„Wir brauchen den Feminismus“
Alice Welter engagiert sich mit „L’effrontée“ gegen Sexismus und Gewalt an Frauen
Auf ihrem Instagram-Account „L’effrontée“ sammelt Alice Welter Berichte über Sexismus sowie sexualisierte Gewalt in Luxemburg – und wurde dafür kürzlich ausgezeichnet. Im Interview erklärt sie, warum diese Sichtbarkeit wichtig ist und was sich ändern muss.
Als sich Alice Welter bei der Arbeit gegen respektlose Bemerkungen wehrte, wurde sie als „frech“ bezeichnet. Daraus machte sie etwas Positives. Foto: Editpress/Alain Rischard
Inhaltswarnung: Dieser Artikel enthält Schilderungen von Belästigung, sexueller und gynäkologischer Gewalt.
Tageblatt: Sie stehen hinter der Plattform „L’effrontée“, die sich bei Instagram für die Rechte von unter anderem Frauen starkmacht. Warum haben Sie das Projekt 2023 gestartet?
Alice Welter: In unseren Nachbarländern Belgien und Frankreich gibt es feministische Medien, in Luxemburg fehlte das bislang. Da dachte ich mir, dass ich mein eigenes Ding mache. Ich rief Frauen dazu auf, ihre Erfahrungen mit Sexismus oder sexueller Gewalt anonym zu teilen. Mich hat frustriert, dass hier nicht genug dagegen unternommen wird und ich wollte etwas in Bewegung setzen. Die Rückmeldungen waren sehr positiv, viele sagten, dass es ihnen guttut, von ihren Erfahrungen zu berichten. Ich hätte nie gedacht, dass das Projekt so wichtig wird.
Wovon erzählten die Frauen?
Von Belästigung auf der Straße, sexueller Belästigung bis hin zu Vergewaltigung. Zu gynäkologischer Gewalt erhielt ich besonders viele Rückmeldungen, etwa bei Arztbesuchen oder bei der Geburt, durch Ärzte oder Hebammen. Viele schilderten einen Mangel an Empathie sowie unangemessene Handlungen ohne ihre Zustimmung. Das waren automatische Gesten in Situationen, in denen die Frauen besonders verletzlich waren.
Es erreichten Sie also viele Erfahrungsberichte, die Gewalt bei der Geburt oder beim Besuch in der Praxis thematisierten.
Eine Geburt kann heftig sein und manchmal muss die Frau danach genäht werden. Eine Patientin erzählte, dass ein Arzt dabei kommentierte, dass sie nun sehr eng sei und meinte: „Das wird Ihren Mann freuen.“ Damit sexualisierte er den medizinischen Kontext. Ein anderer meinte angesichts der Schmerzen einer Frau, sie werde nun mehr Orgasmen haben. Solche Aussagen habe ich mehrfach gehört und nur wenige melden diese. Schlieẞlich nimmt man in dieser Zeit sein Baby mit nach Hause und hat andere Dinge im Kopf. In weiteren Fällen berichteten Patientinnen, dass sich Ärzte an sie rangemacht hätten.
Da ihr ein feministisches Medium in Luxemburg fehlte, hat die freie Journalistin selbst eine solche Plattform geschaffen Foto: Editpress/Alain Rischard
Was war noch Thema?
Ein wiederkehrender Aspekt waren auch Belästigungen und sexuelle Übergriffe in Wellnessbereichen. Mir war nicht bewusst, wie präsent dieses Thema ist, doch selbst Freundinnen berichteten mir davon. Zudem erzählten viele Frauen, dass ihre eigenen oder die gesundheitlichen Beschwerden ihrer Kinder nicht ernst genommen werden. Ihnen wurde gesagt, sie übertreiben, später stellte sich jedoch heraus, dass es etwas Ernstes war. Dahinter steckt vielleicht nicht immer Absicht, aber es ist ein medizinisches Erbe, dass Frauen lange als instabil und übertrieben wahrgenommen wurden – Stichwort Hysterie.
Sehr viele Frauen teilten ihre schmerzhaften Erfahrungen mit Ihnen. Was hat das mit Ihnen gemacht?
Anfangs war ich schockiert, inzwischen bin ich es nicht mehr. Im ersten Monat nach meinem Aufruf zum Teilen ihrer Geschichten erhielt ich täglich zwei bis drei solcher Erfahrungsberichte im Zusammenhang mit Geburten. Ich habe aktiv geantwortet, weil ich ihren Erfahrungen gerecht werden wollte. Viele bedankten sich, aber ich tue das nicht für ein Dankeschön. Die Frauen sind diesen Schritt gegangen und haben sich selbst geholfen, meine Arbeit bestand nur darin, ihre Geschichten zu teilen. Irgendwann wurde es mir zu viel und ich legte mehrere Monate lang eine Pause mit den Erfahrungsberichten ein. Ich hatte nicht bedacht, was das mit mir machen würde.
Sie analysieren die Berichterstattung der Presse und äußern oft Kritik.
