Jobtagen gewesen, aber nehme zum ersten Mal an einem teil, der extra auf Personen in externer beruflicher Wiedereingliederung ausgerichtet ist. „Ich hoffe, ich finde etwas, aber die Chancen schätze ich nicht so gut ein. Es sind nur sehr wenige Unternehmen hier, die sich für mein Profil interessieren.“ Er habe während 39 Jahren auf dem Bau gearbeitet. Doch nun spiele die Gesundheit nicht mehr mit. „Banken, IT, Bildungseinrichtungen … Was soll ich denn da? Ich bin Handwerker“, sagt Christoph in einem resignierten Ton. „Ich werde bald meinen 56. Geburtstag feiern, fest einstellen wird mich kaum noch jemand.“ Trotzdem will er weitersuchen. „Nicht arbeiten zu gehen, frustriert mich. Ich bin derzeit gleich bei mehreren Zeitarbeitsagenturen eingeschrieben. Doch mit meinen gesundheitlichen Problemen ist das keine Dauerlösung.“ 

Celeste, eine junge Frau, die in einer der Warteschlangen steht, gibt sich zwar optimistischer als Christoph, bemängelt aber wie er die begrenzte Auswahl der Unternehmen. „Es ist viel los, aber wenig da aus dem Bereich, für den ich mich interessiere.“ Sie träume davon, Gärtnerin zu werden. „Da habe ich schon ein Praktikum gemacht, die Arbeit ist toll.“ Dennoch gilt auch für sie, dass prinzipiell jede Arbeit willkommen sei.

Quoten ohne Biss

Die Erfahrungen, die die Arbeitssuchenden auf dem Jobtag schildern, spiegeln sich auch in den Statistiken des Arbeitsministeriums wider. Die Beschäftigungsquote der Arbeitnehmer mit einer Behinderung liegt bei 60 Prozent gegenüber 74 Prozent bei Arbeitnehmern ohne Behinderung. Mehr als ein Drittel aller beschäftigten Arbeitnehmer mit erstgenanntem Statut arbeiten in den „Ateliers protégés“. 

Dabei sieht das luxemburgische Recht eigentlich bestimmte Quoten vor. Alle privaten Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen sind verpflichtet, eine bestimmte Anzahl von Menschen mit Behinderungen einzustellen. In öffentlichen Einrichtungen müssen 5 Prozent der Gesamtbelegschaft aus Arbeitnehmern mit Behinderung bestehen. In der Privatwirtschaft hängt die Quote von der Größe der Einrichtung ab: mindestens ein Vollzeitbeschäftigter mit Behinderung für ein Unternehmen mit 25 bis 49 Beschäftigten, mindestens 2 Prozent der Gesamtbelegschaft für ein Unternehmen mit weniger als 300 Beschäftigten und mindestens 4 Prozent für ein Unternehmen mit mehr als 300 Beschäftigten. Strafen für die Betriebe, die sich nicht daran halten, sieht das Gesetz aber nicht vor. 

Dass sich die Arbeitssuche für Arbeitnehmer mit einer Behinderung schwierig gestaltet und es Unternehmen gibt, die sich alles andere als sensibilisiert in der Materie zeigen, kritisieren Betroffenenorganisationen schon seit Jahren. Laut Julie Ransquin würde sich allerdings in den letzten Jahren „viel bewegen“. Auf Quoten setze die ADEM zwar nicht, aber man habe die Bemühungen intensiviert, um Betriebe über die finanziellen Hilfen bei der Integration von Arbeitnehmern mit einer Behinderung und in externer beruflicher Wiedereingliederung aufzuklären. Dazu zählten eben auch Jobtage wie diese. 

Auch die ADEM war mit einem Stand vertreten
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Am Dienstagmorgen herrschte im Hotel Hochbetrieb
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Warten auf das nächste Gespräch: Bei verschiedenen Ständen bildeten sich lange S...
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Warten auf das nächste Gespräch: Bei verschiedenen Ständen bildeten sich lange Schlangen
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