Russland
Vom „Satansland Amerika“ zum „Zwillingsbruder“ : Wie die Propaganda eine 180-Grad-Wendung vollzieht
„Enteisung“ auf Russisch: In nur wenigen Tagen vollzieht Russlands Propaganda eine 180-Grad-Wendung. Keine Verwünschungen samt „atomarer Asche“ gen USA mehr, sondern ein Umschmeicheln der „Alliierten“ in Washington. Das findet selbst manch ein Propagandist „paradox“.
Im russischen Fernsehen wird die neue Freundschaft mit den Vereinigten Staaten gefeiert Foto: AFP
„Wir hatten schon immer gute Beziehungen zu Amerika“, heißt es bei Wladimir Solowjow im russischen Staatssender „Rossija-1“. „Es ist ja gar nicht alles so wirr in den russisch-amerikanischen Beziehungen“, meint Dmitri Kisseljow ein paar Tage später. Und Olga Skabejewa erzählt in der Dauerbeschallung von „60 Minuten“, dass Wladimir Putin und Donald Trump nun „Alliierte“ seien. Russlands Propagandisten überschlagen sich in diesen Tagen mit allerlei verbalen Schmeicheleien in Richtung USA, vor wenigen Wochen noch ein „kraftloses, inkompetentes Satansland“, wo es allerlei „Verbote gibt, Mensch zu sein“. Gestern noch „Zähl deine letzten Tage, Amerika! Wir lassen unsere Interkontinentalraketen auf Washington fliegen“, heute schon „Wir haben dasselbe Denken, wir bilden ein Militärbündnis mit Amerika“. Kein Wort mehr vom „Niedergang“ oder „Siechtum“ der USA, nichts von verächtlichen „Amerikossy“ und „Freaks“, die sich selbst abschafften. Freundschaft ist angesagt. „Irgendwie paradox“, heißt es bei „60 Minuten“, „aber nun sind Russland und die USA Zwillingsbrüder“. Der Opportunismus war nie weg aus der Machart des russischen Staatsfernsehens.
Als die russisch-amerikanischen Beziehungen brach lagen, brüllte der Extremtalker Solowjow stets: „Amerika existiert nicht“, „Wir spucken auf Amerika.“ Nun umgarnt der Kreml Washingtons neuen Mann, und Solowjow ruft: „Wir sind die Einzigen, die die Psychologie der Amerikaner verstehen.“ Die „Enteisung“ habe begonnen, so nennt es Dmitri Kisseljow, der Motor der russischen Propaganda-Maschinerie schlechthin, in seiner Sonntagssendung „Nachrichten der Woche“.
Das Staatsfernsehen feiert Trump
Seit Donald Trump mit Wladimir Putin telefonierte und letztlich das russische Narrativ übernahm, ist in der offiziösen Medienlandschaft Russlands eine demonstrative Zuneigung zwischen Russland und den USA ausgebrochen. Putin selbst spricht seit dem Treffen der russischen und amerikanischen Delegationen in Saudi-Arabien von „anderen Amerikanern“ und bescheinigt Trump, „objektive Informationen“ zu konsumieren. Allein deshalb habe dieser seine Haltung gegenüber Russland geändert, so Putin. „Nichts Besonderes“, meinte er in der vergangenen Woche bei seinem Besuch einer Drohnenfabrik in Sankt Petersburg. Das Staatsfernsehen feiert Trump als Putins Bruder im Geiste, als „zurückhaltenden“ Friedensengel, der – zusammen mit Russland – die Ukraine „zu Ende zerquetschen“ werde. „Die Spielregeln haben sich geändert“, ruft da Olga Skabejewa bei „Rossija-1“ geradezu triumphierend. „Selenskyj bekommt eine eiskalte Dusche.“ Ihre Gäste im Studio sind voller Häme. Das russische Fernsehpublikum, in Apathie verfallen, pflegt ohnehin längst die Normalisierung des Grausamen.
Lasst uns zusammen mit Amerika Europa aufteilen
Wladimir Solowjow
Propagandist im russischen Fernsehen
Seit Jahren hatte Putin ein direktes Kräftemessen mit Washington gesucht, und sei es durch einen verheerenden Krieg in der Ukraine. Damit versucht er, sein Nachbarland unter die russische Kontrolle zu bringen. Durch den Krieg formt er auch sein eigenes Land um. Mit etwaigem „Frieden“ werden die Repressionen in Russland nicht verschwinden. Der Staat mischt sich in praktisch jeden Lebensbereich ein und macht alle, die Kritik nur zu äußern wagen, mundtot. In den Augen des amerikanischen Präsidenten aber ist es der ukrainische, in freien und fairen Wahlen gewählte Präsident Wolodymyr Selenskyj, der ein „Diktator ohne Wahlen“ sei. Trump agiert in Putin’scher Manier der Täter-Opfer-Umkehr. Die Realität spielt dabei keine Rolle.
Der neue Gegenspieler ist nun Europa
Schon ist es kein russisch-amerikanisches Kräftemessen mehr, es ist ein Seitenwechsel Amerikas und für Putin ein wunderbares Geschenk. Vorbei ist die Rhetorik, wonach die USA das Übel der Welt seien, verantwortlich für alles: für den Krieg in der Ukraine genauso wie für die nicht funktionierende Heizung in irgendeinem beliebigen sibirischen Dorf.
Der neue Gegenspieler nun: Europa. Die Länder, die Moskau bis vor Kurzem noch als „zustimmend grunzende Satelliten der Vereinigten Staaten“ ansah, als Vasallen ohne jegliche Entscheidungsfreiheit. Sie sollen nun an allem Schuld sein. „Rüpel“ nennt Putin sie nun. Und die Propaganda tut ihr Übriges: „Lasst uns zusammen mit Amerika Europa aufteilen“, brüllt Wladimir Solowjow in seinem „Abend“. „Europa soll nicht in Hysterie verfallen“, rät Dmitri Kisseljow. Russland mache das, was ihm zustehe: „Mit Amerika verhandeln“.
Während es Trump darum geht, den Krieg in der Ukraine, wie er seinen Wählern versprochen hatte, schnell zu beenden, kann Putin warten. Sein System ist längst auf den Krieg ausgerichtet, politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich. Er hat keine Eile. So füttert die Propaganda weiterhin das Narrativ, Moskau sei stets bereit für Verhandlungen gewesen. Es seien lediglich Selenskyj und die Europäer, die am Krieg festhielten.