Reportage

Unsere Korrespondentin hat sich beim letzten Kaufrausch in Moskau mit in die Schlange gestellt 

Westliche Firmen ziehen sich aus Russland zurück, die Läden in den Einkaufszentren machen dicht, die Menschen stehen stundenlang Schlange, für Kaffee, Kleider, Kosmetik. Unsere Korrespondentin hat sich dazugestellt.

„Mein ganzes Leben stehe ich unter Dauerstress“: Menschen stehen in Moskau Schlange zum Einkaufen 

„Mein ganzes Leben stehe ich unter Dauerstress“: Menschen stehen in Moskau Schlange zum Einkaufen  Foto: Vlad Karkov/SOPA Images via ZUMA

Walentina Afanasjewa schließt die Augen. Für einen kurzen Augenblick ruft sie sich plötzlich die Vergangenheit in Erinnerung. „Der Geschmack des Herings, der war ganz unglaublich. Der leckerste Hering meines Lebens.“ Sie macht die Augen wieder auf, ein kalter Schauer laufe ihr über den Rücken, sagt sie. Es ist eine Vergangenheit, die Walentina Afanasjewa längst überwunden zu haben schien. Sieben Stunden habe sie zusammen mit ihrer Mutter für den Fisch angestanden, als Heranwachsende in den 1990er-Jahren. Der Hering, kurz vor Neujahr, ein traditionelles Gericht der russischen Feiertagsküche. „Sieben Stunden! Nach so was schmeckt wahrscheinlich selbst der trockenste Hering wie der leckerste Kaviar.“ Sie versucht zu lachen, schaut aber schnell zu Boden. Sie ist jetzt Mitte 40 und steht wieder in einer Schlange, den Korb in ihrer Hand voller Kleider, die Kasse weit weg. Alle paar Minuten macht sie einen Schritt nach vorn.

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