Annexionspläne der USA
Wer verteidigt Grönland?
Das Szenario klingt irre, aber die Realität prescht voran: Sollte Trump seine Forderungen in die Tat umsetzen, könnte Dänemark einen Angriff der US-Streitkräfte nicht abwehren, die NATO wäre am Ende. Während der Ton aus Washington aggressiver wird, ist man in Nuuk ratlos.
In der grönländischen Hauptstadt Nuuk protestierten im vergangenen März Menschen gegen die Pläne des US-Präsidenten Foto: Christian Klindt Soelbeck/Ritzau Scanpix Foto/AP/dpa
„Keine Chance“, so die Antwort des dänischen Militärexperten Peter Viggo Jakobsen auf die Frage, ob Dänemark einen Angriff der US-Streitkräfte abwehren könnte. Nach der amerikanischen Militärintervention gegen Venezuela scheint Grönland der nächste Schauplatz einer völkerrechtswidrigen Invervention der Vereinigten Staaten zu werden.
„Wir brauchen Grönland“, wiederholte Donald Trump mehrfach während eines Flugs mit der Präsidentenmaschine gegenüber Journalisten, die „nationale Sicherheit“ legitimiere diesen Anspruch, welcher „sehr ernsthaft“ sei, wie der Republikaner in einem aktuellen Interview mit dem Sender NBC deutlich machte. Seit über einem Jahr erhebt der US-Präsident diese Forderung und seit einem Jahr verweist Dänemark, das die Außen- und Sicherheitspolitik des arktischen Eilandes verantwortet, sowie europäische Länder auf internationale Abkommen, auf „territoriale Integrität“ und die „Unverletzlichkeit der Grenzen“.
Das Ende der NATO
Ohne dabei Eindruck in Washington zu hinterlassen. Vielleicht deshalb wird die dänische Regierungschefin Mette Frederiksen in ihrem Ton zunehmend schärfer: „Alles wäre vorbei“, so die Sozialdemokratin, würden die USA militärisch intervenieren, und meinte dabei das Fortbestehen der Verteidigungsallianz NATO, wo Dänemark seit 1949 Mitglied der ersten Stunde ist.
Unterstützung erhalten Kopenhagen und Nuuk (die grönländische Hauptstadt) durch eine Erklärung von Regierungschefs aus Deutschland, Frankreich, Italien, Polen, Spanien und Großbritannien. Dort wird betont, das Königreich Dänemark, einschließlich Grönlands, sei „Teil der NATO“. Die Sicherheit in der Arktis müsse gemeinsam mit den USA erreicht werden.
Mehr Pessimismus bringt der sehr erfahrene schwedische Außenpolitiker Carl Bildt in diesem Streitfall zum Ausdruck – die USA würden in sechs Monaten „rohe Gewalt gegenüber Dänemark“ anwenden. Und Donald Trumps enger Berater Stephen Miller ist sich sicher, dass „niemand gegen die USA militärisch um die Zukunft Grönlands kämpfen wird“. Eine Äußerung, die in Dänemark für Schlagzeilen sorgte, wie eine Aktion seiner Ehefrau Katie Miller einige Tage zuvor. Diese veröffentlichte die arktische Insel in Farben der US-Flagge, mit dem bedrohlich anmutenden Kommentar „bald“.
In den dänischen Medien kommt nun zunehmend die Frage auf, wie die Regierung in Kopenhagen auf eine amerikanische Annexion reagieren würde, eine Frage, die bislang unbeantwortet bleibt. Dabei hat Donald Trump bereits vor einem Jahr mit militärischen Mitteln gedroht.
Washington will mit Nuuk direkt verhandeln
In Grönland selbst lehnen es 85 Prozent der Bevölkerung ab, Bewohner des 51. Bundesstaats der USA zu werden. Doch deren Regierungschef Jens-Frederik Nielsen weiß bei seiner jüngsten Pressekonferenz auch nichts weiter, als wiederholt die 57.000 Insulaner zu bitten, „nicht in Panik zu verfallen“. Seine Koalition werde weiterhin den Dialog mit den USA über die „richtigen Kanäle“ suchen.
Tatsächlich will Washington mit Nuuk direkt verhandeln. Dies erklärte auch der Gouverneur von Louisisana, Jeff Landry, den Trump kurz vor Weihnachten überraschend zum Sondergesandten für Grönland ernannt hatte und der in unbestimmter Zeit die Bewohner des arktischen Eilands besuchen will.
Treffen wird er vermutlich auch den Trump-Anhänger Pele Broberg, Chef der größten Oppositionspartei Naleraq, der bereits 2019 Donald Trumps ersten Vorstoß, Grönland von Dänemark abzukaufen, begrüßt hatte. Zwar stellt sich der Politiker offiziell gegen eine Einverleibung der Insel in die USA, doch agiert er vor allem gegen den dänischen Einfluss auf Grönland und erinnert wie das Trump-Lager an die Ungerechtigkeiten der Kolonialzeit.
Grönland ist seit 1979 teilunabhängig und gehört zur sogenannten „Reichsgemeinschaft“, einer Verbindung zwischen Dänemark, Grönland und den Färöer-Inseln unter der dänischen Krone. Die USA sind seit 1951 mit einer Militärbasis im Norden der Insel präsent, die seit 2023 Pituffik Space Base genannt wird.