Nach Starlink-Drosselung
Ukraine wirft USA Unterstützung Russlands vor
Nach neuen russischen Luftangriffen auf die Ukraine und einer offenbar fehlenden Warnung durch die westlichen Verbündeten hat ein ranghoher Vertreter der Kiewer Regierung den USA vorgeworfen, Russland im Krieg gegen sein Land zu unterstützen.
Bei den russischen Terrorattacken auf Kiew kamen am Mittwoch mindestens fünf Menschen ums Leben Foto: AFP/Genya Savilov
„Es war bereits zweimal so, dass uns die Amerikaner nicht über den Start russischer Raketen informiert haben, als unser Energiesektor attackiert wurde“, sagte der Regierungsvertreter in Kiew am Mittwoch. Bei den neuen Attacken wurden in Kiew mindestens fünf Menschen getötet, auch in anderen Landesteilen gab es Tote.
„Es ist offensichtlich, dass sie Russland aus irgendeinem Grund helfen“, sagte der Regierungsvertreter weiter. „Obendrein haben sie die Geschwindigkeit von Starlink gedrosselt“, führte er weiter aus. Zuvor hatte bereits der Technologieberater des Verteidigungsministeriums, Serhij Beskrestnow, erklärt, dass der Betrieb des US-Satelliten-Kommunikationssystems Starlink in der Nacht stark eingeschränkt gewesen sei, was zum Scheitern ukrainischer Angriffe geführt habe.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte nach den neuen russischen Angriffen, sein Land sei von den Verbündeten nicht rechtzeitig gewarnt worden. „Wieder einmal keine Vorwarnung von unseren Partnern“, schrieb er am Mittwoch im Onlinedienst Facebook. Am Abend zuvor hätten die ukrainischen Systeme die russischen Raketen erst erfasst, als diese sich bereits der Hauptstadt Kiew näherten. „Das ist absolut ungerecht: Während sie unsere Infrastruktur zerstören, erhält die Ukraine noch nicht einmal Frühwarnungen über Raketenstarts“, schrieb der ukrainische Präsident.
Auf Informationen aus hauptsächlich den USA angewiesen
Der Technologieberater des Verteidigungsministeriums, Beskrestnow, erklärte, die Starlink-Drosselung habe der Ukraine „eine der wenigen Chancen“ genommen, sich gegen neuartige, mit einem Strahltriebwerk ausgestattete Drohnen vom Typ Schahed zu wehren. Ein weiterer ukrainischer Regierungsvertreter sagte AFP, die Starlink-Störung schränke die Logistik erheblich ein. Die Drosselung helfe Russland.
Die Ukraine ist in ihrem Abwehrkampf gegen Russland in hohem Maße auf westliche Geheimdienstinformationen angewiesen, insbesondere aus den USA. Dabei geht es um Warnungen vor russischen Raketen sowie die Identifizierung eigener Angriffsziele. Medienberichten zufolge hatte Washington damit gedroht, die Übermittlung dieser Informationen einzustellen.
Das vom Konzern SpaceX des US-Milliardärs Elon Musk betriebene Starlink-System nutzt die ukrainische Armee wiederum für ihre Kommunikation an der Front. Musk hat seine Haltung gegenüber der Ukraine seit dem Beginn des russischen Angriffskriegs mehrfach geändert.
US-Regierung bestreitet Vorwürfe
Ein US-Regierungsvertreter bestritt am Mittwoch, dass sich die Position Washingtons gegenüber Kiew in Bezug auf den Austausch von Geheimdienstinformationen verändert habe. NATO-Generalsekretär Mark Rutte bestätigte bei einem Besuch in Estland, dass US-Präsident Donald Trump versichert habe, dass der Austausch der Informationen nicht gestoppt worden sei. Trump habe sich „sehr deutlich geäußert“, sagte Rutte. Er rief die Verbündeten dazu auf, die Ukraine bei der Luftverteidigung stärker zu unterstützen.
Auch die EU erklärte, dass ihr „keine Anzeichen“ dafür vorlägen, dass Washington die Weitergabe eingestellt habe. Deutschlands Außenminister Johann Wadephul sagte in Berlin, er erkenne nicht, dass es „eine substanzielle Verringerung“ der US-Unterstützung gebe.