Ich verfolge täglich die Medien und stelle fest, dass manche – nicht alle – sehr sexistisch berichten. Femizide werden oft sensationslüstern aufgegriffen. In reißerischen Überschriften werden etwa Details zu gefundenen Körperteilen betont, um Klicks zu generieren. Die Frau und ihr Leben spielen dabei keine Rolle. Häufig wird dem Opfer unterschwellig die Mitschuld gegeben, während dem Mörder manchmal Empathie entgegengebracht wird – etwa durch Hinweise auf eine schwere Kindheit oder „leidenschaftliche Liebe“. So wird ihm die Verantwortung abgesprochen. Die Presse sollte darauf achten, wie sie über Gewalt gegen Frauen berichtet.
Die Frau hinter „L‘effrontée“
Im November 2023 gründete Alice Welter bei Instagram den Account „l_effrontee_“, mit dem sie über feministische Aktualität im In- und Ausland informiert. Dabei bietet die studierte Journalistin Frauen eine Plattform, um anonym über Erfahrungen mit Sexismus sowie sexueller Gewalt in Luxemburg zu berichten, und analysiert Medienbeiträge. Zudem thematisiert die 31-Jährige Diskriminierung von Mitgliedern der LGBTQ+-Gemeinschaft und Rassismus. Rund 31.500 Menschen folgen dem Account. Für ihr Engagement erhielt Alice Welter Anfang des Jahres den Anne-Beffort-Preis der Stadt Luxemburg. Die Stadt würdigt damit Menschen, die sich für Gleichberechtigung und eine gerechte Gesellschaft einsetzen. Die Luxemburgerin mit ebenfalls französischer Nationalität lebt im Großherzogtum und arbeitet als freischaffende Journalistin.
Fällt Ihnen dazu ein Beispiel ein?
Sexuelle Gewalt gegen Minderjährige ist in Luxemburg ein Tabuthema – mehr als etwa in Frankreich. Man kennt sich, das macht den Umgang damit oft kompliziert. Häufig wirkt es, als wüsste die Presse nicht, wie sie darüber berichten soll. Meiner Ansicht nach sollte man Pädokriminellen keine Plattform geben – wie es das Luxemburger Wort im vergangenen Jahr getan hat. Seine Aussagen wurden quasi in Rohfassung abgedruckt. Das ist respektlos gegenüber dem Opfer. Welche Botschaft sendet es an Opfer, wenn eine große Zeitung dem Angreifer das Wort gibt? Dieser Artikel hatte aus meiner Sicht kein Ziel außer dem, Klicks zu generieren. Der Gesellschaft hat es nichts gebracht.
Was könnten die Medien in Ihren Augen verbessern?
Sie sollten darauf achten, Frauen nicht zu sexualisieren. Wenn man bei einem sensiblen Thema unsicher ist, sollte man sich das eingestehen und sich weiterbilden – um es besser zu machen. Bei geladenen Gästen in den Redaktionen sind fast nie Frauen dabei. Man kann mir nicht erzählen, dass es heute nicht möglich ist, etwa eine Expertin für Wirtschaftsthemen zu finden. Redaktionen sollten gezielt mehr Expertinnen einladen und auch mehr Journalistinnen einstellen. Im Idealfall setzt sich ein Redaktionsteam aus Menschen unterschiedlicher sozialer Hintergründe und Lebenswege zusammen.
Ich bin Feministin und verstehe nicht, wie man das nicht sein kann
Alice Welter
Gründerin von „L‘effrontée“
Sie halten sich bei Ihrem Account eher im Hintergrund, ist das eine bewusste Entscheidung?
Ja. Ich sehe nicht wirklich einen Sinn darin, dass man mich sieht. „L’effrontée“ ist kein persönliches Konto und ich wollte nicht das Gesicht des Projekts sein. Meine Identität verstecke ich aber nicht und ich bin transparent, wenn Menschen wissen wollen, mit wem sie sprechen. Das ist für mich etwas anderes, als Videos von mir zu posten. Es geht dabei weniger um meinen Schutz, auch wenn ich mich angesichts mancher Online-Kommentare gefragt habe, was passieren würde, wenn man mich auf der Straße erkennt. Ich wurde bereits als „gauchiasse“ oder „Scheißfeministin“ beschimpft.
Verraten Sie zum Abschluss noch, was hinter dem Profilnamen „L’effrontée“ steckt.
Als ich mich bei einer früheren Arbeit gegen sexistische Bemerkungen wehrte, wurde ich dafür als „effrontée“ (zu Deutsch: „frech“) bezeichnet. Der Begriff ist abwertend und kritisiert, dass jemand widerspricht. Ich wollte daraus etwas Schönes machen. Denn ich bin nicht die Einzige, die sich wehrt und dann als frech, unhöflich oder zu viel gilt. Ich bin Feministin und verstehe nicht, wie man das nicht sein kann. Es gibt noch vieles, wofür es sich einzusetzen lohnt. Auch soziale Errungenschaften sind nicht selbstverständlich. Wir brauchen den Feminismus. Deshalb werde ich mit meiner Arbeit weitermachen.
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