Auftakt 16. Luxembourg City Film Festival

Marie Jung, Tessy Troes und Mike Winter über die Wichtigkeit des Luxembourg City Film Festival – und worauf sie sich besonders freuen

In Luxemburg bricht das Filmfieber aus: Heute beginnt die 16. Ausgabe des Luxembourg City Film Festival (5.-15. März). Doch was für einen Stellenwert hat das Festival überhaupt? Drei Kurzinterviews mit Marie Jung, Tessy Troes und Mike Winter vermitteln einen Eindruck.

Plakat des 16. Luxembourg City Film Festival mit Festival-Logo und künstlerischem Design

Das Plakat zur 16. Ausgabe des Luxembourg City Film Festival Quelle: Luxembourg City Film Festival

„Der Besuch und die Teilnahme lohnen sich“

Die Schauspielerin Marie Jung, gebürtige Luxemburgerin, war 2023 Teil der Jury für den Hauptpreis des Luxembourg City Film Festival (LCFF). Jetzt laufen dort mit „Das geheime Stockwerk“ und „The Wolf, the Fox and the Leopard“ gleich zwei Produktionen, in denen sie mitspielt. Wie blickt sie als Schauspielerin auf das Festival?

Tageblatt: Marie Jung, welche Rolle spielt das Luxembourg City Film Festival für Schauspielende wie Sie, die sowohl in Luxemburg als auch im Ausland aktiv sind?

Marie Jung: Die Antwort liegt schon in der Frage: Dem Festivalleiter Alexis Juncosa und seinem Team gelingt es jedes Jahr aufs Neue, Menschen miteinander zu vernetzen und nachhaltige Kontakte zu generieren. Mir selbst hat das Festival ermöglicht, sowohl in Luxemburg als auch im Ausland Fuß zu fassen. Besonders als Schauspielerin, die weder in Luxemburg aufgewachsen ist noch je hier gelebt hat. Vor drei Jahren war ich Teil der Festivaljury – das war eine Chance, um Menschen kennenzulernen, die meine künstlerischen Visionen teilen und aus verschiedenen Ländern stammen. Mit der Hälfte habe ich bis heute regelmäßig Kontakt. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Nicht aus jedem Festival gehen solche Verbindungen hervor. Alexis und sein Team – es sind viele Frauen – haben ein gutes Händchen fürs Programm und für die Gästeliste.

Wie wirkt sich die Präsenz auf dem LCFF auf die Karriere freischaffender Schauspieler*innen aus?

Ich würde mir niemals anmaßen zu sagen „Du musst hingehen“, denn nicht jede Person fühlt sich bei Networking-Veranstaltungen mit vielen Menschen wohl. Doch der Besuch und die Teilnahme lohnen sich, denn es ist ein vielseitiges Festival und es entsteht – wie in der ersten Antwort bereits angesprochen – ein fruchtbarer Austausch. In dem Sinne wirkt sich die Präsenz auf dem LCFF sicherlich positiv auf die eigene Karriere aus. Zumal Alexis Wert darauf legt, nicht nur den Filmschaffenden eine Bühne zu bieten, die aktuell im Rampenlicht stehen. Er ist weitsichtig, lädt auch Menschen ein, deren Potenzial er erkennt und die kurz vor dem Durchbruch stehen.

Worauf freuen Sie sich bei der diesjährigen Ausgabe besonders?

Es fällt mir grundsätzlich schwer, ein solches Ranking zu erstellen. Ich freue mich aber beispielsweise auf das Screening von „Yes“ des Regisseurs Nadav Lapid, da ich den Film noch nicht gesehen habe. Ein weiteres Highlight ist für mich die Vorführung von „The Wolf, the Fox and the Leopard“ von David Verbeek, einem Film, in dem ich mitgewirkt habe. Es ist ein wertvolles Projekt, auf das ich besonders stolz bin.


„Mangelt an Diskurs“

2022 feierte ihr Dokumentarfilm „Um Ball“ über Frauenfußball im Großherzogtum Premiere, vier Jahre später ist die Luxemburger Regisseurin Tessy Troes unter anderem mit ihrem Kurzfilm „Pinky Promise“ beim LCFF zu Gast – ein Film, der im Rahmen des Filmwettbewerbs „Crème Fraîche“ vom CNA und dem SNJ entstand. Für das Festival hält Troes sowohl Lob als auch Kritik bereit.

