Analyse von außen

Wo sind all die Verbündeten geblieben?

Nachdem US-Präsident Donald Trump das iranische Militär für „ausgeschaltet“ erklärt hatte, appellierte er an Großbritannien, Frankreich, Japan und Südkorea – sowie an China, den strategischen Partner des Iran –, Minensuchboote und Seestreitkräfte zu entsenden, um die Straße von Hormus wieder zu öffnen. Als die Verbündeten zögerten, wurde aus der Bitte eine Warnung: Der NATO stünde eine „sehr schlechte“ Zukunft bevor, sollte sie sich weigern.

Trümmer beschädigter Infrastruktur liegen in der Straße von Hormus nach schneller Zerstörung über Monate hinweg

Was über Jahrzehnte hinweg aufgebaut wurde, wurde innerhalb von Monaten zerstört. Seine Trümmer liegen in der Straße von Hormus. Foto: Altaf Qadri/AP/dpa

Die vorherrschende Meinung ist, dass Trump mit einem Glaubwürdigkeitsproblem konfrontiert ist: Nachdem er jahrelang Verbündete beleidigt hat, muss er feststellen, dass diese nicht zu ihm stehen, wenn er sie braucht. Das ist wahr, aber oberflächlich, als ob ein struktureller Zusammenbruch durch verletzte Gefühle verursacht werden könnte. Hier ist etwas Grundlegenderes am Werk.

Es ist nicht unser Krieg, wir haben ihn nicht begonnen

Boris Pistorius

deutscher Verteidigungsminister

Betrachten wir, was die Ablehnungen tatsächlich aussagen. Der deutsche Verteidigungsminister Boris Pistorius hat es auf den Punkt gebracht: „Es ist nicht unser Krieg, wir haben ihn nicht begonnen.“ Frankreich, Spanien, Italien und Japan reagierten ähnlich. Diese Regierungen hegen nicht einfach nur Groll. Sie verweisen darauf, dass Trump einen Krieg begonnen hat, ohne sie zu konsultieren – einen Krieg, der sie bereits teuer zu stehen kommt: Ölpreise über 100 Dollar pro Barrel, eingefrorene Versicherungsmärkte, unterbrochene Lieferketten, Streitkräfte, die iranischen Vergeltungsmaßnahmen ausgesetzt sind. Und nun verlange er von ihnen, auch noch die militärischen Risiken zu tragen.

Es ist, als hätte Trump keine Feuerversicherung abgeschlossen und dann einen Anspruch wegen eines Brandes geltend gemacht, den er selbst gelegt hat, ohne die Nachbarschaft zu warnen. Nun wenden die Nachbarn seine eigene Logik an.

Diese Logik spiegelt Trumps Kritik am Bündnissystem der Nachkriegszeit wider. Die klassische Kritik – bekannt von der Linken, von Realisten und von Anti-Imperialisten – lautete, dass die NATO und die liberale internationale Ordnung ihren Versprechungen nie gerecht geworden seien. Die Beschwörungen gemeinsamer Werte seien ein Feigenblatt für die Vorherrschaft der USA gewesen.

Vergiss die Demokratisierung – hol dir das Öl!

In Trumps Darstellung waren die USA jedoch nicht der Verwalter des Systems, sondern dessen Opfer. Schwächere Staaten hätten den Schutz und die Ressourcen der USA und das von ihnen getragene militärische Risiko ausgenutzt, während sie im Gegenzug wenig beigesteuert hätten. Die „regelbasierte Ordnung“ sei kein Mechanismus zur Förderung amerikanischer Interessen gewesen, sondern ein Schwindel. Der fatale Fehler der US-Kriege im Irak und in Afghanistan sei nicht Inkompetenz gewesen, sondern Altruismus: Die USA hätten Blut und Geld geopfert, ohne dafür etwas Greifbares zu erhalten. Trumps Venezuela-Strategie verkörpert die daraus gezogene Lehre. Vergiss die Demokratisierung. Hol dir das Öl.

Das ist kein Zynismus im herkömmlichen Sinne. Ein Zyniker geht davon aus, dass moralische Sprache Eigeninteresse verschleiert. Trump suggeriert das Gegenteil: Die Aufrichtigkeit der USA sei genau das Problem gewesen. Die liberale Ordnung sei keine Maske gewesen, sondern eine Illusion, die verworfen, nicht verwaltet werden müsse. Einige Kommentatoren haben ihm eine Art radikale Offenheit zugeschrieben; er gäbe unverblümt zu, dass Politik transaktional sei und gemeinsame Werte immer schon eine höfliche Fiktion waren.

Diese Diagnose ist nicht ganz falsch. Aber zu sagen, Trump würde eine derartige Heuchelei ablegen, ist eine Verkennung dessen, was er verworfen hat. Der Heuchler verfolgt privat Eigeninteressen, während er öffentlich gemeinsame Werte bekundet. Was Trump abgelehnt hat, ist grundlegender: die Bereitschaft, Partner fair zu behandeln, weil ihre zukünftige Zusammenarbeit benötigt wird.

