Spanien
Warum Madrid eine halbe Million irreguläre Einwanderer legalisiert
Während in vielen europäischen Staaten vor allem über Abschreckung, Grenzschutz und schnellere Abschiebungen diskutiert wird, geht Spanien demonstrativ in die Gegenrichtung: Die Mitte-links-Regierung von Premier Pedro Sánchez hat jetzt endgültig beschlossen, rund eine halbe Million irreguläre Einwanderer zu legalisieren, die bereits im Land leben.
Ein Boot aus dem Senegal mit Migranten wird im November 2024 in den Hafen der Kanaren-Insel El Hiero gezogen. Die spanische Wirtschaft braucht die Zuwanderer, auch die irregulären. Foto: Antonio Sempere/AFP
Das Kabinett billigte ein entsprechendes Dekret. Die Reform des Ausländerrechts soll sofort in Kraft treten und muss nicht vom Parlament gebilligt werden. Profitieren sollen Migranten ohne Papiere, die schon vor dem 1. Januar 2026 in Spanien waren, dort mindestens fünf Monate ununterbrochen gelebt haben und keine Vorstrafen haben.
Die Botschaft aus Madrid ist klar: Wer längst da ist, arbeitet und benötigt wird, soll nicht weiter in der Illegalität leben, sondern integriert werden. Sánchez, ein Sozialdemokrat, verteidigte den Schritt als „Akt der Gerechtigkeit“, der auch der Wirtschaft zugute komme. „Was wir tun, ist, Rechte für Bürger anzuerkennen, die bereits in unserem Land sind“, sagte der Regierungschef.
Sánchez argumentiert, es gehe um Menschen, die längst Teil der gesellschaftlichen Realität seien: Sie pflegen Alte, arbeiten auf dem Bau, in der Landwirtschaft, in Hotels, Restaurants und im Tourismus oder schlagen sich in anderen prekären Jobs durch – oft ohne Vertrag, ohne Schutz und ohne Rechte.
Getragen wird die spanische Ausländerpolitik von einer in Europa derzeit eher seltenen Allianz. Hinter der Regularisierung stehen die katholische Kirche, Sozialverbände, Gewerkschaften und auch weite Teile des Arbeitgeberlagers. Sánchez sagte, die Regularisierung sei für Spanien sinnvoll, „weil Arbeitskräfte gebraucht werden, um weiter wachsen zu können“.
Vor allem die Wirtschaft drängt seit langem auf einen pragmatischeren Umgang mit den bereits im Land lebenden Migranten. Branchen wie die Bau-, Agrar- und Tourismusindustrie klagen seit Jahren über Personalmangel.
Viele der bisher papierlosen Zuwanderer arbeiten ohnehin schon – meist auf dem Schwarzmarkt. Mit der Legalisierung, so das Kalkül der Regierung, sollen mehr Menschen regulär beschäftigt werden, in die Sozialkassen einzahlen und auch Steuern entrichten.
Eine demografische Notwendigkeit
Der Schritt sei auch eine demografische Notwendigkeit, heißt es: Spaniens Bevölkerung sei zunehmend überaltert und die Geburtenrate sei viel zu niedrig – ohne zusätzliche Erwerbstätige gerate das Wirtschafts- wie das Sozial- und Rentensystem zunehmend unter Druck. Die Legalisierung der Einwanderer liege somit im Eigeninteresse des Landes, sagte Sánchez.
Der Beschluss fällt übrigens nicht in eine Phase steigender irregulärer Einwanderung, sondern sinkender Zahlen. Obwohl Bilder von Bootsankünften und Unglücken im Mittelmeer wie im Atlantik regelmäßig Schlagzeilen machen, geht die Zahl der irregulären Migration nach Spanien wie nach ganz Europa deutlich zurück.
Nach vorläufigen Frontex-Daten sank die Zahl der irregulären Grenzübertritte an den EU-Außengrenzen in den ersten Monaten 2026 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um annähernd 50 Prozent. Damit setzt sich der Trend der vorherigen Jahre fort.
Spaniens Opposition aus der konservativen Volkspartei und der rechtsnationalen Bewegung Vox läuft dennoch Sturm gegen das Dekret. Sie warnen vor einem angeblichen „Sogeffekt“ und zusätzlichem Druck auf öffentliche Dienste.
Die Regierung weist das zurück und betont, dass die Maßnahme ausschließlich für Menschen gilt, die schon vor dem Stichtag, dem 1. Januar 2026, im Land waren. Wer später kommt, hat keinen Anspruch.