Ein Verwundeter sitzt nach einem russischen Luftangriff vor seinem zerstörten Wohnhaus in Kiew Foto: AFP/Genya Savilov
Der Kreml wiederum teilte mit, alle Entwicklungen aufmerksam zu verfolgen, die auf eine mögliche Änderung der US-Politik gegenüber der Ukraine hindeuteten. Es sei aber noch zu früh, Schlüsse zu ziehen, sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow in Moskau.
Wegen der infolge des Iran-Kriegs stark gestiegenen Kraftstoffpreise steht US-Präsident Donald Trump kurz vor den US-Zwischenwahlen unter starkem Druck. Er hat deshalb unlängst ein Ende der ukrainischen Angriffe auf die Energieinfrastruktur in Russland verlangt und angekündigt, trotz geltender Sanktionen russische Diesel-Importe in die USA zuzulassen. Nach Kritik Selenskyjs an der Vereinbarung forderte Trump dessen Ablösung und Neuwahlen in der Ukraine.
600.000 Menschen ohne Strom
Bei den neuen russischen Angriffen wurden in der Hauptstadt Kiew in der Nacht zu Mittwoch nach ukrainischen Angaben mindestens fünf Menschen getötet und dutzende weitere verletzt. Getroffen wurde auch ein Heizkraftwerk, wodurch in vielen Stadtteilen die Strom- und Wasserversorgung ausfiel. Rund 600.000 Menschen waren in der Folge ohne Strom.
Die ukrainische Armee meldete zudem zwei Tote und sechs Verletzte durch russische Angriffe in der Region Dnipropetrowsk. Ein weiterer Mensch wurde in der südöstlichen Region Saporischschja getötet. Angriffe wurden zudem aus den Regionen Charkiw und Schytomyr sowie aus den Städten Sumy und Tschernihiw gemeldet.
Russische Behörden berichteten ihrerseits von zahlreichen ukrainischen Angriffen. Dem Gouverneur der Region Saratow zufolge wurde dabei in der Stadt Balakowo ein Mensch getötet. Das russische Verteidigungsministerium erklärte, über Nacht hätten die Luftverteidigungssysteme 902 ukrainische Drohnen zerstört.
Rutte: NATO-Verbündete müssen Ukraine mehr Luftabwehr liefern
NATO-Generalsekretär Mark Rutte hat die Bündnisstaaten aufgefordert, der Ukraine mehr bei der Verteidigung gegen russische Angriffe zu helfen. „Mit dem herannahenden Winter und der unablässigen Aggression Russlands müssen die Verbündeten mehr tun, insbesondere zur Unterstützung der Luftverteidigung“, sagte Rutte am Mittwoch in der estnischen Hauptstadt Tallinn.
Russland setze seine Angriffe auf ukrainische Zivilisten ebenso fort wie seine „hybride Kampagne gegen die NATO-Verbündeten“, betonte der NATO‑Generalsekretär. Der russische Präsident Wladimir Putin versuche, „unsere Entschlossenheit zu schwächen und unsere Unterstützung für die Ukraine zu stoppen“, fuhr er fort. „Wir lassen uns nicht einschüchtern.“
Die NATO sei auf die russischen Aktionen vorbereitet, sagte Rutte. Die Antwort des Bündnisses sei „nicht immer sichtbar“, fügte er hinzu. „Aber das Entscheidende ist: Wir sind stärker. Russland ist nicht in einer guten Lage. Diese hybriden Angriffe und all das sind ein Zeichen von Schwäche.“
Russland hat in den vergangenen Monaten seine Angriffe auf die Ukraine intensiviert, die Zahl ziviler Opfer stieg deutlich. Zudem hat Russland wieder vermehrt die ukrainische Energieinfrastruktur ins Visier genommen. Der Ukraine mangelt es an Luftabwehrsystemen und -raketen zur Verteidigung gegen die Angriffe.
In mehreren NATO-Ländern gab es zudem in den vergangenen Monaten vermehrt Sabotageakte und andere hybride Angriffe. So wurde Ende Juli eine mit Sprengstoff versehene Drohne auf dem Flughafen Leipzig entdeckt. Estland beschuldigte Ende September Russland, für einen Brandanschlag auf das estnische Rüstungsunternehmen Milrem Robotics verantwortlich zu sein. (AFP)