Drohnen und Raketen auf Kiew
Tote bei massiven russischen Angriffen in der Ukraine – Russland verliert erneut Gebiet
Mindestens 18 Menschen sterben im nächtlichen Beschuss der Hauptstadt Kiew und der Großstadt Dnipro. Russland muss im zweiten Monat in Folge Territorien in der Ukraine aufgeben.
Olga Mudra und ihre Tochter Natalia im Hof ihres Hauses in Kiew, das bei einem russischen Angriff beschädigt wurde Foto: Evgeniy Maloletka/AP/dpa
Bei massiven russischen Raketen- und Drohnenangriffen auf die Ukraine sind in der Nacht zum Dienstag mindestens 18 Menschen getötet worden. Die tödlichen Angriffe richteten sich nach Behördenangaben vor allem gegen die Hauptstadt Kiew und die Großstadt Dnipro. Bei den nächtlichen russischen Attacken kamen alleine in Kiew nach Angaben von Bürgermeister Vitali Klitschko sechs Menschen ums Leben, 66 weitere wurden dort verletzt. In Dnipro im Osten des Landes starben Behörden zufolge mindestens zwölf Menschen, darunter zwei Kinder. Helfer suchten dort in den Trümmern eines eingestürzten vierstöckigen Wohngebäudes nach weiteren Opfern.
Die ukrainische Luftwaffe erklärte, Russland habe mit 656 Drohnen und 73 Raketen angegriffen. 602 Drohnen und 40 Raketen seien abgefangen worden. Bei den nächtlichen Angriffen habe die russische Armee auch ballistische Raketen eingesetzt, erklärte die Militärverwaltung von Kiew. AFP-Journalisten hörten in Kiew die ganze Nacht über Luftschutzsirenen und Explosionen. Bewohner eilten mit Taschen und Decken in überfüllte U-Bahn-Stationen. Aus der Stadt stiegen am Morgen große Rauchwolken auf, Helfer räumten Trümmer vor beschädigten Wohnhäusern weg.
Nach Angaben des privaten Stromversorgers DTEK waren zeitweise mehr als 100.000 Menschen in Kiew ohne Strom, auch in anderen Regionen gab es Stromausfälle. Eine Bewohnerin namens Anastassia berichtete AFP, sie habe die „laute“ und „furchterregende“ Nacht in ihrem Badezimmer verbracht. „Alle Fenster wurden komplett herausgesprengt, es gibt überhaupt keine Fenster mehr“, sagte sie. „Es war nicht nur eine Explosion hier in der Nacht. Die Nacht hier war einfach ein Albtraum.“
Ukraine fordert Hilfe bei Luftverteidigung
Moskau bezeichnete die nächtlichen Attacken als einen „massiven Angriff“ auf Einrichtungen des militärisch-industriellen Komplexes in der Ukraine. Dabei seien auch Hyperschallraketen eingesetzt worden, erklärte das russische Verteidigungsministerium. Russland bestreitet grundsätzlich, Zivilisten anzugreifen.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj drängte erneut auf US-Unterstützung bei der Luftverteidigung. Die Unterstützung aus den USA bei der Lieferung von Raketen für Patriot-Systeme sei „absolut notwendig“, erklärte Selenskyj in Onlinediensten. Europa brauche zudem „eine eigene Raketenabwehr, damit dieser Krieg endlich beendet werden kann“.
Die ukrainische Regierungschefin Julia Swyrydenko erklärte nach den jüngsten Angriffen, jede Verzögerung bei der Unterstützung der ukrainischen Luftverteidigung koste Menschenleben. Der ukrainische Außenminister Andrij Sibyha warf dem russischen Präsidenten Wladimir Putin vor, „Terror“ zu verbreiten. Putin sei „ein Kriegsverbrecher und Verlierer, der außer Terror keine Karten mehr in der Hand hat“.
Einer AFP-Analyse auf Grundlage von Daten des in den USA ansässigen Institute for the Study of War zufolge verlor die russische Armee im Mai unter dem Strich im zweiten Monat in Folge Gebiete. Demnach büßte Moskau die Kontrolle über rund 282 Quadratkilometer ukrainischen Territoriums ein. Insgesamt hält Moskau den ISW-Daten zufolge aber weiterhin etwas mehr als 19 Prozent des ukrainischen Staatsgebiets besetzt. (AFP)