Partner nicht als Trittbrettfahrer behandeln

Derartige Gegenseitigkeit ist keine Maske für Eigeninteresse. Sie ist eine langfristige Strategie, um Zusammenarbeit von Parteien zu erlangen, die man nicht einfach befehlen kann. Was Trump verworfen hat, war keine Verkleidung, sondern eine Haltung. Die geschlossene Straße von Hormus ist die Konsequenz daraus, dass diese Haltung – ein System, das einst rohe militärische und wirtschaftliche Macht in organisierte Zusammenarbeit zwischen Staaten umwandelte – verworfen wurde.

Allianzbildung ist, richtig verstanden, eine Form der Notfallvorsorge. Sich zu zeigen, wenn wenig auf dem Spiel steht, Vorteile zu bieten, bevor sie dringend benötigt werden, und Partner als Partner statt als Trittbrettfahrer zu behandeln, schafft eine Reserve an Goodwill, auf die man im Krisenfall zurückgreifen kann. Das ist keine sentimentale, sondern eine versicherungsmathematische Logik. Man zahlt Prämien, wenn man keinen Versicherungsschutz benötigt, denn wenn man ihn braucht, ist das Zahlungsfenster bereits geschlossen.

Als Großbritannien vorschlug, Schiffe einzusetzen, sobald die unmittelbare Gefahr vorüber sei, protestierte Trump, dass er sie vor dem Sieg brauche, nicht danach. Er hat recht. Aber er konnte sie zu jenem Zeitpunkt nicht bekommen, weil er das Konto, aus dem solche Verpflichtungen bestritten werden, längst leergeräumt hatte. Als die Krise zuschlug, griff er instinktiv auf die Sprache der Bündnisverpflichtungen zurück – genau das Vokabular, das er jahrelang angegriffen hatte. Selbst Trump versteht auf einer gewissen Ebene, dass reine militärische Kapazität keine organisierte Zusammenarbeit ersetzen kann.

Der Verbündete ist der Trottel

Die Lehre, die die Verbündeten gezogen haben, ist noch weitreichender. Das Bündnissystem funktionierte zum Teil, weil es Normen schuf, die alle Parteien, einschließlich potenzieller Trittbrettfahrer, in die Pflicht nahmen. Sobald die Hegemonialmacht offen eine rein ausbeuterische Logik verfolgt, gibt sie allen anderen die Erlaubnis, genauso zu argumentieren. Wenn Pistorius sagt „Wir haben [diesen Krieg] nicht begonnen“, verrät er Trump nicht. Er hat von ihm gelernt. Die Verbündeten haben die Logik der gegenseitigen Unterstützung nicht aufgegeben; sie haben Trumps Alternative dazu übernommen.

Dies macht Trumps Umgang mit Russland umso aufschlussreicher. Während er Frankreich und Deutschland dafür kritisierte, keine Kriegsschiffe zu entsenden, wurde Trump zu Berichten befragt, wonach der russische Präsident Wladimir Putin dem Iran Geheimdienstinformationen über US-Streitkräfte zur Verfügung stelle. „Ich glaube, er hilft ihnen vielleicht ein bisschen, ja, ich schätze schon, und er denkt wahrscheinlich, dass wir der Ukraine helfen, oder?“, antwortete Trump. „Es ist so: Hey, die machen das, und wir machen das, ganz fair.“ Russland hilft dem Iran, US-Soldaten ins Visier zu nehmen, und Trump nennt das fair – ein vorhersehbares „Wie du mir, so ich dir“ – in der Logik des Eigeninteresses.

Hier offenbart sich die verborgene Architektur von Trumps Weltanschauung. Verbündete werden zu bedingungsloser Verpflichtung gehalten – auftauchen, gehorchen, zahlen –, während Gegner durch eben jene Logik der Gegenseitigkeit entschuldigt werden, die Trump Freunden vorenthält. Putin bekommt Verständnis; der französische Präsident Emmanuel Macron bekommt Drohungen. Der Verbündete ist der Trottel. Der Gegner ist, auf eine gewisse perverse Weise, das Vorbild.

Das multilaterale System, das Trump demontiert hat, war keine Falle, die schwächere Staaten gestellt hatten, um eine leichtgläubige Supermacht auszunehmen. Es war eine Infrastruktur, die militärische Kapazitäten in koordiniertes Handeln umwandelte, indem sie potenzielle Partner in tatsächliche Partner verwandelte und eine gemeinsame Definition dessen etablierte, was „unser“ Problem ausmacht.

Die USA hatten diese Infrastruktur. Jetzt haben sie sie nicht mehr, weil Trump diese gemeinsame Definition systematisch ausgelöscht und „unser“ auf „mein“ reduziert hat, sodass jede Regierung nun ihre eigenen Interessen separat kalkuliert. Was über Jahrzehnte hinweg aufgebaut wurde, wurde innerhalb von Monaten zerstört. Seine Trümmer liegen in der Straße von Hormus.

* Aus dem Englischen von Jan Doolan.

Stephen Holmes ist Professor für Rechtswissenschaften an der School of Law der New York University und Richard Holbrooke Fellow an der American Academy in Berlin sowie Verfasser (gemeinsam mit Ivan Krastev) von „The Light that Failed: A Reckoning“ (Penguin Books, 2019).

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