Tageblatt: Tessy Troes, was bietet das LCFF aufstrebenden Regisseur*innen, die weniger „Mainstream“ sind?

Tessy Troes: Ich kann vor allem für den Bereich „Kurzfilm“ sprechen. Die jährliche Kurzfilmnacht ist immer gut besucht bis ausverkauft und für die Filmschaffenden fallen keine Marketingkosten an. Das ist ein großes Glück. Der gesamte Ablauf entspricht dem eines klassischen Filmfestivals, aber: Für jemanden, der zum ersten Mal in diese Welt eintaucht, sind die Prozeduren leicht verständlich. Trotzdem gibt es Kritikpunkte. Auf der Kurzfilmnacht kann nur eine Auswahl der eingereichten Produktionen gezeigt werden. Der Anteil abgelehnter Produktionen ist enorm. Es gibt unausgesprochene Festival-Kriterien, wie etwa die Laufzeit. Filme von bis zu 15 Minuten – im Kurzfilmformat – haben höhere Chancen auf einen „Slot“ als deutlich längere Werke. Dabei darf man offiziell Produktionen von bis zu 40 Minuten einreichen. Eine gute Bildästhetik ist darüber hinaus oft wichtiger als der Inhalt.

Tessy Troes, Regisseurin und Mitglied des Kunstkollektivs Richtung22, bei der Filmproduktion in ihrem Studio

Die Regisseurin Tessy Troes ist unter anderem beim Kunstkollektiv Richtung22 aktiv und produziert eigene Filme Foto: Lisa Folschette

Diese Kritik gilt nicht nur dem LCFF, sondern Festivals im Allgemeinen: Man nimmt den kreativen Köpfen ein Stück künstlerische Freiheit. Wenn ich mit jungen Filmschaffenden spreche, fällt oft der Satz „Für einen Festival-Film MUSST du …“ – aber so sollte man eigentlich keinen Film entwickeln. In dem Zusammenhang ist das Event „Quickies“ interessant: Dort werden Luxemburger Kurzfilme gezeigt, die in Zusammenarbeit mit Filmreakter entstanden sind. Filmreakter vergibt 5.000 Euro pro Produktion. Es bestand mehr Spielraum bei der Produktion, denn die Filme wurden frei vom „Festival-Denken“ gedreht. Das Screening auf dem LCFF hat sich danach ergeben. Somit steht beim LCFF auch eine „roughe“ Version des Filmemachens auf dem Programm.

Wie wichtig ist ein lokales Festival für jüngere Filmschaffende in Luxemburg?

Das Luxfilmfest ist zu einer echten Referenz geworden, vergleichbar mit dem ehemaligen Rock‑A‑Field im Musikbereich. Es hat die Hürde des Mainstreams längst überwunden und hat Erfolg, nicht zuletzt dank eines großen Marketingbudgets. Die Sichtbarkeit, welche die dort präsentierten Projekte erhalten, ist riesig – etwas, das man als junge Filmschaffende mit begrenzten Mitteln sonst kaum erreichen könnte. Festivals sind zudem eine Phase, in der viele Menschen besonders offen dafür sind, ins Kino zu gehen. Gleichzeitig entstehen neben dem Festival alternative Initiativen, wie das „Schlappekino“ mit dem Event „Leftovers“: Der Verein zeigt während des Festivals die Kurzfilme, die es nicht ins LCFF-Programm geschafft haben. Viele können dadurch indirekt vom Festival profitieren. Ich bewerte das als positive Kritik.

Was fehlt?

Es mangelt allgemein an ehrlichen Gesprächen unter Filmschaffenden. 2025 gab es mindestens zwei problematische Filme im LCFF-Programm, doch es passte nicht zur Event‑„Etikette“, dies offen anzusprechen. Noch dazu wurde der Kurzfilmblock im vergangenen Jahr in den Medien kaum besprochen, was schade ist. Gerade wenn man versucht, die Plattform für junge Filmschaffende weiterzuentwickeln. Das Problem liegt dabei nicht am Festival selbst, sondern eher an der Filmwelt in Luxemburg insgesamt. Das LCFF wird zwangsläufig zur Projektionsfläche, weil es die wichtigste Plattform für Filmvorführungen im Land ist. In Städten wie Berlin spielt ein Festival wie die Berlinale in einem viel politischeren Umfeld. Die Diskussionen finden dort ganz anders statt. Hierzulande ist es oft schwierig, jemanden offen zu kritisieren oder kreativ herauszufordern.

