Österreich
Wien hat sein umstrittenes Lueger-Denkmal wieder – um 3,5 Grad geneigt
Wiens umstrittenstes Denkmal ist wieder an seinem Platz. Der frühere Bürgermeister und Antisemit Karl Lueger darf aber nicht mehr ganz gerade stehen, was Kritiker nicht besänftigt. Die Fortsetzung eines Dauerkonfliktes ist garantiert.
Vom Lueger-Denkmal zum Mahnmal: Künstlerische Kontextualisierung „Schieflage (Karl Lueger 3,5°)“ ist fertiggestellt Foto: Stadt Wien/David Bohmann
Österreich ist um eine – im wahrsten Sinne des Wortes – schräge Posse reicher. Sie ist der vorläufige Höhepunkt eines hundertjährigen Streites. Ausgerechnet der sozialdemokratische Bürgermeister Karl Seitz hatte im September 1926 die elf Meter hohe Bronzestatue seines 1910 verstorbenen Vorgängers enthüllt. Die Proteste der jüdischen Gemeinde verhallten ungehört, waren doch damals auch die Sozis nicht frei von Antisemitismus.
Hitlers Inspirator
Zu diesem Zeitpunkt war nicht absehbar, welch verheerenden Einfluss Lueger auf einen jungen Braunauer hatte, den die Wiener Akademie der bildenden Künste zweimal abgewiesen und damit möglicherweise die Weichen für eine historische Tragödie gestellt hatte. Adolf Hitler bewunderte Lueger dermaßen, dass er ihn Jahre später in „Mein Kampf“ als den „gewaltigsten deutschen Bürgermeister aller Zeiten“ würdigte.
Was den noch unbedeutenden Loser mit seinen 20 Jahren prägte, waren Luegers einfache Erklärungen für die Miseren der schon in ihren letzten Zügen liegenden Habsburger-Monarchie: Schuld sind die Juden. Deren Einfluss gehe weit über ihre Zahl und Bedeutung hinaus, beklagte Lueger auf Parteiversammlungen seiner Christlichsozialen Partei, die ihren Antisemitismus aus – erst spät verworfenen – Irrlehren der katholischen Kirche gesogen hatte. „In Österreich geht es vor allem darum, das christliche Volk von der Hegemonie des Judentums zu befreien“, polterte Lueger und inspirierte den späteren „Führer“, dem auch imponierte, was Lueger bis heute zugute gehalten wird und dessen historische Bewertung so ambivalent macht.
Der rechte Sozi
Denn der Christsoziale legte in gewisser Weise den Grundstein für das in der Zwischenkriegszeit europaweit modellhaft gesehene „Rote Wien“. Die 1919 in der Hauptstadt des zum Zwergstaat geschrumpften Imperiums an die Macht gekommenen Sozialdemokraten setzten fort, was Lueger begonnen hatte. Er hatte die kommunale Infrastruktur auf Vordermann gebracht, Schulen, Kindergärten und Parks errichten lassen und vor allem den sozialen Wohnungsbau initiiert.
Aber er war eben auch dieser glühende Antisemit, der den in Wien gestrandeten Teenager Hitler prägte. Die umstrittene Statue überstand dennoch nicht nur den Holocaust, der 70.000 Wiener Juden das Leben kostete, sondern auch alle mit der Zeit heftiger werdenden Auseinandersetzungen. „Das Denkmal eines Antisemiten gehört nicht an eine prominente Stelle, es gehört meiner Meinung nach weg“, hatte der Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG), Oskar Deutsch, vor drei Jahren wieder einmal die Entfernung der Statue vom Dr.-Karl-Lueger-Platz gefordert. Die Riesenfigur war Kulminationspunkt der Auseinandersetzungen um den Umgang mit der Nazi-Geschichte Österreichs, das sich erst in den 1990er-Jahren von der Pflege des bequemen Mythos als Hitlers erstes Opfer verabschiedet hatte. Immer wieder wurde ihr Sockel mit Begriffen wie „Nazi“ und „Schande“ besprüht. Eine Gruppe von Künstlern organisierte zur Bewahrung der Graffiti eine „Schandwache“, die Rechtsextreme und Identitäre mehrfach angriffen.
Kritik verhallt
Heuer zu Jahresbeginn verschwand das Monument tatsächlich vom Sockel. Aber nicht für immer. Der bronzene Lueger sollte restauriert und künstlerisch kontextualisiert werden. Die städtische Organisation „Kunst im öffentlichen Raum“ (KÖR) hatte einen internationalen Wettbewerb ausgeschrieben. Der siegreiche Wiener Künstler Klemens Wihlidal wollte die „Ehrwürdigkeit des Denkmals brechen“, indem er ihm eine Neigung um 3,5 Grad verpasste. Das wurde nun für 770.000 Euro Kosten umgesetzt. Seit Anfang Juni steht Lueger in neuer Frische an seinem alten Platz. Nur eben nicht mehr ganz gerade. Weil das mit freiem Auge kaum zu erkennen ist, hagelt es Kritik wie eh und je. Die Jüdischen Österreichischen Hochschüler:innen (JöH) fordern weiter den Abriss des Denkmals und waren gleich nach dessen Rückkehr mit einer Protestaktion vor Ort. Die ihrer Meinung nach unzureichende Kontextualisierung nennen sie auf einem Transparent „Feige Lösung“. Sobald das Baugerüst verschwunden ist, wird wohl auch der gesäuberte Sockel wieder von Sprayern entsprechend „verziert“ werden. Und wieder ist es mit Michael Ludwig ein roter Bürgermeister, der die überdimensionale Würdigung des schwarzen Nazi-Inspirators verantwortet. Selbst prominente Holocaust-Überlebende wie der aus Wien stammende Nobelpreisträger Eric Kandel konnten den SPÖ-Stadtchef nicht umstimmen.
Zweierlei Maß
Immerhin wurde schon 2012 – ebenfalls nach jahrelangem Ringen – der Karl-Lueger-Ring in Universitätsring umbenannt. Dieser mündet unweit des Parlaments in den Karl-Renner-Ring, benannt nach einem anderen Säulenheiligen der Republik, der sein Denkmal am Ratshausplatz hat. In diesem Fall gibt es weder Debatten noch den Anschein einer Kontextualisierung des Gedenkens. Dabei war auch der ehemalige Staatskanzler und erste Bundespräsident der Zweiten Republik anfangs im antisemitischen Megatrend seiner Zeit gesegelt. Der Sozialdemokrat hatte nicht nur die von der Tschechoslowakei erzwungene Abtretung des Sudetenlandes an NS-Deutschland begrüßt, sondern 1938 vor dem von Hitler inszenierten Pseudo-Referendum über den „Anschluss“ Österreichs öffentlich für die „große geschichtliche Tat des Wiederzusammenschlusses der Deutschen Nation“ geworben. Renner ersparte sich damit die für viele Genossen tödliche Verfolgung durch die Nazis. Gleich zu Kriegsende schleimte er sich bei Stalin ein, bot dem Kremlchef „brüderliche Zusammenarbeit“ an und wurde von den Sowjets zum Chef einer provisorischen Regierung ernannt.
Vielleicht ist Renner auch deshalb so unumstritten, weil er für jenen Opportunismus steht, auf den sich die Alpenrepublikaner über Parteigrenzen und Epochen hinweg immer schnell einigen konnten.