Worauf freuen Sie sich beim LCFF 2026?

Ich besuche auf jeden Fall die Kurzfilmnacht und die Quickies, weil ich die Initiative unterstütze. Darüber hinaus freue ich mich auf „How to divorce during the war“, „Projecto Global“ und „As Bestas“.


„Luxemburgs Bekanntheit nimmt zu“

Mike Winter ist der Präsident der „Association luxembourgeoise de la presse cinématographique“ und war 2025 Teil der Filmkritik-Jury des LCFF. Im Austausch mit dem Tageblatt schätzt er die Wichtigkeit des Festivals und des Großherzogtums für die internationale Filmszene ein.

Tageblatt: Welchen Stellenwert hat das LCFF für die Luxemburger und die internationale Filmszene, Mike Winter?

Mike Winter: Für Luxemburg ist das Festival eine tolle Gelegenheit, um Filme außerhalb des Blockbuster-Bereichs zu erleben und Luxemburger Koproduktionen zu sehen. Was die internationale Reichweite des LCFF betrifft: Ich höre oft, das LCFF sei über die Landesgrenze hinaus bekannt und ziehe ein bestimmtes Publikum an. Auch, weil internationale Gäste vor Ort sind und entsprechende Produktionen gezeigt werden.

Filmkritiker Mike Winter diskutiert den internationalen Stellenwert der Luxemburger Filmbranche in einem Interview

Der Filmkritiker Mike Winter spricht über den internationalen Stellenwert der Luxemburger Filmbranche Foto: FabioDS Photography

Wie relevant ist Luxemburg auf dem internationalen Filmmarkt?

Luxemburgs Stellenwert steigt. Die Bekanntheit nimmt zu. Mir kam zu Ohren: Selbst in den USA gilt Luxemburg dahingehend nicht mehr als unbeschriebenes Blatt. Die internationale Filmwelt horcht auf, weil wir sowohl gute Regisseure als auch Schauspieler aufzeigen können, die internationale Erfolge feiern. Die Qualität Luxemburger Produktionen steigt ebenfalls.

Welche Filme empfehlen Sie beim LCFF 2026?

Ich habe nur „As Bestas“ gesehen. Ein nervenaufreibender, dramatischer, anstrengender Film – im positiven Sinne. Es geht um einen Nachbarschaftskrieg, der eskaliert. Mehr verrate ich nicht. Ich freue mich auch auf das Screening der Kurzfilme – wer noch Karten ergattern kann, sollte die Chance ergreifen. Dort gibt es die „perles rares“ zu entdecken. Und ansonsten lasse ich mich überraschen.


Die Empfehlungen auf einen Blick

  • „Yes“ von Nadav Lapid
    Vorführungen: 6. März, 20.30 Uhr, Ciné Utopia; 7. März, 17.00 Uhr, Théâtre des Capucins
  • „How to divorce during the war“ von Andrius Blaževičius
    Vorführungen: 6. März, 21.00 Uhr, Ciné Utopia; 11. März, 18.00 Uhr, Ciné Utopia; 12. März, 20.30 Uhr, Ciné Utopia
  • „Projecto Global“ von Ivo M. Ferreira
    7. März, 20.00 Uhr, Kinepolis Kirchberg
  • „The Wolf, the Fox and the Leopard“ von David Verbeek
    Vorführung: 8. März, 18.00 Uhr, Kinepolis Kirchberg
  • „Showcase Shorts Made In/With Luxembourg“ (LCFF Short Film Night)
    Vorführung: 9. März, 18.30 Uhr, Kinepolis Kirchberg
  • „Quickies – Season 3“ in Zusammenarbeit mit Filmreakter
    Vorführung: 13. März, 20.30 Uhr, Kinepolis Kirchberg
  • „As Bestas“ von Rodrigo Sorogoyen
    Vorführung: 13. März, 16.15 Uhr, Ciné Utopia

Das gesamte Programm und weitere Infos auf www.luxfilmfest.lu

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